In den aktuellen Streit um die Evolutionstheorie hat sich nun auch der Papst eingeschaltet. Evolutionsbiologe Josef Reichholf verteidigt die Wissenschaft.
In einem Punkt muss ich dem Papst zustimmen: Die Wissenschaft kann die Evolution nicht vollständig erklären. Vollständige Erklärungen liefert allein der Glaube. Die Naturwissenschaft ist viel bescheidener. Stück für Stück arbeitet sie sich voran und schafft Wissen, das hinterfragt und widerlegt werden kann.
Es gebe zwar „viele wissenschaftliche Nachweise” für die Evolution, sagte Papst Benedikt XVI. im Juli bei einer Veranstaltung mit Priestern. Allerdings beantworte die Evolutionslehre nicht alle Fragen, schon gar nicht die Frage, „ woher alles kommt”. Bei der Tagung über „Schöpfung und Evolution” in Castel Gandolfo im vergangenen Jahr, deren Vorträge und Diskussionsbeiträge jetzt als Buch veröffentlicht wurden, war die päpstliche Kritik an der Wissenschaft sogar noch deutlicher ausgefallen.
Rein formal betrachtet stimmt der Papst dennoch mit allen Wissenschaftlern überein, die über die Evolution forschen: Den Anspruch auf Vollständigkeit hat kein seriöser Vertreter unseres Fachs je erhoben. Vollständigkeit zu beanspruchen, beschwört nämlich geradezu die Gefahr der Fehlbarkeit herauf. Und der Wunsch nach Unfehlbarkeit hat in der Naturwissenschaft nichts zu suchen.
An der Wirklichkeit scheitern unsere Wunschbilder oft. Auch die Naturwissenschaft ist dagegen nicht grundsätzlich gefeit. Doch das gereicht ihr nicht zum Schaden. Im Gegenteil: Fehlbar zu sein, stellt ihre Stärke dar, weil Fehler die Möglichkeit zur Korrektur und damit zur Verbesserung offen halten.
Tauchen also, eineinhalb Jahrhunderte nach Darwins epochalem Werk über den Ursprung der Arten, lediglich die alten Missverständnisse zwischen Theologen und Wissenschaftlern wieder auf? Das wäre bedauerlich. Denn die von Papst Benedikt XVI. am 1. und 2. September 2006 einberufene Tagung über „Schöpfung und Evolution” sollte mit ausgewählten Teilnehmern und herausragenden Vortragenden wohl einen neuen Markstein in der Debatte setzen. Das aus der Tagung hervorgegangene gleichnamige Buch wurde dem Papst zum 80. Geburtstag als „kleine Festgabe” von einem Kreis seiner Schüler gewidmet. Der Inhalt darf deshalb durchaus als Positionsbestimmung des Vatikans gewertet werden, zumal Benedikt XVI. in der ausführlich dokumentierten Diskussion immer wieder das Wort ergriff und eigene Gesichtspunkte beisteuerte.
Eine besondere Rolle wurde dem Wiener Kardinal Christoph Schönborn zuteil, der vor zwei Jahren mit einem Kommentar in der New York Times („Finding Design in Nature”, zu Deutsch: „Den Plan in der Natur entdecken”) den in Kreisen amerikanischer Evangelikaler schwelenden Debatten um die Evolution neuen Zündstoff geliefert hat. Im Buch ist er gleich zweimal vertreten: Mit einem sehr ausführlichen Vorwort und mit dem Vortrag „Zur Evolutionismusdebatte”. Der Papst würdigte das Vorgehen des Kardinals folgendermaßen: „Mir kommt es vor, dass es die Vorsehung war, die dich, Eminenz, dazu geführt hat, in der New York Times eine Glosse zu schreiben, dieses Thema wieder öffentlich zu machen und zu zeigen, wo die Fragen sind: dass es nicht darum geht, sich entweder für einen Kreationismus zu entscheiden, der sich der Wissenschaft grundsätzlich verschließt, oder für eine Evolutionstheorie, die ihre eigenen Lücken überspielt und die über die methodischen Möglichkeiten der Naturwissenschaft hinausreichende Fragen nicht sehen will. Es geht vielmehr gerade um dieses Zusammenspiel von verschiedenen Dimensionen der Vernunft, in dem sich auch der Weg zum Glauben öffnet.”
