Der Mensch hat es auf die Spitze getrieben, doch das verzögerte Erwachsenwerden mit Betreuung gibt es auch bei anderen hochentwickelten Tierarten. „Eine verlängerte Kindheit hat tiefgreifende Konsequenzen für Lernfähigkeit und Intelligenz”, sagt Michael Griesser von der Universität Konstanz. „Möglichkeiten zu lernen entstehen aus dem Zusammenspiel von verlängerter Kindheit und verlängertem Familienleben. Diese Umstände ermöglichen eine Entwicklung in einer sicheren Umgebung mit Zugang zu Lernmöglichkeiten“, so der Wissenschaftler. Das Konzept kann trotz des Aufwands entscheidende Vorteile für Lebewesen bieten: Lange Kindheit und elterliche Fürsorge fördern über Generationen hinweg, dass Jungtiere anspruchsvolle Fertigkeiten erwerben und lebenswichtige Nahrungsressourcen erschließen können.
Vogelkindheit im Visier
Dieses Prinzip zeichnet sich vor allem bei einigen hochentwickelten Säugetieren wie Primaten, Elefanten oder Delfinen ab. Die Studie von Griesser und seinem internationalen Forschungsteam verdeutlicht nun, dass das Konzept auch bei Vögeln zu finden ist – und zwar bei den Rabenvögeln. Einige Vertreter dieser rund 120 Arten umfassenden Gruppe sind für ihre hohe Intelligenz, ein komplexes Sozialverhalten und auch lange elterliche Fürsorge bekannt. Diese besondere Stellung der Rabenvögel im Vergleich zu anderen Singvögeln hat das Team im Rahmen der Studie durch phylogenetische Analysen und Datenauswertungen herausgearbeitet: Sie verdeutlichten, dass Rabenvögel im Vergleich zu ihrer Körpergröße ausgesprochen große Gehirne besitzen. Ihre Jungtiere durchlaufen zudem vergleichsweise lange Entwicklungsperioden – sowohl im Nest als auch nachdem sie dieses verlassen haben.
Im Detail haben sich die Forscher mit Ergebnissen aus jahrelanger Feldforschung an Unglückshähern (Perisoreus infaustus) in Schweden und Geradschnabelkrähen (Corvus moneduloides) in Neukaledonien befasst. Dabei standen Beobachtungsdaten im Fokus, aus denen hervorgeht, wie das Lernen junger Vögel mit der elterlichen Fürsorge und dem späteren Überleben verknüpft ist.
Wie die Forscher berichten, leben Unglückshäher in Familiengruppen, die ein Brutpaar und deren Jungtiere umfassen. Diese können bis zu vier Jahre lang in der Familiengruppe bleiben, bevor sie selbst zu brüten beginnen. Wie die Wissenschaftler berichten, geht aus Experimenten hervor, dass die Dauer des Verbleibs bei den Eltern mit den Fähigkeiten der Jungvögel verknüpft ist: Individuen, die vergleichsweise lange bei ihren Eltern bleiben, können schneller Raubfeinde erkennen oder verstecktes Futter finden, geht aus den Beobachtungsdaten hervor. Die Wissenschaftler führen dies darauf zurück, dass die Jungvögel länger von ihren Eltern abschauen und lernen konnten. Offenbar zahlt sich dies bei den Unglückshähern auch langfristig aus: Ein langer Verbleib in der Familie ist mit einem langen Leben und gesteigertem Fortpflanzungserfolg verbunden, berichten die Forscher.





