Im Erinnerungsspeicher unseres Gehirns lagern eine ganze Menge an Informationen und Erfahrungen, die wir jeden Tag abrufen können – sie sind gleichsam das mentale Fotoalbum unseres Lebens. Ohne sie fehlt uns das Fundament unserer Identität, die Grundlage unseres Ichs. Eine besondere Bedeutung kommt dabei dem sogenannten episodischen Gedächtnis zu. Es ermöglicht uns nicht nur, uns an persönliche Ereignisse aus der Vergangenheit zu erinnern. Dank ihm können wir diese Erlebnisse auch mit einem bestimmten Zeitpunkt verknüpfen und auf diese Weise eine mentale Zeitreise unternehmen. Das hilft uns zum Beispiel auch, wenn wir einen Schlüssel verloren haben: Indem wir im Kopf unsere Schritte und Handlungen noch einmal detailliert zurückverfolgen, begeben wir uns auf die Spur des verlorenen Gegenstands.
Traditionell gilt das episodische Gedächtnis als Domäne des Menschen. Doch Wissenschaftler um Danielle Panoz-Brown von der Indiana University in Bloomington haben nun untersucht, ob sich auch Tiere wie Ratten vergangene Ereignisse in der korrekten zeitlichen Reihenfolge ins Gedächtnis rufen können. Sie wollten dadurch nicht nur die Tiere besser verstehen – sondern vor allem ein tierisches Modell zur Erforschung von Demenzerkrankungen entwickeln: “Wir interessieren uns für das episodische Gedächtnis und die episodische Wiedergabe von Ereignissen, weil genau dies bei Krankheiten wie Alzheimer verloren geht”, erklärt Panoz-Brown.
Duftende Erlebnisse
Um deren Fähigkeit zur mentalen Zeitreise zu erforschen, arbeiteten die Forscher fast ein Jahr lang mit dreizehn Ratten. In dieser Zeit brachten sie den Nagern bei, sich eine Vielzahl von Gerüchen einzuprägen. Dabei präsentierten sie ihnen nacheinander bis zu zwölf Duftstoffe. Anschließend folgte der eigentliche Test: In einer “Versuchsarena” bekamen die tierischen Probanden Duftproben zu schnüffeln. Sie sollten aus dieser Auswahl nun jenen Duft erkennen, der ihnen zuvor entweder als vorletzter oder als viertletzter präsentiert worden war – und bekamen dafür eine Belohnung. Welche von beiden Optionen jeweils gesucht war, zeigten den Nagern unterschiedlich gemusterte Testumgebungen an. Würden sie die Aufgabe meistern?
Das Ergebnis: Nachdem die Tiere das Prinzip verstanden hatten, lagen sie in rund 87 Prozent der Fälle richtig. Auch größere zeitliche Abstände beim Präsentieren der einzelnen Düfte, unterschiedliche Reihenfolgen oder eine Ablenkung zwischen Präsentation und Test änderten daran nichts. All dies spricht dem Team zufolge dafür, dass die Ratten tatsächlich ihr episodisches Gedächtnis für die Aufgabe nutzten. Denn im Gegensatz zu anderen Gedächtnisinhalten bleiben episodische Erinnerungen über längere Zeiträume erhalten und sind zudem resistenter gegenüber einer Verdrängung durch neue Gedächtnisinhalte.





