Waldweiden: Comeback einer nachhaltigen Bewirtschaftungsform | natur
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Rückkehr der Waldweiden
Landwirtschaft und Forstwirtschaft: Zwei ökonomische Bereiche, die heute gesetzlich geregelt sind und deren Flächen strikt voneinander abgegrenzt intensiv bearbeitet werden.
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Text: Susanne Hartwein
Landwirtschaft und Forstwirtschaft: Zwei ökonomische Bereiche, die heute gesetzlich geregelt sind und deren Flächen strikt voneinander abgegrenzt intensiv bearbeitet werden.
Diese klare Trennung gibt es erst seit rund 200 Jahren. Jahrtausende zuvor war es für die Bauern üblich, ihr Großvieh wie Rinder, Pferde, Esel oder Schweine und das Schmalvieh, wozu Ziegen, Schafe und Gänse zählen, in die Wälder zu treiben. Dort fanden die Tiere einen reich gedeckten Tisch: Blätter, Zweige, Rinden, Knospen von Bäumen und Stauden, Gräser und Kräuter, Flechten und Pilze, Eicheln, Bucheckern, Würmer, Käfer, Larven und Wurzeln.
In früheren Zeiten war die Bevölkerung zur Ernährungssicherheit auf die Beweidung des Waldes angewiesen. Gleichzeitig nutzten die Menschen Bäume als Bau- und Brennholz. Die Wälder wurden durch die Doppelbelastung des Holzschlags und der Waldweide stark übernutzt. Mit erheblichen Folgen: Viele Gegenden in Deutschland waren zu Beginn des 19. Jahrhunderts nahezu waldlos. So auch der Schwarzwald. Der Regen spülte den ungeschützten Humus weg, wodurch die Hochwassergefahr in den Tälern deutlich anstieg. Die Investitionen in Aufforstungsprogramme und die zeitgleiche Intensivierung der Agrarproduktion führten dazu, dass Forst- und Landwirtschaft als zunehmend spezialisierte ökonomische Bereiche nicht mehr auf denselben Flächen betrieben wurden. Auch deshalb wurde zum Schutz des Waldes seine Beweidung gesetzlich verboten.
Dennoch: Im Südschwarzwald, bei Utzenfeld, gibt es jetzt wieder Ziegen, die im Wald Blätter und frische Triebe fressen, Jungbäume verbeißen, Rinden schälen und mit ihrem Tritt offene Bodenstellen schaffen. Ganz legal. Denn die im Regierungspräsidium Freiburg zuständigen Forst- und Naturschutzbehörden initiierten dieses Projekt der modernen Waldweide. Mittlerweile gibt es in fast allen Bundesländern welche. Ein entsprechender forstrechtlicher Rahmen auf Grundlage des Bundeswald- sowie des Landeswaldgesetzes macht dies möglich. Danach muss unter anderem der Waldbesitzer sein Einverständnis dafür erteilen, außerdem müssen der Erhalt und die Funktion des Waldes sichergestellt sein – ebenso das Betretungsrecht. Nur dann können Waldweiden genehmigt werden.
Waldweide für mehr Artenvielfalt
Durch die wirtschaftlich orientierte Aufforstung sind unsere Wälder dichter und dunkler als früher. Wärme- und lichtliebende Tiere und Pflanzen haben es hier schwer, zu überleben. Durch die klare Abtrennung sind im Übergangsbereich vom Wald zum Offenland außerdem Mosaik-Ökosysteme am Wald- und Weiderand verloren gegangen. Nun wird versucht, sie zum Schutz der Artenvielfalt zurückzuholen.
Als Vorreiter kann Baden-Württemberg bezeichnet werden, denn hier wurde die Einführung moderner Waldweiden auf Grundlage eines wissenschaftlichen Konzepts gestartet. Der führende Kopf dahinter war Mattias Rupp. Er ist einer der Pioniere, die den großen ökologischen Wert lichter Wälder erkannt haben, und erforscht seit 20 Jahren Waldweiden. Trotzdem ist er damit noch lange nicht am Ende. Etwa bei der Fragestellung, wie lange es dauert, bis die einzelnen Tier- und Pflanzenarten auf das höhere Licht- und Wärmeangebot reagieren. Oder wie die Art der Weidetiere das neu entstehende Ökosystem durch ihr unterschiedliches Fressverhalten, den Tritt, Kot und Urin beeinflussen. So schälen Ziegen und Pferde die Baumrinden ab, was Rinder nur bedingt tun. Die ersten seiner insgesamt 60 realisierten Waldweideprojekte hat Mattias Rupp 2014 als Wissenschaftler bei der Forstwirtschaftlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg gestartet und weiß, dass jede dieser Flächen ein Unikat ist.