Der Auftrag der Tagung war damit klar formuliert. Kein Wunder, dass es der Wiener Chemiker und Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Peter Schuster, schwer hatte, die Evolutionsbiologie zu vertreten. Von Seiten der Theologie und Philosophie trugen neben Kardinal Schönborn auch der Philosoph Robert Spaemann, der Naturphilosoph und Jesuit Paul Erbrich sowie im Anhang der Fundamentaltheologe und Dogmatiker Siegfried Wiedenhofer ihre Sicht der Evolution vor.
Das reichte für Medienschlagzeilen wie „Papst weist Naturwissenschaft in die Schranken” (Spiegel online). Reicht es auch für eine neue Diskussion über die Evolution? Verpackt in päpstliche neue Kleider vielleicht? Denn das amerikanische Modewort „Intelligent Design” beschreibt nichts wirklich Neues: Inhaltlich drückt es kaum mehr aus als den mittelalterlichen Glauben an die Weisheit Gottes, die überall in seiner Schöpfung zu sehen sei. Die Natur stelle ein einziges Lob auf den Schöpfer dar und den besten Gottesbeweis. Doch ist die Natur so perfekt?
Josef Kardinal Ratzinger waren anscheinend selbst Zweifel gekommen, als er einst mit seinem Bruder das Naturhistorische Museum in Wien besuchte und feststellte: „Wir waren bestürzt über so viel Schreckliches in der Natur.” Das Schreckliche in der Natur bereitet der kirchlichen Weltsicht auch große Probleme. Das Schlagwort vom „Intelligent Design” ändert nichts daran. Im Gegenteil: Die konkreten Gegebenheiten in der lebendigen Natur müssten eher dazu verführen, auf eine zweite, eine teuflische Intelligenz zu schließen! Ein paar Beispiele mögen das verdeutlichen:
Da klettert in einer spätsommerlichen Wiese eine dicke Ameise am Grashalm hoch, dreht sich kurz unterhalb der Spitze um und fängt an, mit dem Hinterleib auf und ab zu wippen. Was wie eine Ameise aussieht, ist jedoch das Larvenstadium einer Wanze. Sie ahmt die Ameisenform täuschend ähnlich nach. Dennoch ist ihr Verhalten unnormal. Ausgelöst wird es nämlich von einem fadendünnen, über fünf Zentimeter langen Wurm, der den ganzen Hinterleib der Wanze ausfüllt und ausgefressen hat. Das auffällige Wippen macht kleine Singvögel neugierig. Sie verzehren die süßlich schmeckende Wanze und nehmen damit den Wurm auf, für den sie so zum Überträger werden. „Rotrückiger Irrwisch” heißt diese Wanzenart, weil sie sich ihren Feinden behände zu entziehen weiß. Nicht so die vom Wurm parasitierte Larve: Sie bietet sich geradezu an, gefressen zu werden. Schön intelligent – im Sinne des Wurms! Ähnliches verursacht ein ganz anderer Parasit aus der Gruppe der Saugwürmer im „Fühler” von Bernsteinschnecken. Er lässt den Augenstiel anschwellen und pulsieren, was wiederum Singvögel anlockt.
Raffiniert wirken solche durch parasitische Würmer verursachten „Umprogrammierungen” allemal. Doch was mag sich der intelligente Designer dabei gedacht haben, als er Derartiges auf die Bahn brachte? Gar nicht raffiniert, sondern einfach eklig ist es, wenn die Larven bestimmter Fliegen manchen Kröten Nase, Stirn und Augen zerfressen oder wenn die kindlich-rundlichen Köpfe „ süßer” Kaninchen von Myxomatose-Viren so entstellt werden, dass die armen Tiere verschwollen herumtorkeln und elend zugrunde gehen. Doch all das gehört zur Vielfalt des gegenwärtigen Lebens.
