Robben sind Flossenfüßer (Pinnipedia), mit Betonung auf „Flossen“. Denn diese machen die schweren Tiere im Meer zu schnellen Schwimmern und geschickten Jägern. An Land benötigen sie diese große Mobilität nicht. Hier geht es um Ruhepausen, Fellwechsel, Paarung, Geburt und Jungenaufzucht. Wie viel Zeit dies jeweils umfasst, kann sich bei den einzelnen Arten allerdings deutlich unterscheiden.
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Text: Marlena Wegner
Robben sind Flossenfüßer (Pinnipedia), mit Betonung auf „Flossen“. Denn diese machen die schweren Tiere im Meer zu schnellen Schwimmern und geschickten Jägern. An Land benötigen sie diese große Mobilität nicht. Hier geht es um Ruhepausen, Fellwechsel, Paarung, Geburt und Jungenaufzucht. Wie viel Zeit dies jeweils umfasst, kann sich bei den einzelnen Arten allerdings deutlich unterscheiden.
Insgesamt gibt es 34 Robbenarten, zu denen auch Seehunde, Seelöwen, Seebären, See-Elefanten und Walrosse gehören. Je nach Art werden Robben von einem bis über sechs Meter lang und gehören damit zu den mittelgroßen bis großen Meeressäugern. Sie bewohnen ein erstaunlich breites Spektrum an Lebensräumen – vom Packeis der Polarregionen über gemäßigte und tropische Küsten bis hin zu einem Süßwassersee. Und manche verbringen fast ihr ganzes Leben im weiten Ozean.
Die Sesshaften
Eine der eindrucksvollsten Robben im Packeis der Antarktis ist der Seeleopard. Mit bis zu dreieinhalb Metern Länge und rund 500 Kilogramm Gewicht zählt er zu den größten Räubern des Kontinents. Seeleoparden jagen Pinguine, Fische und kleinere Robben. Ihr scheinbar freundliches Lächeln täuscht: Die Tiere gehören zu den gefährlichsten Jägern der südlichen Polarregion. Sie leben überwiegend in Küstennähe am Rand des Meereises und folgen lediglich dessen jahreszeitlichen Verschiebungen – meist innerhalb eines Radius von etwa 100 Kilometern.
Tropische Arten wie die Hawaii-Mönchsrobbe bleiben noch näher an ihren Stammplätzen und bewegen sich meist nur wenige Dutzend Kilometer entlang der Küste. Ganz besonders ortsgebunden ist die Baikalrobbe. Ihr einzigartiger Lebensraum ist der sibirische Baikalsee, der tiefste und älteste Süßwassersee der Erde. Im Gegensatz dazu gibt es aber auch Robben, die beeindruckende Wanderungen unternehmen. Zu ihnen gehören die See-Elefanten – wahre Meister der Langstrecken.
Migrations-Champions
Es gibt zwei Arten von See-Elefanten: eine in der nördlichen und eine in der südlichen Hemisphäre. Beide ähneln sich stark, etwa durch die charakteristische rüsselartige Nase der erwachsenen Männchen, der sie ihren Namen verdanken. See-Elefanten sind die größte Robbenart.
Vor allem der Südliche See-Elefant erreicht beeindruckende Ausmaße: mehr als sechs Meter Länge und bis zu dreieinhalb Tonnen Gewicht. Die Bullen der See-Elefanten können um das Vierfache schwerer als die Weibchen sein. Dieser Sexualdimorphismus ist vor allem bei der südlichen Art stark ausgeprägt. Bei beiden Arten sind die Weibchen aber ausgesprochene Langstreckenwanderer.
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Besonders das Migrationsverhalten der etwas kleineren Nördlichen See-Elefanten-Weibchen ist so außergewöhnlich, dass Carlos Duarte sie als „Migrations-Champions“ bezeichnet. Duarte ist Meereswissenschaftler an der König-Abdullah-Universität für Wissenschaft und Technologie (KAUST) in Saudi-Arabien und erforscht seit Jahren das Wanderverhalten der See-Elefanten.
