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Riesensalamander – Relikte der Urzeit
In abgelegenen Gegenden Nordamerikas und Südostasiens existieren große Lurche, die aussehen wie Überbleibsel einer längst vergangenen Zeit. Riesensalamander sind die letzten der einst artenreichen und weit verbreiteten Riesenamphibien – die es bis vor 3,5 Millionen Jahren auch noch in Mitteleuropa gab.
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Text: Bettina Wurche
Bis zu 70 Zentimeter lang ist der weiche braune Körper, an den Seiten hängt die Haut in lockeren Falten herab. Kurze Beine und Schwimmhäute zwischen den Zehen weisen auf die aquatische Lebensweise des Megamolches hin. Passend für das Leben in trüben Gewässern sind die Augen schwach, Tast- und Geruchssinn dafür stark ausgebildet. Der nordamerikanische Riesensalamander ist nur wenig bekannt, verbringt er doch sein Leben möglichst fern der Zivilisation in Flüssen, wo er gut versteckt auf Beute lauert.
In ihrem Aussehen erinnern Riesensalamander an die kleinen und großen Panzerlurche der Urzeit. Heute bewohnen sie wie alle Amphibien ausschließlich Süßwasser-Ökosysteme und leben dabei – anders als etwa Feuersalamander – voll aquatisch. Wobei sie kurzzeitig aus dem Wasser steigen können, etwa um Hindernisse zu umgehen.
Herrscher der Höhlen und fürsorgliche Väter
„Die nordamerikanischen Riesensalamander (Cryptobranchus) kommen heute vor allem in den Fließgewässern von Bergregionen im Osten der USA vor“, erzählt der Amphibienexperte Bill Sutton von der Tennessee State University in Nashville. „Sie brauchen eine sehr gute Wasserqualität und decken bis zu 95 Prozent ihres Sauerstoffbedarfs über die Haut, hauptsächlich über die seitlichen Falten.“ So können die mächtigen Molche unbegrenzt unter Wasser bleiben und am Grund von steinig-sandigen Bach- und Flussbetten, perfekt getarnt unter großen flachen Steinen, vor allem auf Flusskrebse lauern.
Riesensalamander sind territorial. Für die Fortpflanzung richten sich die Männchen meist unter einem Felsblock eine Höhle ein und bewachen diese. „Wir nennen sie ‚Höhlenmeister‘ (‚Den-Master‘)“, berichtet Bill Sutton. Laichbereite Weibchen legen, wenn ihnen die Höhle gefällt, dort 350 bis 400 Eier ab und schwimmen anschließend ihrer Wege. Die Männchen befruchten die Eier, halten Wache über sie und fächeln ihnen immer wieder frisches Wasser zu. Nach fünf Wochen schlüpfen die Larven und verlassen die Höhle. Das Larvenstadium der Jungtiere dauert drei Jahre, danach durchlaufen sie eine Metamorphose. „Dann bilden sich die äußeren Kiemen zurück“, erklärt Sutton. „Danach atmen sie vor allem über die feuchte Haut und ein wenig mit den rudimentären Lungen. Allerdings behalten sie unter der Haut verborgene Kiemen-Relikte und auch eine offene Kiemenspalte im Nacken. Daher stammt ihr wissenschaftlicher Name Cryptobranchidae (‚Verborgene Kieme‘).“ Mit sechs bis neun Jahren werden Riesensalamander geschlechtsreif; die Tiere können 25 bis 30 Jahre alt werden, in Gefangenschaft sogar über 50.
Ob die Population eines Flussabschnitts gesund ist, erkennt man an der Anzahl der Tiere sowie den unterschiedlichen Größen und Altersgruppen, erklärt Sutton. Schon seit Langem ist jedoch festzustellen, dass es immer weniger Populationen gibt. Um sie wirksam zu schützen, müssen ihre Lebensräume geschützt werden, betont Sutton. Das sei in Naturschutzgebieten einfacher als dort, wo Privatbesitz oder gebaute Infrastrukturen betroffen sind.
