Es braucht keinen Musikprofi, um feine musikalische Unterschiede wie die Intensität oder die Dauer einer Note zu bemerken. Der Mensch muss dieses Unterscheidungsvermögen nicht einmal üben, da es ihm in die Wiege gelegt ist. Dies fanden jetzt Psychologen der Ohio State University heraus. Ihre Forschungsergebnisse haben sie kürzlich in der Zeitschrift “Journal of Memory and Language” veröffentlicht. Mit dieser Fähigkeit bemerken wir beispielsweise, dass zwei Musiker, die das selbe Stück spielen, trotzdem unterschiedlich klingen.
An den Experimenten nahmen 24 geübte und 16 ungeübte Musikhörer sowie 16 zehn Monate alte Babys teil. Mit ihnen testeten Caroline Palmer und ihre Kollegen das Unterscheidungsvermögen von Tönen, die von verschiedenen Menschen oder einem Computer produziert wurden.
Zunächst baten die Versuchsleiter die 24 geübten und und die 16 ungeübten Testpersonen, sich zwei kurze Musiksequenzen, die von einem elektronischen Klavier gespielt wurden, anzuhören bis sie damit vertraut seien. Anschließend spielten die Forscher selbst genau diese Stücke. Danach forderten sie die Versuchspersonen auf, anzugeben, welche Musiksequenz diejenige sei, mit der sie vertraut seien und welche “irgendwie” anders klinge – obwohl es sich ja objektiv um die gleiche Abfolge von Noten handelte. Es zeigte sich, dass sowohl die geschulten als auch die ungeschulten Musikhörer die Stücke, die von den Versuchsleitern gespielt wurden, als die unvertrauteren bestimmten.
Um auszuschließen, dass dieses Unterscheidungsvermögen sich durch die ständige Musikbeschallung in unserer Welt gebildet habe, führten Palmer und ihre Kollegen ähnliche Experimente auch mit 16 zehn Monate alten Babys durch. Hier ergab sich, dass die Babys ihren Kopf länger zu einer vertrauten Musik”interpretation” hinwandten als zu einer neuen, noch nicht gehörten “Aufführung” desselben Stücks.
Was die Ausführung ein und derselben musikalischen Sequenz von verschiedenen Personen unterschiedlich wirken lässt, sind die so genannten “prosodischen Merkmale”. Diese Merkmale sind nicht einem einzelnen Ton oder Laut zuzuordnen, sondern überlagern mehrere Einheiten. Sie zeigen sich etwa in der Stärke der Töne oder in den Pausen dazwischen. Dieses Unterscheidungsvermögen nach den prosodischen Merkmalen bezieht sich, wie die Forscher hervorheben, nicht nur auf Musik. Es ermöglicht dem Menschen auch, zwei Sprecher voneinander zu unterscheiden, die sonst von der Stimmlage, dem Alter und dem Geschlecht gleich sind.
Doris Marszk