Alte Waldweiden zurückholen
Die Akteure des Waldweideprojekts bei Utzenfeld haben sich an dem Merkblatt zur Waldweide des Landesbetriebs Forst BW orientiert, an dem auch Rupp maßgeblich mitgewirkt hat. In erster Linie setzte sich Revierförster Matthias Schmiederer für das Projekt ein. Er war es, dem im Utzenfelder Wald eine Fläche bekannt war, die in früheren Jahrhunderten schon einmal als Waldweide genutzt worden war. Dort anzutreffende Zeitzeugen wie alte Weidbuchen belegen das – ebenso wie die Lesesteinhaufen: Viehhirten haben die Steine von den Weiden abgesammelt, um mehr Fläche für das Pflanzenwachstum und damit zusätzliches Futter für die Tiere zu schaffen. Und haben die Brocken platzsparend auf Haufen gelegt.
Eine historische Waldweide mit modernen Managementmaßnahmen zu reaktivieren, wie es hier gerade geschieht, hat noch einen weiteren Vorteil: Die Fläche war in früheren Jahrhunderten aufgrund der Beweidung sehr artenreich. Manche Samen, Sporen, Sprossteile und Rhizome können viele Jahre im Boden überdauern. Durch die Wiederherstellung eines lichten Waldes entstehen Rahmenbedingungen, die diese gespeicherte genetische Vielfalt wieder zu neuem Leben erwecken kann. „Viele Wechselwirkungen innerhalb der Ökosysteme sind heute noch nicht erforscht“, weiß Revierförster Matthias Schmiederer. „Deshalb ist es umso wichtiger, so viele Arten wie möglich zu schützen und ihr genetisches Potenzial zu erhalten.“
Wertvolle Relikte vergangener Zeit
Weidbuche
Die reaktivierte Utzenfelder Waldweide wurde bereits in früheren Jahrhunderten beweidet. Davon zeugen die beeindruckenden Weidbuchen. Im Alter von rund 250 Jahren stellen sie ihr Wachstum ein und zersetzen sich dann über sehr lange Zeit. Durch den Verbiss junger Buchen auf modernen Waldweiden wird deren jahrzehntelang dauernde Entwicklung und ihr Fortbestand als Weidbuchen gesichert.
Lesesteinhaufen
Zeitzeugen der historischen Waldweide sind auch die Lesesteinhaufen, die die Hirten in früheren Jahrhunderten zusammentrugen, um den Grasbewuchs auf der übrigen Fläche zu begünstigen. Sie sind wichtige Biotope für wärmeliebende Reptilien wie zum Beispiel Kreuzottern oder Eidechsen sowie für Spinnen, Laufkäfer und Wildbienen.
Weidbuchen erleben
Ein Überblick über die schönsten Weidbuchen im Südschwarzwald findet sich unter naturpark-suedschwarzwald.de
Auf den abgezäunten Weideflächen rund um den Wald halten Klaus und Lukas Wetzel ihre Rinder und Ziegen. Mit ihrer Weidegemeinschaft bewirtschaften Onkel und Neffe die insgesamt 70 Hektar Allmendflächen der Gemeinde Utzenfeld. Sie haben die für eine moderne Waldweide geeigneten Ziegenrassen: „Unsere Thüringer Waldziegen, die Bunte Deutsche Edelziege, die Schwarzwaldziege und unsere Kreuzungen daraus eignen sich perfekt zur Landschaftspflege, denn sie zeichnen sich aus durch ihre kräftige Statur mit einer Widerristhöhe von bis zu 100 Zentimetern. Sie sind fruchtbar, robust und langlebig“, erklärt Klaus Wetzel. Von Vorteil ist außerdem, dass die Stallungen der Weidegemeinschaft für die Überwinterung der Ziegen von dort aus in kurzer Zeit erreichbar sind. Also waren die Wetzels schnell für das Projekt zu gewinnen. Auch die Gemeinde Utzenfeld stellte ihre Waldfläche, die wenig forstwirtschaftliches Potenzial hat, für das Waldweideprojekt zur Verfügung. Förster Schmiederer hat die Projektskizze erstellt, in der die einzelnen Schritte zur Umsetzung der Waldweide beschrieben werden. „Die Genehmigung der Behörden haben wir innerhalb von wenigen Monaten bekommen“, erinnert er sich.
