Wären die DNS-Sequenzen das einzige zur Verfügung stehende Material für eine zoologische Klassifizierung der zurzeit lebenden Primaten, würden Mensch, Schimpanse und Bonobo einer gemeinsamen Gattung zugeordnet werden. “Nur die Gorillas und Orang-Utans blieben draußen”, sagen Ajit Varki und Pascal Gagneux von der University of California in San Diego. Etwa 99 Prozent des Erbmaterials von Mensch und Schimpanse sind gleich. Über das restliche Prozent ist wenig bekannt, da es noch keine vollständige Sequenz des Affengenoms gibt.
Ein nachgewiesener Unterschied äußert sich darin, dass dem Menschen ein bestimmter Zucker an der Oberfläche seiner Körperzellen fehlt, den die anderen Primaten alle besitzen. “Wir haben einige interessante Hinweise darauf, wie sich das auswirken könnte”, teilt Varki in der neuesten Ausgabe der Fachzeitschrift “New Scientist” mit. Er vermutet, dass dieser Unterschied für die Hirnentwicklung und die Infektionsanfälligkeit gegenüber Bakterien und Viren von Bedeutung ist.
Ein vollständiger Vergleich zwischen den Genomen von Mensch und Schimpanse könnte auch von medizinischer Bedeutung sein, denn Schimpansen sind gegen einige menschliche Krankheiten resistent. Dazu gehören zum Beispiel AIDS, Alzheimer, Malaria und viele Krebsformen. Fände man die genetische Ursache dieser Resistenz heraus, wären neue Behandlungsmöglichkeiten denkbar.
Das exakte Wissen darüber, wie ähnlich wir in genetischer Hinsicht unseren nächsten Verwandten wirklich sind, würden viele möglicherweise als demütigend empfinden, meint Svante Pääbo vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig. “Vielleicht erklärt das, warum die Idee eines Schimpansen-Genomprojekts von den Genetikern nur so zögerlich in Angriff genommen wird.”
Ein Gen, das den Menschen zum Menschen macht, wird man sicher nicht finden. Vielmehr ist zu erwarten, dass der eigentliche Unterschied zwischen Mensch und Affe in der Komplexität der Regulation zwischen den Genen besteht. (New Scientist, 17. Februar 2001)
Joachim Czichos