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Für einen effizienten Schutz braucht es zudem detaillierte Daten über den Bestand der Amphibien und ihre Verbreitungsgebiete. Doch die unter Steinen oder Baumwurzeln verborgenen Amphibien zu entdecken und zu zählen, ist oft schwierig, berichtet der Forscher. Mit Umwelt-DNA können Biologen zwar das Vorhandensein von Cryptobranchus nachweisen. Für eine konkrete Bestandsschätzung müssen die Forschenden jedoch die Flussläufe absuchen. Früher drehte man dafür Steine um, erzählt Sutton, beschädigte dabei aber manchmal die Verstecke und Bruthöhlen. Darum schnorcheln die Biologinnen und Biologen heute in den oft kalten Gebirgsgewässern und suchen mit Taschenlampen nach den Molchen. Auch über Citizen-Science-Projekte gesammelte Hellbender-Sichtungen helfen den Forschenden, die Molche aufzuspüren. Werden sie fündig, nehmen sie die schlüpfrigen Tiere zum Messen und zur Altersschätzung kurz aus dem Wasser.
Schlammteufel auf dem Rückzug
Mit ihrem urtümlichen Aussehen und ihren zappelnden Bewegungen waren die Tiere den Menschen früher unheimlich und sie nannten sie „Hellbender“ (die sich im Höllenfeuer winden), im Deutschen wurde Schlammteufel daraus. Aus Unkenntnis wurden die Tiere oft erschlagen. Heute seien sie durch andere Aktivitäten bedroht, sagt Sutton, vor allem der Lebensraumverlust durch Gewässerregulierungen und Dämme sowie Uferbebauung schade ihnen. Zudem würden vermehrte Ufererosionen ihre Bruthöhlen verschütten und die Fortpflanzung verhindern.
Dass sie heute vor allem in Gebirgsgewässern vorkommen, liege weniger daran, dass sie unbedingt deren sauerstoffreiches kaltes Wasser benötigen, als vielmehr an der Entfernung von der Zivilisation. Die Tiere leben heute nur noch auf schätzungsweise 30 Prozent ihres einstigen Habitats, so Sutton.
Er selbst erforscht sie vor allem in Gewässern, die 10 bis 15 Grad Celsius wärmer als Gebirgsbäche sind – die Tiere können sich offensichtlich an verschiedene Temperaturbedingungen anpassen. Doch eine derartige evolutionäre Flexibilität braucht Zeit und macht die Tiere nicht immun gegen den heutigen schnellen Klimawandel, betont Sutton. Sobald der Temperaturpuffer über das Wasservolumen nicht mehr mit dem Tempo des Klimawandels Schritt halten kann, werden die Amphibien unter dessen Auswirkungen leiden.
Andrias-Riesensalamander in China und Japan
In chinesischen und japanischen Fließgewässern leben die bis zu 1,8 Meter langen Riesenmolche der Gattung Andrias. Groß wie ein Mensch, sind sie die wahren Riesen. Ihre Nahrung besteht zu fast einem Viertel aus Süßwasserkrebsen, dazu schnappen sie nach Insekten, Würmern, kleinen Fischen, anderen Amphibien – und sogar Artgenossen.
Die großen Molche werden in Asien als Delikatesse verspeist sowie für die sogenannte Traditionelle Chinesische Medizin genutzt. So sind die Bestände der langlebigen Flussbewohner – gefangene Exemplare wurden bis zu 60 Jahre alt – nicht nur wegen ihres Lebensraumverlusts durch Industrialisierung, Städtebau und Landwirtschaft, sondern auch wegen ihrer starken Bejagung dramatisch geschrumpft.
Die Japanischen Riesensalamander wurden zu ihrer Rettung 1952 von der japanischen Regierung als „Besonderes Nationaldenkmal“ (Special Natural Monument) eingestuft und unter Schutz gestellt. China hingegen verlor weiter Tiere – seit den 1950er Jahren vermehrt durch die massiv zunehmende Industrialisierung. Chinesische Riesensalamander-Bestände gibt es heute nur noch sehr fragmentiert, wobei die Wildtiere inzwischen auch in China unter Schutz gestellt sind. Die Riesensalamander für Gastronomie und Medizin werden separat auf speziellen Farmen gezüchtet. Allerdings gibt es immer noch Wilderei.
