Allerdings: Seit Jahrzehnten hält sich hartnäckig das Gerücht, dass einige Seglerarten fast ihr gesamtes Leben lang in der Luft bleiben können. Nur zum Brüten sollen die Vögel auf den Boden herunterkommen. Eindeutige Belege dafür gab es allerdings nicht. Liechti und seine Kollegen gingen der Sache nun mit Hilfe modernster Technik auf den Grund: Sie rüsteten sechs in der Schweiz heimische Alpensegler mit miniaturisierten Licht- und Beschleunigungssensoren sowie einem GPS-Modul aus. Diese zeichneten die Aktivität der Tiere über die gesamte Zeit ihres Zuges nach Süden und auch im Winterquartier auf. Nachdem die Vögel im darauffolgenden Jahr wieder in ihr Brutgebiet in der Schweiz zurückgekehrt waren, fingen die Forscher die Tiere ein und nahmen ihnen die Sensoren ab und werteten die darin gespeicherten Daten aus.
200 Tage in der Luft – ohne Pause
“Zu unserer großen Überraschung änderte sich das Flugverhalten der Alpensegler auf dem Zug und im Winterquartier gegenüber dem Verhalten im Brutgebiet drastisch”, berichten die Biologen. Tagsüber wechselten die Vögel zwischen Gleitflug und aktivem Flügelschlagen, nachts sank ihre Aktivität ab und sie gingen in längere Gleitphasen über. Was aber fehlte war jeder Hinweis auf eine längere Pause oder Rast am Boden. Die Segler müssen demnach den gesamten 2.000 Kilometer langen Flug nach Westafrika Nonstop zurückgelegt haben, so die Schlussfolgerung der Forscher.
Aber noch viel erstaunlicher: Selbst nach ihrer Ankunft im Winterquartier dachten drei der sechs Alpensegler offenbar nicht daran, sich am Boden zu erholen und den versäumten Schlaf nachzuholen. Ganz im Gegenteil: Die Vögel blieben auch während der gesamten Zeit in Afrika in der Luft, wie die Daten verrieten. Insgesamt verbrachten die Alpensegler rund 200 Tage und damit deutlich mehr als ein halbes Jahr pausenlos in der Luft. Zwar können die Biologen nicht ausschließen, dass die Vögel nicht vielleicht doch ein paar Minuten am Boden verbrachten. “Dennoch ist klar, dass sie über mehrere Monate hinweg alle lebensnotwendigen physiologischen Funktionen im Flug erledigt haben müssen”, konstatieren sie.
Das aber bedeutet, dass die Alpensegler nicht nur im Flug fressen, was schon bekannt war, sondern dass diese Vögel sogar während des Fliegens schlafen können. In den Bewegungsdaten finden sich tatsächlich Perioden, in denen sie langanhaltend segeln – das könnte auf Phasen des Schlafs hindeuten, mutmaßen Liechti und seine Kollegen. Offenbar haben die Alpensegler eine Schlafmethode gefunden, die ihnen trotz der Ruhe eine rudimentäre Kontrolle ihrer Fluglage ermöglicht. Möglicherweise funktioniere dies ja ähnlich wie bei Delfinen, die jeweils nur mit einer Hirnhälfte schlafen, spekulieren die Biologen. In jedem Falle scheinen diese Nickerchen erholsam genug zu sein, dass die Vögel selbst nach überstandener Reise keinen Schlaf am Boden nachholen müssen.