Und so dürfen sich jetzt 140 Ziegen der Wetzels an drei Tagen im Monat auf der 15 Hektar großen Waldweide satt fressen. Dadurch können der Lichteinfall und die Wärmezonen auf der Fläche wieder zunehmen. Auch in der Vertikalen werden sich unterschiedliche Waldstockwerke entwickeln. Der Wechsel zwischen offenen, sonnigen Flächen und alten, großkronigen Bäumen mit toten Ästen bietet wichtige Lebensräume für viele seltene und bedrohte Tier- und Pflanzenarten. Mit dem geregelten Weidemanagement wird gleichzeitig der Walderhalt sichergestellt. So darf der Beschirmungsgrad von derzeit 80 Prozent nicht zu stark sinken – rund 40 Prozent der Fläche müssen weiterhin von Baumkronen beschattet sein. Auch die Gehölzverjüngung darf nicht gefährdet sein, etwa weil die Ziegen zu viele Jungbäume fressen.
Die Lage der neuen Waldweide ist auch deshalb ideal, weil sie Teil des Naturschutzgebiets Utzenfluh und des Flora-Fauna-Habitats Belchen ist. Damit trägt das Projekt vollständig zu den Zielen des Natur- und Artenschutzes bei, denn der Weideverbund und die Korridore zu den angrenzenden naturschutzrelevanten Flächen sind wichtig für den Artentransfer. Den leisten die Ziegen, indem sie in ihrem Fell, an den Hufen, im Maul und im Verdauungssystem Samen und Früchte auf die verschiedenen Weideflächen transportieren und dort deren Ansiedlung ermöglichen. Auch Insekten, Spinnen und andere Kleintiere überwinden so weite Strecken. Durch den Tritt sowie die Wälz- und Ruheplätze der Nutztiere entsteht zudem ein vielfältiges, dynamisches Lebensraummosaik.
Waldweiden können mehr
Mattias Rupp hat die positiven Effekte der Beweidung auch bei den Ziegen selbst festgestellt. Durch das Zusammenwirken aus artgerechter Haltung und abwechslungsreichem Futter sind die Tiere seltener von Parasiten befallen und haben vitalen Nachwuchs. „Wir können beobachten, dass sich das Verhalten der Tiere auf einer Waldweide im Vergleich zum Offenland verändert. Der Herdenverband löst sich auf und die Tiere leben in Kleingruppen“, erklärt Rupp. „Die Selbstmedikation nimmt zu: Im Frühjahr fressen die Tiere Birken-, Faulbaum- und Fichtentriebe. Dadurch nehmen sie sekundäre Pflanzenstoffe in Form von Gerbstoffen auf, die gegen Endoparasiten wirken.“
Externe Spezialisten dokumentieren aktuell die vorhandenen Tier- und Pflanzenarten auf der Utzenfelder Waldweide. Sie fangen Käfer mit Totholzkäferfallen und Leimringen, die an alten Weidbuchen angebracht sind, um sie dann zu bestimmen, und identifizieren die Vogelarten im Habitat durch einen Audiologger, der ihre Stimmen aufzeichnet. Auch Heuschrecken, Fledermäuse, Flechten und Moose werden kartiert und ihre künftige Entwicklung auf der Waldweide kontinuierlich erfasst.
Auch die durch den Klimawandel zunehmende Dürre beschäftigt den Wissenschaftler. Waldweiden könnten auf den betroffenen Flächen, wie zum Beispiel am Oberrhein, zu einer ökologisch sinnvollen Bewirtschaftungsweise entwickelt werden. Die schützt vor Erosion, baut ein intaktes Bodenleben und Humus auf, speichert Wasser und bindet Kohlenstoff. Und mehr noch: Der Professor will im Rahmen seiner Forschung demnächst die Nutzung von Waldweiden zur Waldbrandprävention in Deutschland untersuchen. In vielen südeuropäischen Ländern ist diese Methode bereits erfolgreich erprobt. Das Prinzip: Weidetiere fressen Pufferzonen von 25 bis 50 Meter Breite zwischen Waldgebieten ab und verhindern so, dass Feuer von einem Teil des Waldes auf den anderen überspringt.
Insofern sind Mattias Rupps Forschungsvorhaben mit Sicherheit ein wichtiger Beitrag, um der durch den Klimawandel steigenden Waldbrandgefahr wirksam und jenseits aufwendiger Technik vorzubeugen. Seine Vision: „Aus meiner Sicht braucht es für die gesellschaftliche Verankerung von Waldweiden ein landesweites Wirtschaftskonzept – unabhängig von Fördergeldern. Ich könnte mir die Umsetzung sehr gut in einem Weidelandschaftspark vorstellen: 100 Quadratkilometer Waldweide mit Erlebnischarakter für die Menschen und hochwertiger Fleischerzeugung.“ //
Susanne Hartwein
ist Diplom-Agraringenieurin und freie Journalistin. Sie wohnt im Südschwarzwald und berichtet über die dortige Landwirtschaft, die zum Erhalt der ökologisch wertvollen Kulturlandschaft beiträgt.
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