Zudem nehmen die Farmtiere zwar Jagddruck von den Wildbeständen, bedrohen diese aber auf andere Weise: Ins Freiland entwichene Farmtiere paaren sich mit Wildtieren, deren hybride Nachkommen jedoch geringere Überlebenschancen haben. Die Fehlpaarungen und Hybride gefährden heute den Fortbestand der wilden Arten.
Höchste Zeit für den Schutz der Tiere
Nach dem schon lange bestehenden Schutz der Japanischen Riesensalamander, begann der Schutz der Chinesischen und nordamerikanischen Arten mit umfassenden Erhebungen und Überwachungen um das Jahr 2010. Dass es dafür höchste Zeit war, lässt sich der Roten Liste der IUCN (International Union for Conservation of Nature) entnehmen, in der inzwischen alle drei Gruppen aufgeführt sind. Die Megamolche in Nordamerika und Japan gelten aktuell als gefährdet, die in China als vom Aussterben bedroht.
Die Schutzbemühungen um die Amphibien werden heute als Bewahrung eines spezifischen Natur- und Kulturerbes verstanden. Denn mit den Riesensalamandern würden an diesen Orten nicht nur 23 Millionen Jahre alte Organismen aussterben, sondern auch heimische Tiere, die Teil der jeweiligen Kulturen sind. Für die Ökotope dieser Regionen spielen die Salamander als aquatische Megafauna eine wichtige ökologische Rolle. Wie diese genau aussieht, hat ein Biologenteam um Fengzhi He unter Mitwirkung des Leibniz-Institut für Binnengewässer (IGB) für die chinesischen Arten beispielhaft untersucht. Die großen, schweren Tiere prägen ihre Umgebung vielfältig: Indem sie Krebse fressen, können kleinere Tiere in ihren Wasserpflanzen-Lebensräumen besser überleben. Außerdem schaffen sie beim Bau von Bruthöhlen und durch „Trampeln“ kleine Nischen für andere Arten. Das Verschwinden der großen Wasserbewohner würde zu einer deutlichen Verarmung der Biodiversität dieser Fluss-Ökosysteme führen, so das Ergebnis der Studie.
Zu den notwendigen Schutzmaßnahmen für die Riesensalamander gehört, dass Gewässer renaturiert und Nist- und Schutzplätze erhalten beziehungsweise geschaffen werden müssen. Außerdem helfen im Freiland entnommene und in wissenschaftlichen Zuchtprogrammen aufgezogene Jungtiere, dezimierte Bestände wieder aufzustocken. Um Hybriden im Freiland schnell und zuverlässig zu identifizieren, haben Forschende 2023 als CitizenScience-Projekt eine Smartphone-App entwickelt, die auch Laien nutzen können.
Wer bin ich und wenn ja, wie viele?
Ein Grundsatz beim Artenschutz ist: Soll eine bestimmte Art in ein Schutzprogramm aufgenommen werden, muss sie dafür genau benannt werden. Was so einfach klingt, ist es jedoch nicht immer. Bei den Riesensalamandern etwa zeigten molekulare Untersuchungen der letzten Jahre, dass sich hinter einer vermeintlichen Art oft mehrere verbergen – es sich also um einen „Artenkomplex“ handelt. Solche sehr ähnlichen Arten bilden sich meist durch die Fragmentierung von Lebensräumen. Werden etwa Flusshabitate durch Dämme voneinander getrennt, entwickeln sich in jedem Fluss jeweils spezifische Anpassungen, die sich schließlich vererben. Ein amerikanisch-chinesisch-japanisches Forscherteam hat einen solchen Prozess für die Riesensalamander nachgewiesen.
Sind solche genetisch definierten Gruppen (Clade) entstanden, sind sie evolutiv bedeutsame Einheiten und müssen beim Arten-Management jeweils spezifisch betrachtet werden. Da aber in der Biologie genetische Unterschiede allein noch keine Art begründen, suchen Wissenschaftler jetzt nach Unterschieden in den Skeletten und Körpern der genetisch verschiedenen Gruppen, um eine Klassifikation von Arten (Taxonomie) zu ermöglichen.
