Stress macht nicht nur krank, er kann auch die Ursache dafür sein, wenn uns unser (Kurzzeit-) Gedächtnis trügt. Dies belegt eine Studie von Psychologen der University of Arizona: Wenn bei polizeilichen Gegenüberstellungen von Zeugen und Tätern die Zeugen die falsche Person in der Reihe benennen, könnte es sein, dass die Zeugen in der Gegenüberstellungssituation so unter Stress standen, dass die Erinnerung sie täuscht und sie einen Unschuldigen als Täter benennen.
Jessica Payne von der University of Arizona und ihre Kollegen führten mit 66 Studenten einen Test durch, in dem sie ihnen 20 Wörter vorlasen, die alle um das Thema “Müdigkeit und Ruhe” kreisten. Als sie einige Minuten später fragten, ob das Wort “Hut” vorkam, verneinten fast alle. Als sie aber fragten, ob das Verb “schlafen” vorkam, antworteten 60 Prozent mit “ja”, obgleich “schlafen” in der Wortliste tatsächlich nicht enthalten war.
Daraufhin wollten die Forscher wissen, ob sich die Rate der falschen Erinnerungen unter Stress noch erhöht. Sie teilten die die Studenten in zwei Gruppen und setzten die eine Gruppe in einen Raum, der von einem grellen Licht erleuchtet wurde. Außerdem wurden die Probanden dort auch noch von einer Video-Kamera aufgenommen. Es zeigte sich, dass sich die Fehlerinnerungsrate deutlich anstieg. Meinten vorher 60 Prozent der Probanden, dass “schlafen” in der Wortliste enthalten war, glaubten dies jetzt 80 Prozent. Überdies klickten die gestressten Probanden sehr viel schneller auf den “Ja”-Knopf am Computer-Terminal als die nicht-gestressten Probanden. Das kann so interpretiert werden, dass die gestressten Versuchspersonen schon ahnten, dass ihre Antworten ebenso falsch wie richtig sein könnten.
Erkenntnisse über fehlende oder falsche Erinnerungen bei Stress können in der Öffentlichkeit auch dazu führen, dass Erinnerungen an schwere Traumata wie Missbrauch in der Kindheit in Frage gestellt werden. Davon nehmen Paynes und ihre Kollegen ausdrücklich Abstand. Ihre Untersuchungen können nicht auf so genannte “rekonstruierte Erinnerungen” wie sie im Fall von sexuellem Missbrauch vorliegen, bezogen werden. “Ich bin beunruhigt, dass Leute nun meinen werden, wiederbelebte Erinnerungen seien falsch”, sagt Paynes gegenüber dem britischen New Scientist. “Das ist nicht der Fall.”
Doris Marszk





