Die meisten Pflanzen recken friedlich ihre Blätter ins Licht und begnügen sich mit dem Nährstoffangebot des Bodens. Doch etwa 600 Arten aus 18 Gattungen reicht das nicht: Die sogenannten Karnivoren verschaffen sich Zusatznahrung durch die Jagd auf Insekten. Dadurch haben sie Wachstumsvorteile an Standorten, wo der Boden nur wenig Nährstoffe bietet. Um sich Fliege, Ameise und Co. einzuverleiben, haben die rabiaten Gewächse unterschiedliche Strategien entwickelt. Die berühmte Venus-Fliegenfalle scheint die ungeduldigste unter den grünen Fleischfressern zu sein – sie schnappt mit ihren fangeisenartigen Fallen rasant zu. Die sogenannten Kannenpflanzen gelten hingegen bisher als passiv. Ihre Blätter sind zu Gefäßen umgewandelt, an deren Öffnungen Nektardrüsen Insekten anlocken sollen. Beim süßen Schmaus finden die Opfer dort kaum Halt und fallen dadurch in den Kelch, in dem sie Verdauungsflüssigkeit erwartet.
Ein Baldachin mit Trampolin-Effekt
Zum Bau der Fallen vieler Kannenpflanzen gehört auch eine Art Baldachin, der die Öffnung der Kanne überspannt. Bisher nahm man an, dass diese Abdeckung nur die Verdauungsflüssigkeit in der Falle vor Regen schützen soll. Doch die Forscher um Ulrike Bauer von der University of Bristol machten an Nepenthes gracilis eine Beobachtung, die noch eine weitere Funktion vermuten ließ: Hatte sich ein Insekt unter dem Baldachin niedergelassen, schien es bei Auftreffen eines Regentropfens geradezu in die Falle gedonnert zu werden. Handelte es sich dabei nur um einen zufälligen Nebeneffekt der flexiblen Abdeckung? Dieser Frage gingen sie nun durch systematische Untersuchungen nach.
Durch Aufnahmen mittels Highspeedkameras und Laseruntersuchungen konnten sie die Dynamiken bei Auftreffen eines Regentropfens genau erfassen. Ihre Auswertungen und Berechnungen belegen, dass der Baldachin durch den Aufprall nicht etwa zufällig schwingt sondern einen raffinierten Trampolin-Effekt entwickelt, der dem Insekt auf der Unterseite gezielt einen intensiven Schubs verpasst. Die entstehenden Spitzenbeschleunigungen sind dabei so intensiv wie beim Absprung eines Grashüpfers, sagen die Forscher. Das übersteigt die Haltekraft von Ameise und Co. an der Unterseite des Baldachins, denn er besitzt außerdem eine glatte Wachsbeschichtung. Diese gibt den Füßchen der Opfer aber gerade noch so viel Halt, dass sie sich nichtsahnend darauf wagen, zeigten Experimente. Bei Regen wird ihnen dieser vermeintlich sichere Unterschlupf dann zum Verhängnis: Platsch, spick, plumps – so landend das Opfer dann im “Pflanzen-Magen”.





