Text: Oliver Abraham
Unter unseren Füßen liegt eine weitgehend unerforschte Welt: der Boden. Eine Vielzahl von Bakterien tummelt sich im Erdreich. Einige der winzigen Lebewesen produzieren wertvolle Naturstoffe, die zu neuen medizinischen Wirkstoffen weiterentwickelt werden können – zum Beispiel für die Behandlung von Krankheiten, die durch bakterielle und virale Erreger verursacht werden. Die meisten Bodenbakterien sind bislang aber noch unbekannt, ebenso wie ihr Wirkpotenzial als mögliches Medikament. Man weiß schlicht nicht, welche Chancen sich im Boden verbergen.
Forschende des Helmholtz-Instituts für Pharmazeutische Forschung Saarland (HIPS) und der Naturlandstiftung Saar machen sich das Potenzial der Mikroorganismen zunutze. Sie entwickeln aus Naturstoffen, die von Bodenbakterien produziert werden, innovative Wirkstoffe. Doch dafür müssen solche Bakterien erst einmal entdeckt und Bodenproben gesammelt werden. Je mehr, desto besser. Überall kann der entscheidende Fund sein: Im Wald, am Bach, im Garten – er muss nur gefunden werden. Dafür braucht es Leute, die rausgehen und Bodenproben nehmen – und das können fast alle, dafür muss man kein Wissenschaftler sein. Das HIPS stattet Bürgerinnen und Bürger kostenlos mit Ausrüstung aus, damit sie Bodenproben nehmen und an das Institut senden können. 2017 startete das Projekt in Kooperation mit der Naturlandstiftung Saar unter dem Namen Sample das Saarland. Seit 2022 ist es zur bundesweiten Citizen-Science-Aktion Microbelix gewachsen.
Forschung direkt vor der Haustür
Ausgestattet mit Handschuhen, um die Proben nicht mit eigenen Bakterien zu verunreinigen oder sich selbst zu infizieren, einem steril verpackten Löffel, einem Tütchen für die Probe, einer Lupe und einer Anleitung mit Hinweisen, gehen die Bürgerwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler auf die Suche. „Wir haben Bodenproben vom Komposthaufen, aus dem Garten, dem Gebirge und von der Küste bekommen. Der Boden hierzulande birgt eine enorme Vielfalt und so viele unbekannte Mikroorganismen – da kommt keine Langeweile auf“, sagt Daniel Krug. Er leitet das Projekt Microbelix und ist Chemiker in der Abteilung Mikrobielle Naturstoffe am HIPS. „Die Ideen, an besonderen Orten zu sammeln, sind vielschichtig. Auf manche davon kämen wir gar nicht oder hätten keinen Zugang zu den Orten – lang verwilderte Gärten oder Opas alte Streuobstwiese zum Beispiel.“
Krug berichtet von einem „Jugend forscht“-Projekt, bei dem der Abiturient Alexander Becker, betreut und begleitet von den HIPS-Forschenden, in alten Kupferbergwerken Bodenproben sammelte. Aus der Probe konnten 85 Bakterienstämme identifiziert werden, darunter 18 neue Arten. Ein identifiziertes Bakterium produziert zwar ein schon bekanntes Antibiotikum, zusätzlich dazu aber weitere, unbekannte antibiotisch wirkende Substanzen. „Solche Entdeckungen machen Hoffnung, dass wir mit dem Projekt auf der richtigen Spur sind und eine realistische Chance haben, etwas zu finden, das für die Entwicklung neuer Wirkstoffe wichtig werden könnte“, erzählt Krug.





