„Hauptziel bei der Züchtung neuer Sorten ist die Entwicklung neuer und verbesserter Resistenzen gegenüber Klimaeinflüssen, Schädlingen und Krankheiten“, so die Pressesprecherin des deutschen Samenherstellers KWS Saat, Gina Wied. Man forsche insbesondere daran, den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln reduzieren zu können. Auch wenn dies positiv und hoffnungsvoll klingt, hat das Thema dennoch eine Schattenseite: Hybride Samen und ihre Anbaumethoden verdrängen lokale Sorten, erschöpfen die Böden, bringen Ökosysteme aus dem Gleichgewicht und festigen Abhängigkeiten des Globalen Südens vom Norden.
Auch das nordafrikanische Land Tunesien erlebte ab den 1960er Jahren die Veränderung der Landwirtschaft und die damit verbundenen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen, wobei hybride Samen eine entscheidende Rolle spielten.
Zu den tunesischen Kritikerinnen hybriden Saatguts gehören die Landwirtinnen Chaima Arbi und Hana Ben Hriz. Seit 2022 züchten sie im grünen Norden des Landes ihre eigenen, nicht hybriden Samen in ihrem Landwirtschaftsbetrieb, den sie „Les Graines de Bonheur“ – französisch für „Die Samen des Glücks“ – getauft haben. „Wir arbeiten auf Biodiversität hin, unseres Terrains und natürlich der Pflanzen“, sagt Ben Hriz. „Dafür setzen wir auf lokale Samen.“
Das Kernargument, wieso Ben Hriz und Arbi, die beide noch in ihren Zwanzigern sind, sich nach ihrem Agrarwissenschaftsstudium nicht für die konventionelle Landwirtschaft entschieden haben, war, dass sie im Einklang mit der Natur arbeiten wollten. „Die Natur gibt uns ja auch alles so, wie wir es brauchen“, meint Chaima Arbi. Diese Philosophie bezieht sie auch auf das Saatgut. „Alle Samen haben ein Gedächtnis, mit dem sie sich über Generationen hinweg an die Umwelt und das Klima anpassen.“ Deswegen kann lokales Saatgut auch ohne Pestizide und chemische Düngemittel auskommen – es kann sich in der Fauna, Flora und dem Wetter, in denen ihr Genmaterial über Generationen einen Anpassungsprozess durchlaufen hat, behaupten.
Tunesiens Green Revolution ab den 1970er Jahren
Wie es dazu kam, dass in Tunesien lokale Samenarten zu großen Teilen von hybriden Samen abgelöst wurden, zeigt ein Blick in die Geschichte des Kalten Krieges, wie der Historiker Max Ajl herausstellt: Tunesien war inmitten des Kräfteringens des Westens auf der einen Seite und den sozialistischen Kräften Russland und China auf der anderen Seite. „Nach einem kurzen Experiment mit landwirtschaftlichen Genossenschaften in den 1960ern entwickelte Tunesien ab den 1970ern eine exportorientierte Landwirtschaft für den europäischen Markt mit Produkten wie Oliven, Zitrusfrüchten, Datteln und Gemüse“, beschreibt Max Ajl die Entwicklung im Rahmen der Green Revolution. Seither importiert Tunesien anteilig Agrarprodukte wie Weizen, die ehemals komplett in der heimischen Landwirtschaft hergestellt wurden, aus Ländern wie der Ukraine. Das führte zu Preissteigerungen, weshalb der tunesische Staat, dessen Haushalt nahe am Bankrott steht, bis heute unter anderem Weizen subventioniert.





