Text: Patrick Vetter
Etwa 25 Meter unter der Wasseroberfläche bewegt sich ein vierköpfiges Forscherteam in Tauchausrüstung langsam von Stein zu Stein. Es ist kalt in den Tiefen des Mittelmeers. Die Biologen der Universität Tübingen sind bepackt mit Fangnetzen und Aufbewahrungsgefäßen. Sorgfältig arbeiten sie sich durch das unübersichtliche Steinlabyrinth vor Korsika, stecken die Köpfe unter jeden Felsüberhang und leuchten Spalten aus. Sie sind auf der Suche nach einem bestimmten Fisch. Denn dieser Fisch, der ansonsten eher unauffällig ist, könnte das Verständnis von Fluoreszenz verändern und deren Funktion in der Natur in ein ganz neues Licht rücken.
Kontrastreiche Signale
Fluoreszenz existiert überall. Besonders in tieferen Küstengewässern kann das lichtinduzierte Leuchten Farben erzeugen, die ansonsten kaum dort vorkommen würden. Das liegt an den Eigenschaften fluoreszenter Biomoleküle. Diese sind allgegenwärtig und verhalten sich zunächst wie jedes andere Farbpigment auch. Einige Wellenlängenbereiche des einfallenden sichtbaren Lichts werden stark absorbiert, während andere reflektiert werden. Ist das zurückgestrahlte Licht langwellig, nehmen wir es rot wahr, kurze Wellenlängen sehen wir blau. Doch bei der Fluoreszenz passiert noch mehr: Ein Teil des Lichts wird absorbiert. Diese Energie kommt an einer anderen Stelle im Farbspektrum als Licht wieder heraus. „Das ist wie eine Wunderkiste. Fluoreszenz erzeugt Licht und versetzt das Spektrum zum Beispiel ins Rote“, erklärt Nico Michiels das Phänomen, das er seit knapp 20 Jahren erforscht: „Das ist die Magie der Fluoreszenz.“
Diese Magie ist ständig und überall zu sehen. Bei Tageslicht ist der Effekt jedoch oft kaum als Fluoreszenz zu identifizieren. Denn im Schein der Sonne oder dem „weißer“ Lampen sind sowieso alle Wellenlängen des sichtbaren Lichts, also alle Farben des Spektrums, vorhanden. Interessant wird es in veränderten Lichtverhältnissen. Fehlt langwelliges Licht, sehen wir zunächst keine roten Farben. Fluoresziert ein Objekt aber rot, taucht die Farbe auf einmal doch wieder auf. „So können wir Farben sehen, die in der Umgebung sonst gar nicht existieren“, sagt Michiels fasziniert. Unter Wasser existieren genau solche Lichtverhältnisse. Langwelliges rotes Licht wird nach wenigen Metern zu einem großen Teil absorbiert. In der blauen Umgebung stechen rote Farben deshalb besonders hervor. Viele Organismen machen sich diesen Effekt zunutze, um Farbsignale auszusenden.
Fluoreszenz als Lichtquelle
Vor der Küste Korsikas hat Bram van der Schoot entdeckt, wonach er gesucht hat. Routiniert zückt der Doktorand vom Institut für Evolution und Ökologie den Kescher und nähert sich langsam. Er atmet ruhig, um tief unter Wasser nicht zu viel Luft zu verbrauchen. Seine Augen fokussieren durch das Glas der Tauchermaske einen Punkt zwischen den Algen. Schnell fährt er mit dem Netz darüber, und schon zappelt ein Gelber Spitzkopfschleimfisch in den Maschen. Van der Schoot bleibt hoch konzentriert. Er befördert das kleine Tier in ein Plastikröhrchen mit Drehverschluss. Kurz durchatmen, dann wird die Suche fortgesetzt.