Wie lassen sich weiter die Millionen ausgestorbener Arten, die vielen erdgeschichtlichen Großkatastrophen wie Meteoriteneinschläge, Vulkanausbrüche, Überflutungen und Kontinentalverschiebungen mit einem intelligenten Plan vereinbaren? Sind die „Entwürfe” misslungen? Was mag die Irrwisch-Wanze „verbrochen” haben, dass sie mit solchen Parasiten „bestraft” wird? Die Natur ist eben nicht so schön und gut, wie man sie sich in Unkenntnis ihrer Wirklichkeit vorstellen mag.
Vor allem aber ist die Natur veränderlich. Seit Jahrhunderten ist dies bekannt. Und 250 Jahre ist es her, dass Carl von Linné auf den Bau der Blüten bezogen sein natürliches System der Pflanzen begründet hat. Dieses System hat sich für die Pflanzen wie auch für die Tiere bis in die Gegenwart bewährt. Auch der Mensch hat darin seinen Platz. Immer wieder ist dieses natürliche System durch neue Erkenntnisse und Methoden verbessert worden. Es liefert die Stammbäume, welche die Darwin’sche Evolutionslehre plausibel machen. Inzwischen kann die Evolutionsbiologie die Abstammungsverhältnisse der Organismen häufig sogar mit mindestens drei voneinander unabhängigen Methoden ermitteln. Über physikalische und chemische Methoden erhält sie Zeit- und Altersbestimmungen, mit der klassischen Methode des Vergleichs von Ähnlichkeiten macht sie die Verwandtschaft plausibel, und über die Analyse von Übereinstimmungen und Unterschieden im Genom kann sie noch exaktere Stammbäume aufstellen: die Ahnentafeln der Natur.
Die neue molekulare Genetik eröffnet seit einigen Jahrzehnten direkte Einblicke in die Stammesgeschichte der Organismen. Evolution kann mit dieser Methode bei Viren, Bakterien, Würmern und Insekten im Labor im Gegensatz zur päpstlichen Annahme richtig experimentell verfolgt und erforscht werden. Die angewandte Molekulargenetik hat über die Gentechnik auch den direkten Zugriff auf das Erbgut und seine gezielte Veränderung ermöglicht – und damit den Beweis erbracht, dass die Deutungen der Molekulargenetik richtig sind.
An Beweisen fehlt es also nicht, und auch der Papst sieht in ihnen, wie er jetzt sagte, „eine Realität, die die Kenntnis des Lebens bereichert”. Doch oft fehlt es am theoretischen Verständnis. Die Rolle des Zufalls in der Biologie scheint jenen Schwierigkeiten zu bereiten, die sich gern auf einen festen Kanon „alter Schriften” stützen, in diesem Fall: auf die Bibel und auf Charles Darwin. Peter Schuster hat in Castel Gandolfo zwar tapfer versucht, über die molekularen Mechanismen der Erbänderungen die Vorgänge der Evolution verständlich zu machen. Doch anscheinend ist es ihm nicht gelungen, die alten – und falschen – Vorstellungen vom Zufall in der Evolution auszuräumen.
Denn der Zufall ist kein Lotteriespiel. Möglich ist nur, was das Vorhandene zulässt. Der „Zufall” ist stark eingeschränkt, und viele Fehler, die durch Mutationen entstehen, werden vom Genom korrigiert. Ordnung baut auf Ordnung auf, Neues geht aus dem Vorhandenen hervor. So komplizierte Gebilde wie Augen entstanden nicht durch Zufall, sondern über sehr viele Zwischen- und Übergangsstadien. Evolution geht aus der Wechselwirkung eingeschränkter und sich wieder neu eröffnender Freiheitsgrade hervor. Der bloße Zufall ist so bedeutungslos wie die Unbestimmtheit im (sub)atomaren Bereich für die wirkliche Struktur der Materie.
Schließlich zweifelt doch niemand daran, dass sich auch im Gang der menschlichen Geschichte stets klare Ursachen und Zufälle miteinander vernetzt haben. Der tatsächliche Verlauf der Historie ist sehr wohl im Rückblick zu analysieren, auch wenn es viele Lücken zu überbrücken gilt. Voraussagbar wird Geschichte deshalb allerdings nicht. Die Kreuzzüge des Mittelalters, die (Un)Heilige Inquisition, die Hexenverfolgung oder der Fall Roms lassen sich, wie alle historischen Großereignisse, natürlich nicht aus unserer Gegenwart erklären. Wer solches für die Evolution fordert, verkennt ihre Geschichtlichkeit. Ereignisse von weltgeschichtlicher Tragweite waren im 20. Jahrhundert das Dritte Reich oder die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki. Lag ihnen, lag dem verheerenden Tsunami von Weihnachten 2005 ein intelligenter Plan zugrunde?
