Über den weiß gekachelten Boden verteilen sich kleine Wasserlachen. Sie sind blutrot getrübt. Als habe jemand einen Pinsel darin ausgewaschen. Ein Fenster steht offen. Kalte Frischluft mischt sich mit dem Geruch des Todes. Sie kann ihn aber nicht vertreiben. Im Sektionsraum des Naturkundemuseums in Münster riecht es nach Verwesung.
Rippen, Schädel, Kiefer: alles liegt durcheinander
Ein Kühlschrank summt. Hinter seiner weißen Tür verbergen sich in winzigen Glasgefäßen Gewebeproben des Pottwals. In einer Salatschüssel befindet sich ein Auge, fast so groß wie ein Tennisball.
Das vielleicht beste Stück des Wal liegt ausgestreckt auf zwei zusammengestellten Tischen: der Penis. Bei einem Meeresriesen ist alles etwas größer, auch das Glied. Es ist mehr als anderthalb Meter lang und wiegt knapp 50 Kilogramm. Präparator Beckmann schlüpft in einen weißen Kittel und zieht Gummihandschuhe über. Dann greift er zu Papiertüchern und tupft mit ihnen den Walpenis behutsam ab. Hier und da löst sich die obere Hautschicht. “Die Fäulnis hat bereits eingesetzt”, stellt Beckmann fest. Er muss sich beeilen und das Glied einfrieren, um es vor der Verwesung zu bewahren. Doch vorher will Beckmann noch einen Gipsabdruck nehmen.
Die Zerlegung des Kadavers im Küstenort Meldorf zog viele Schaulustige an. “Der Wal musste mit zwei Treckern aus dem Wasser gezogen werden”, erinnert sich Beckmann an ein Spektakel. “Beim ersten Versuch war das Seil gerissen”, erzählt er. Später, das Tier war inzwischen an Land, wurde mit langstieligen Messern seine Speckschicht in Streifen abgezogen. “Sie war an manchen Stellen 20 Zentimeter dick”, berichtet Beckmann. Danach sei man durch Muskelgewebe zu den Organen und dem Skelett vorgestoßen. “Es war eine Knochenarbeit und hat gestunken wie die Pest”, sagt der Präparator aus Münster, dessen Nase einiges gewöhnt ist.
Mit Walzähnen, beiden Augen, Beckenknochen, Schulterblatt, Teilen von Darm und Magen sowie dem Penis kehrte Beckmann in seine Werkstatt zurück. Der Rest des aus rund 100 Knochen bestehenden Walskeletts wurde auf einem Lastwagen nach Stralsund ins Deutsche Meeresmuseum verfrachtet. Dort existiert die bundesweit einzige Anlage, um so riesige Knochen zu behandeln. Bei der Anlage in Stralsund handelt es sich um eine Spezialanfertigung. Sie besteht aus einem Schiffscontainer, der mit einer Heizung, Rohren und Wasseranschlüssen ausgestattet ist.
Beim Zusammenpuzzeln kann eine Menge schiefgeben
Uwe Beese, Chefpräparator des Deutschen Meeresmuseums, klettert an einer Leiter den blauen Container hinauf. Oben angekommen blickt er durch eine offene Luke auf das, was von dem Pottwal übrig ist: Schädel, Rippen, Wirbel und Kiefer – alles liegt durcheinander. Fleischfetzen hängen an den Knochen und strömen einen Duft aus wie in Beckmanns Sektionsraum. “Sie gammeln vor sich hin. Die Knochen bluten aus”, sagt Beese. Eigentlich sollten sie schon in einem Warmwasserbad liegen. Bei 40 Grad würden Bakterien die Verwesung beschleunigen und die Knochen von dem Fleisch befreien. Mazeration nennen Fachleute diesen Prozess, der mit einem Bad in Seifenlauge endet. Doch wegen Frostgefahr – es war inzwischen Anfang Januar – sei die Anlage derzeit nicht in Betrieb, sagt Beese.