Ausgangspunkt ist dabei die Pazifikküste Kaliforniens, wo jeweils Zehntausende See-Elefanten in großen Kolonien leben. Dass es die Tiere heute noch gibt, grenzt an ein Wunder, denn bis zum Ende des 19. Jahrhundert waren sie fast ausgerottet – gejagt für ihr Fett, das in Europa Öllampen und Straßenlaternen zum Leuchten brachte, und für ihr Fell. Um 1920 fand man nur noch etwa 20 Tiere in einer letzten Kolonie. Dank strenger Schutzmaßnahmen erholte sich die Population jedoch und besiedelt inzwischen wieder weite Küstenabschnitte Nordamerikas und Mexikos. Dort liegen die Tiere scheinbar träge am Strand. Doch der Eindruck eines faulen Lebens täuscht, zumindest was die Weibchen angeht. Denn sie verbringen nur einen geringen Teil des Jahres in der Kolonie. Die meiste Zeit verbringen sie im offenen Meer und legen dabei jährlich bis zu 15.000 Kilometer zurück. Damit gehören sie zu den am weitesten reisenden Meeressäugern – vergleichbar mit Blau- oder Grauwalen, die teils noch längere Strecken bewältigen. Doch warum nehmen die See-Elefanten-Weibchen solche weiten Reisen auf sich?
Wandern, um zu jagen
Ihre Wanderschaft dient einem klaren Zweck, erklärt Duarte. Die Weibchen sammeln Energie. Denn in ihnen wachsen Jungtiere heran, deren späteres Geburtsgewicht bei rund 50 Kilogramm liegt. Haben sie die Jungen nach ihrer Rückkehr in der Kolonie zur Welt gebracht, versorgen sie sie noch vier Wochen lang mit so fettreicher Milch, dass sich ihr Gewicht auf etwa 200 Kilogramm vervierfacht. Da die Mütter ihren Nachwuchs während der Säuge-Zeit nicht zum Fressen verlassen, müssen sie die notwendigen Energiereserven dafür vorher aufgebaut haben.
Das wäre direkt vor der Küste nicht möglich. Dort gäbe es für den hohen Kalorienbedarf der vielen trächtigen Weibchen einer Kolonie nicht genügend zu jagen. Daher schwimmen sie hinaus. Nur die Männchen bleiben nahe der Kolonie und gehen in den küstennahen Gewässern auf Nahrungssuche. Für ihren Fortpflanzungserfolg reicht das lokale Nahrungsangebot, sie brauchen keine so großen Energiereserven.
Auch die Weibchen begeben sich nicht direkt nach der Jungenaufzucht wieder auf ihre Fernreise. Stattdessen unternehmen sie erst eine kleine zweimonatige Fresswanderung, um lediglich ihre erschöpften Energiereserven etwas aufzufüllen. Anschließend kehren sie für eine kurze Zwischenetappe – den Fellwechsel und die erneute Paarung – in die Kolonie an Land zurück. Doch im Anschluss daran geht es wieder los: Die dann trächtigen Weibchen brechen erneut zu ihrer bis zu achtmonatigen Reise in den offenen Ozean auf.
Wobei man vermuten könnte, dass eine Strecke von 15.000 Kilometern zu schwimmen, für die Tiere mehr Energie kostet als bringt. Doch See-Elefanten sind derart perfekte Schwimmer, dass ihre Energiebilanz trotz der immensen Strecke positiv ausfällt – der Gewinn übersteigt den Verbrauch um ein Vielfaches. Die Beobachtungen von Duarte zeigen auch, dass die Tiere selbst während des Schlafens eine gewisse Strecke zurücklegen. Sie positionieren ihre Flossen in einem bestimmten Winkel und sinken kontrolliert in die Strömung ab. „Durch diese Haltung gleiten sie, ähnlich wie fallende Blätter, spiralförmig und mit leichter Vorwärtsbewegung durchs Wasser”, erklärt der Meereswissenschaftler.