Wie Neues entsteht, ohne dass die späteren Funktionen oder gar die weltumspannende Bedeutung, die daraus hervorgingen, aus den Anfängen ersichtlich wären, dafür geben die Entwicklung des Computers und des Internet überzeugende Beispiele. Wer also zweifelnd fragt, wie es in der Natur zu den „großen Schritten”, etwa der Entstehung des Lebens oder der Entwicklung des menschlichen Bewusstseins, gekommen sein kann, ohne dass da jemand planend eingegriffen hat, der verschließt die Augen vor den – ungeplanten – gegenwärtigen technischen oder gesellschaftlichen Entwicklungen.
Daher mutet es schon merkwürdig an, wenn Kardinäle sich ausgerechnet auf schöpfungsgläubige Wissenschaftler stützen, wenn es darum geht, die Evolution in Zweifel zu ziehen. Dies geschieht im Vorwort des Buchs „Schöpfung und Evolution”, in dem Schönborn eine Rede Ratzingers aus dem Jahr 1999 zitiert: Darin beruft sich der heutige Papst auf die beiden namhaftesten deutschen Kreationisten, Reinhard Junker und Siegfried Scherer, und ihr Buch „Evolution. Ein kritisches Lehrbuch”.
In dieser prekären Lage ist ein befreiendes Wort erforderlich. Der katholische Philosoph Robert Spaemann spricht es aus – mit Friedrich Schiller: „Feindschaft sei zwischen euch, noch kommt das Bündnis zu frühe!” Und weiter: „Wenn wir weder die Wissenschaft noch unser menschliches Selbstverständnis preisgeben wollen, dann müssen wir an dem Dualismus beider Weltsichten festhalten.”
Kardinal Schönborn klärt schließlich unfreiwillig mit seiner Kernfrage „Wieso ist der ‚Evolutionismus‘ mit seinem ideologischen Materialismus fast so etwas wie eine Ersatzreligion geworden?”, worum es in der neuen Debatte um die Evolution eigentlich geht: um Schwächen der Religion und nicht um vermeintliche Mängel der sich selbst korrigierenden und beständig verbessernden Naturwissenschaften, die keinen dogmatischen Zwängen unterliegen. Gerade das macht sie so „verdächtig”, sprich: so erfolgreich!
Wir Naturwissenschaftler können stolz das Haupt erheben: Die Erde wird sich weiter um die Sonne drehen, und die Forschung wird die Grenzen des Erforschbaren immer weiter ins Unbekannte hinausschieben. Zum Unbekannten lassen sich keine Grenzen ziehen, die wir nicht überschreiten dürften. ■
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LESEN
Vom Autor zum Thema:
Josef H. Reichholf
Was stimmt? Evolution
Die wichtigsten Antworten
Herder Verlag Freiburg 2007, € 7,90
Das im Essay behandelte Buch:
S. O. Horn, S. Wiedenhofer (Hrsg.)
Schöpfung und Evolution
Eine Tagung mit Papst Benedikt XVI. in Castel Gandolfo
Sankt Ulrich Verlag Augsburg 2007, € 16,90
Ohne Titel
Der Biologe Josef Helmut Reichholf, geboren 1945 in Aigen am Inn, leitet die Wirbeltierabteilung an der Zoologischen Staatssammlung München. Er lehrt an beiden Münchner Universitäten und ist Autor zahlreicher Bücher über Natur und Evolution.
Ohne Titel
· Die Naturwissenschaft kann die Evolution zwar nicht vollständig erklären, doch sie kann viele Beweise vorlegen.
· Es gibt deshalb keinen Grund, einen Plan in der Natur zu suchen oder von einem vollkommenen Schöpfer auszugehen.





