Im Mittelalter glaubten Menschen tatsächlich, dass die in Europa gehandelten Hörner von geheimnisvollen Pferdewesen stammen. Die „realen Einhörner“ haben mit diesen Fabeltieren allerdings nur wenig gemeinsam: Bei dem Horn, das männliche Narwale (Monodon monoceros) tragen, handelt es sich um einen gewundenen Zahn, der die Oberlippe der Meeressäuger durchbricht und weit über sie hinauswächst: Der bizarre Stoßzahn kann über ein Drittel der Gesamtlänge eines Narwals ausmachen. Man könnte meinen, eine so herausragende Struktur besäße auch eine offensichtliche Funktion. Doch das ist nicht der Fall. Über den Zweck des Horns zerbrechen sich Biologen schon lange den Kopf. Das Problem ist, dass Narwale fast so geheimnisvoll sind wie ihre mythischen Pendants: Da sie verborgen unter der Meeresoberfläche in den einsamen Weiten der arktischen Meere leben, ist nur wenig über die Verhaltensweisen dieser skurrilen Vertreter der Zahnwale bekannt.
Da mit wenigen Ausnahmen nur Männchen ein Horn tragen, lag bereits eine Funktion im Zusammenhang mit der Partnersuche oder dem Konkurrenzkampf um Weibchen nahe. Doch es schien auch möglich, dass der Zahn eine Rolle bei speziellen Verhaltensweisen oder Strategien der Nahrungssuche spielen könnte, die sich möglicherweise zwischen den Geschlechtern unterscheiden. Er könnte etwa dem Durchbrechen der Eisdecke dienen, zum Durchwühlen des Meeresbodens oder als ein empfindsames Instrument zur Orientierung – so einige der bisherigen Spekulationen.
Ein geheimnisvolles Gebilde
Der Bedeutung des Stoßzahns hat ein Forscherteam um den Evolutionsbiologen Zackary Graham von der Arizona State University nun erneut eine Studie gewidmet. Sie gingen der Vermutung nach, dass der Stoßzahn für die Wale eine ähnliche Bedeutung besitzt wie die Geweihe der Hirsche oder das Federkleid des Pfaus. Dabei handelt es sich um Merkmale, die der sexuellen Selektion unterliegen: Weil beispielsweise ein besonders prächtiges Pfauenrad die biologische Fitness ihres Trägers anzeigt, bevorzugen Pfauenweibchen Partner mit üppigem Federschmuck – und das wiederum fördert die Weitergabe dieses Merkmals an die nächste Generation. Diese „geschlechtliche Zuchtwahl“ definierte schon Charles Darwin als einen möglichen Hintergrund für die Entwicklung von geschlechtsspezifischen Merkmalen bei Lebewesen. “Die sexuelle Selektion ist für die Entstehung einiger der verrücktesten Merkmale in der Biologie verantwortlich”, sagt Graham.
Im Rahmen der Studie wählten er und seine Kollegen einen ungewöhnlich wirkenden Ansatz, um zu überprüfen, ob es sich auch bei dem skurrilen Stoßzahn des Narwals um ein solches Merkmal handelt. Aus früheren Studien und auch aus Grahams eigenen Untersuchungen geht hervor, dass sexuelle Selektion sich in einem charakteristischen Zusammenhang widerspiegelt: Beim Vergleich gleichaltriger Individuen weisen sexuell selektierte Merkmale ein überproportionales Wachstum auf. Das heißt, sie sind bei einer bestimmten Körpergröße häufig größer als im Schnitt zu erwarten wäre. Vor diesem Hintergrund haben die Wissenschaftler nun die Maße von 245 erwachsenen männlichen Narwalen ausgewertet.