Im offenen Pazifik steuern die See-Elefantinnen Hochseegebiete an, in denen besonders viele Beutetiere vorkommen. Im Fokus stehen dabei Laternen- und Tintenfische, ergänzt durch andere tief lebende Kleinfische und Wirbellose. Ihre Jagd führt die Weibchen hinunter in die sogenannte „Twilight Zone“ in 400 bis 700 Meter Tiefe. In diesen dämmrigen Bereich des Ozeans dringt kaum noch Licht ein, zugleich zählt er zu den artenreichsten Zonen der Hochsee. Mit ihren großen Augen sind die See-Elefanten für die dortige Jagd bestens angepasst.
Feste Formationen und Routen
Die See-Elefanten-Weibchen folgen bei ihrer Migration einer erstaunlich präzisen Route und einem biologisch verankerten Zeitplan, perfekt abgestimmt auf Umweltbedingungen und ihre Artgenossen. Sie bewegen sich in einer klar strukturierten Formation. Markierungen von einzelnen Weibchen einer Kolonie haben gezeigt, dass sich ältere, erfahrene Tiere häufiger im Zentrum der Route aufhalten, jüngere Tiere eher an den Rändern. Duarte geht davon aus, dass sich diese Positionen im Laufe der Jahre verschieben. Mit zunehmender Migrationserfahrung rücken Weibchen weiter in die Mitte. Warum sich diese Formation bildet, ist bislang nicht abschließend geklärt. Vermutet wird jedoch, dass der zentrale Korridor die effizienteste Route ist und einen besseren Zugang zu Nahrung bietet.
Obwohl zwischen einzelnen Individuen Hunderte bis 1.000 Kilometer liegen können, bleibt das Formationsmuster erstaunlich stabil. Ist das Weibchen in der Kolonie an Land eine unter Tausenden, wird es im Ozean zur Einzelgängerin – und bleibt doch in Synchronisation mit seinen Artgenossinnen.
Sonifikation
Der Meereswissenschaftler Carlos Duarte hat das Wanderverhalten weiblicher Nördlicher See-Elefanten erstmals mithilfe von Sonifikation untersucht – einer Methode, bei der Daten in Klang übersetzt werden. In Zusammenarbeit mit Musikern verwandelte er die Positions- und Bewegungsdaten der Tiere in ein etwa 55-minütiges Klangstück.
Jede Robbe erhält darin einen eigenen Ton. Er spiegelt wider, wie weit sie sich von der Kolonie entfernt und welche Position sie innerhalb der Gruppe einnimmt. So entsteht ein akustisches Abbild der Migration: Muster, die in grafischen Darstellungen leicht übersehen werden, werden hörbar.
Duarte erklärt, dass unser Gehör komplexe Zusammenhänge oft schneller und besser erfasst als das Auge. Die Sonifikation eröffnet daher einen neuen Zugang zu den Bewegungsdaten – und macht das koordinierte Verhalten der Robben auf ungewohnte Weise erfassbar.
Die bemerkenswerte Präzision, mit der die Weibchen den Pazifik durchqueren, beruht nach heutigem Forschungsstand wesentlich auf ihrer Orientierung am Erdmagnetfeld. GPS- und Bewegungsdaten zeigen, dass sie auf dem Hin- wie auf dem Rückweg äußerst konsistente Routen einschlagen, die oft nahezu parallel zu bestimmten Magnetfeldlinien verlaufen. Forschende gehen daher davon aus, dass die Tiere das Magnetfeld wie eine natürliche Karte nutzen, um selbst im offenen Ozean zuverlässig Kurs zu halten.
