Menschliche Bejagung und der Klimawandel haben bereits zahlreiche Arten an den Rand des Aussterbens gedrängt. Einige sind für immer verschwunden, doch andere haben ein fulminantes Comeback hingelegt – darunter der Nördliche See-Elefant (Mirounga angustirostris). Dieser schwergewichtige Meeressäuger kommt an der Westküste der USA und Kanadas vor und stand Anfang des 20. Jahrhunderts aufgrund intensiver Bejagung kurz vor der Ausrottung. „Genetische Analysen deuten darauf hin, dass die Population zu dieser Zeit wahrscheinlich auf weniger als 25 Tiere reduziert war“, erklärt Joseph Hoffman von der Universität Bielefeld.
Doch dank eines Refugiums auf der Insel Guadalupe vor der Küste Kaliforniens konnten die Nördlichen See-Elefanten sich wieder erholen. Bis 1922 gab es schon wieder 350 von ihnen, bis 2010 sogar etwa 225.000 Individuen.
Happy End oder genetisches Desaster?
Auf den ersten Blick klingt diese Populationsentwicklung nach einem Happy End für den Nördlichen See-Elefanten, doch ein solches Beinahe-Aussterben kann nicht spurlos an seinem Genpool vorübergegangen sein. Damit aus 25 wieder 225.000 Individuen werden konnten, muss es unter den Überlebenden zu Inzucht gekommen sein. Im Laufe der Jahrzehnte wurde das begrenzte genetische Ursprungsmaterial somit einfach nur immer wieder neu vermischt und verarmte ohne Input von außen schließlich.
Solche Prozesse können unter den betroffenen Individuen zu erheblichen gesundheitlichen Problemen führen. Bei Menschen fördert Inzucht zum Beispiel das Risko für Erbkrankheiten, weshalb Ehen unter engen Verwandten hierzulande gesetzlich verboten sind. Doch hat dieses Schicksal der genetischen Verarmung auch die Nördlichen See-Elefanten ereilt? Um das herauszufinden, haben Hoffmann und sein Team die DNA und Gesundheitsdaten einer repräsentativen Untergruppe von 96 Tieren untersucht. Zusätzlich führten sie Simulationen durch, mit denen sie die genetische Entwicklung der See-Elefanten seit dem Anfang des 20. Jahrhunderts nachzeichneten.
Genetisch verarmt, aber nicht krank
Das Ergebnis: Zwar wiesen Hoffman und sein Team eine gesunkene genetische Vielfalt nach, doch diese hat zur Überraschung des Teams bislang keine gesundheitlichen Probleme bei den See-Elefanten hervorgerufen. Weder Körpergewicht noch Speckdicke noch Krankheitsanfälligkeit waren demnach durch das Beinahe-Aussterben in einen kritischen Bereich gefallen. Doch wie ist das möglich? „Wir vermuten, dass der starke Rückgang der Population viele schädliche Mutationen beseitigt haben könnte“, erklärt Hoffmann. Die Tiere hatten somit wahrscheinlich das Glück, dass die meisten krankmachenden Mutationen ihres Erbguts vor der Populationsexplosion ausradiert worden waren und daher nicht weitervererbt werden konnten.