Aktuell sind die Schlammteufel (Cryptobranchus alleganiensis) in zwei Unterarten unterteilt: Der „Ozark-Hellbender“ (Cryptobranchus alleganiensis bishopi) lebt in Fließgewässern des Ozark-Plateaus, einer Bergregion in Missouri und Arkansas. Der „Eastern Hellbender“ (Cryptobranchus alleganiensis alleganiensis) ist wesentlich weiter verbreitet, vom südlichen New York bis zum nördlichen Alabama. Allerdings haben molekularbiologische Untersuchungen gezeigt, dass sich hinter dem Eastern Hellbender vermutlich vier bis fünf eigene Arten verbergen – in den verzweigten Flussarmen und Überschwemmungsflächen verschiedener Flüsse lebt jeweils eine eigene genetische Linie.
Ähnlich ist es bei den asiatischen Arten. Während in Japan nur Andrias japonicus vorkommt, verbergen sich hinter dem Chinesischen Riesensalamander (Andrias davidianus) mindestens fünf genetisch unterschiedliche Arten. Unter ihnen ist Andrias sligoi mit bis zu 1,8 Metern Länge und bis zu 50 Kilogramm Gewicht die größte, die anderen bleiben mit maximal 1,5 Metern etwas darunter.
Die Bildung von Unterarten hatte für die Riesensalamander bereits nachweisliche Folgen. Sutton hat 2023 in einer Übersichtsstudie gezeigt, dass die Schrumpfung der Bestände in den letzten Jahrzehnten auch damit zusammenhing, dass kleinere Habitate und Genpools die Riesenmolche empfindlicher gegenüber Veränderungen in ihrer Umwelt gemacht hatten.
Panzerlurche im Urzeit-Sumpf
Heutige Riesensalamander sind Relikte längst ausgestorbener Amphibien. Zwischen dem unteren Karbon und der unteren Kreidezeit (vor 340–110 Millionen Jahren) waren Panzerlurche (Temnospondyli) die Topprädatoren. Meist lauerten sie auf dem Boden trüber Gewässer auf ihre Beute und schnappten dann zu. Mit bis zu sechs Metern Körperlänge und den massiven Schädeln ähnelten Arten wie Mastodonsaurus eher Krokodilen als Amphibien. Neben vielen kleinen spitzen Zähnen hatten sie auch einige lange Fangzähne, die bei geschlossenem Maul durch Löcher im Oberkiefer ragten.
Im Süden Deutschlands sind ihre Fossilien gut erhalten, etwa in Baden-Württemberg, wo Paläontologen des Staatlichen Naturkundemuseums Stuttgart zu ihnen forschen. 2024 hat ein Team um Raphael Moreno die Verbreitung einiger Gruppen in Trias-Ökosystemen in einer Übersichtsstudie zusammengetragen und analysiert. Neben der großen Artenvielfalt zeigte sich dabei auch, dass zwar die meisten in Süßgewässern lebten, einige Arten jedoch Brackwasser mit einer Mischung aus Süß- und Salzwasser oder sogar die salzigen Meere bevorzugten.
Die Ur-Lurche überlebten zwar das Massensterben der Perm-Trias-Krise, gerieten aber in der trockeneren Welt des Erdmittelalters gegenüber den schnelleren und vom Wasser unabhängigen Reptilien ins Hintertreffen. Zu Beginn der Kreidezeit starben sie aus. Vermutlich sind sie die Ahnen der modernen Amphibien (Lissamphibia) – der meist unter 20 Zentimeter großen Frösche, Molche und Blindwühlen.
Hinweis: Große Sonderausstellung „Triassic Life“ im Naturkundemuseum Stuttgart, noch bis 7.6.2026.
Bettina Wurche
ist seit einem Zoobesuch von den Tieren fasziniert – und davon, dass sie lange Zeit für Sintflut-Sünder gehalten wurden.
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