Schlechte Zeiten für Allergiker: Durch den Klimawandel schwirren die ersten Gräserpollen schon ab April durch die Lüfte, und vor November ist an Entwarnung kaum zu denken. Doch immerhin hat sich die Therapie bei einer Allergie gegen Gräserpollen jetzt deutlich vereinfacht. Bisher müssen die Patienten ganze Serien von Spritzen über sich ergehen lassen, bei denen ihnen die allergieauslösenden Substanzen (Allergene) in steigender Dosis verabreicht werden. Das Immunsystem bekommt so die Gelegenheit, sich langsam an die Allergene zu gewöhnen. Diese Desensibilisierungs-Prozedur dauert drei Jahre und ist mit zahlreichen Arztterminen verbunden. Bis zu 80 Injektionen sind dabei fällig. Besonders für Menschen mit einer Spritzenphobie ist das eine starke Belastung. Viele nehmen stattdessen lieber wochenlang eine triefende Nase sowie juckende und tränende Augen in Kauf und riskieren zudem ernste Folgeschäden wie chronisches Asthma oder entzündete Nebenhöhlen.
Jetzt setzen Allergologen wie Ludger Klimek, Leiter des zur Universität Mannheim gehörenden Zentrums für Rhinologie und Allergologie in Wiesbaden, große Hoffnungen in die neuen sogenannten Grastabletten: „Viele Allergiker, die bisher vor der Spritzenbehandlung zurückgeschreckt sind, dürften sich jetzt zu einer Therapie durchringen.” Die Tabletten enthalten die wichtigsten Gras-Allergene und schmelzen unter der Zunge.
Von der bisherigen Spritzentherapie profitieren 9 von 10 Pollenallergikern. Ihre Beschwerden gehen durchschnittlich um etwa 70 Prozent zurück. „An diese Erfolgsrate reichen wir auch mit den neuen Grastabletten heran”, so Ludger Klimek. Zusätzlicher Vorteil für die Patienten: Nur die erste Tablette muss in der Arztpraxis eingenommen werden. Wenn sich dabei keine schweren allergischen Reaktionen zeigen, können alle weiteren Pillen bequem in den eigenen vier Wänden eingenommen werden.
Nach vier bis sechs Wochen setzt die Wirkung ein. Um noch im gleichen Kalenderjahr davon zu profitieren, sollte die Therapie also spätestens im März beginnen. Bis der optimale Allergieschutz erreicht ist, dauert es – genauso wie bei der Spritzen-Desensibilisierung – etwa drei Jahre. Zugelassen sind die Grastabletten bisher für Erwachsene und Kinder ab zwölf Jahren. Eine Tablette für Kinder ab sechs steht kurz vor der Einführung.
Auch Allergiegeplagte, die nicht auf Gräser, sondern auf Pollen anderer Pflanzen, Tierhaare oder Hausstaub reagieren, können aufatmen. Für sie gibt es zwar noch keine Allergen-Tablette, aber doch andere Immuntherapie-Verfahren wie spezielle Tropfen, die zur Desensibilisierung unter die Zunge geträufelt werden, und moderne Formen der Spritzentherapie (Rush- und Cluster-Immuntherapie), die mit weniger „Piksern” auskommen. „ Viele weitere Allergien werden sich künftig mit einfachen Tabletten behandeln lassen”, hofft Ludger Klimek. Die Allergene müssen dafür anders aufbereitet werden als für Injektionslösungen. Bei Hausstaub-Allergenen arbeiten Experten schon fieberhaft daran. Dr. Ulrich Fricke
medinfo im April: Musiktherapie
MEHR ZUM THEMA
Internet
Deutscher Allergie- und Asthmabund: www.daab.de Ärzteverband Deutscher Allergologen: www.aeda.de
Lesen
Alexander Kapp, Bettina Wedi: ALLERGIEN KAUSAL BEHANDELN Urban und Vogel, München 2007, € 17,95
Kontakt
Prof. Dr. med. Ludger Klimek, Zentrum für Rhinologie und Allergologie Wiesbaden der HNO-Universitätsklinik Mannheim An den Quellen 10, 65183 Wiesbaden, www.allergiezentrum.org E-Mail: Ludger.Klimek@Allergiezentrum.org