Auch die Rückkehr aus dem Ozean erfolgt hoch koordiniert: Fast alle Tiere beginnen am gleichen Tag mit der Umkehr – und zwar um das Äquinoktium, jenen Zeitpunkt im Jahr, an dem Tag und Nacht weltweit gleich lang sind. Die Robben erkennen diesen Zeitpunkt durch die äußerst präzise Wahrnehmung des Verhältnisses von Tages- zu Nachtlänge. Eine sehr außergewöhnliche Fähigkeit, wie Duarte betont. Nach der Wende schwimmen die Tiere in derselben Gruppenformation wie beim Hinweg zurück zur Kolonie. Die meisten erreichen ihre Kolonie nach rund acht Monaten und mehr als 10.000 Kilometern tatsächlich am selben Tag. Diese Synchronizität sichert ihnen gleiche Chancen auf die besten Partner und ist ein essenzielles Element ihres Fortpflanzungserfolgs.
Im Vergleich zu den gewaltigen Pazifikreisen der See-Elefanten erscheint das Leben anderer Robben recht unspektakulär. Subantarktische Seebären etwa bleiben meist alle in der Nähe ihrer Kolonien. Umso verblüffender war es, dass ein einzelnes trächtiges Weibchen plötzlich zur Fernreisenden wurde.
Ein Einzelfall: Die Subantarktische Seebärin
Der Subantarktische Seebär ist die am weitesten verbreitete Pelzrobbenart der Südhalbkugel – und dennoch eine der am wenigsten erforschten. Für die Aufzucht ihrer Jungen wählen die Weibchen extrem abgelegene Inseln im Südatlantik und im Indischen Ozean wie Gough, Tristan da Cunha, Prince Edward- oder die Crozet-Inseln. „Wenn sie an Land kommen wollen, suchen sie felsige Inseln in der Nähe von Nahrungsgebieten, mit geschützten Plätzen für ihre Jungen und – entscheidend – ohne Menschen oder Landraubtiere“, sagt Renan C. de Lima, Meeresökologe am Institut für Ozeanografie der Universidade Federal do Rio Grande in Brasilien.
Sie ernähren sich genauso wie die See-Elefanten je nach Angebot von Tintenfischen, Kleinfischen wie Laternenfischen und Krebstieren. Die Aufzuchtzeit bei Subantarktischen Seebären ist mit fast einem Jahr eine der längsten unter den Robbenarten. Während dieser Zeit sind die Weibchen an die Kolonie gebunden, lange Wanderungen wie die See-Elefanten können sie nicht unternehmen. Nur die männlichen Seebären werden nach der Fortpflanzung abenteuerlustig. Da sie sich nicht an der Aufzucht beteiligen, streifen sie oft Tausende Kilometer weit von der Kolonie umher, erzählt de Lima.
Umso größer war die Überraschung, als Forschende an der brasilianischen Küste den Kadaver eines trächtigen Weibchens fanden – rund 3.000 Kilometer von der nächsten Kolonie entfernt. Durch die Wachstumsschichten im Zahn – den „Baumringen“ der Robben – stellte sich heraus, dass das Tier etwa 14 Jahre alt war. Die Forscher schätzen, dass die Seebärin etwa vier bis fünf Monate unterwegs gewesen sein muss – eine außergewöhnlich lange Reise für diese Art. „Man muss sich vorstellen, ein Land zu Fuß zu durchqueren, während Nahrung nur verstreut am Wegesrand liegt“, sagt de Lima. „Genau das erleben diese Robben im offenen Ozean.“ Eine Herausforderung für Arten, die nicht so hoch spezialisierte Langstreckenwanderer sind wie die weiblichen See-Elefanten.
Warum die gefundene Seebärin so weit gewandert ist, lässt sich nicht mehr eindeutig klären. Wahrscheinlich spielten mehrere Faktoren zusammen: Das Weibchen hatte vermutlich kein Jungtier, das es versorgen musste. Zudem könnte die Seebärin durch einen Mangel an Nahrung in ihren üblichen Jagdgebieten immer weiter weg getrieben worden sein.
Marlena Wegner
hat als Biologin selbst große Reisen in die Arktis und Antarktis unternommen und ist dabei schon einigen Robben begegnet, darunter Seeleoparden und Subantarktischen Seebären.
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