„Wir sind auf diesen Namen gekommen”, sagt der ehemalige Student der Politikwissenschaften, „weil er die beiden zentralen Elemente zusammenfasst: Campact ist ja eine Art Kunstwort aus campaign, Kampagne und act, Aktion. Es erklärt unsere Grundüberzeugung, dass es für einen politischen Wandel einerseits Kampagnen und andererseits Aktivität braucht.” Campact ist also kein Mitglieder-Verein. Bei Campact ist man dabei, wenn man mitmacht: Aktionen unterstützt im Internet, auf eine Demo geht, Straßentheater macht, auch Geld spendet.
Gut 725.000 Aktive zählt die Internetplattform inzwischen zu ihren Unterstützern. Sie beteiligen sich zustimmend per Mausklick, wenn die Campact-Zentrale in Verden bei Bremen mal wieder eine Kampagne startet, um Einfluss zu nehmen auf aktuelle politische Konflikte in Deutschland. So zuletzt, als Wirtschaftsminister Philipp Rösler in Doha eine Verschärfung der Klimaschutzziele verhindern wollte. Oder als Zehntausende gegen Antibiotika in der Tiermast unterschrieben. Mit solchen Aktionen ist Campact in den letzten zehn Jahren zu einer politischen Kraft geworden, die so manchen Politiker unruhig macht, wenn er ins Fadenkreuz gerät. Verglichen mit dem amerikanischen Kampagnen-Netzwerk Avaaz, das in 194 Ländern der Erde mehr als 17 Millionen Mitstreiter hat, ist Campact allerdings ein kleiner Fisch.
Die Lücke schließen zu einer Welt, die wir wollen
Avaaz – das Wort bedeutet in vielen Sprachen Osteuropas, des Mittleren Ostens und Asiens „Stimme” – ging 2007 ins Netz: „Wir haben die simple demokratische Mission, die Lücke zu schließen zwischen der Welt, die wir haben, und der Welt, die wir wollen”, sagt der Avaaz-Gründer Ricken Patel. Der studierte Jurist, der aus Bangladesch in die USA immigriert ist, hat keine Bedenken, seine Positionen in Sachen Menschenrechte, Demokratie und gerechtes Wirtschaften zum globalen Maßstab zu machen, wenn er seine Petitionen gegen die Todesstrafe, die Klimazerstörung, gegen schlechte Arbeitsbedingungen oder die Überfischung der Meere ins Internet stellt und seine E-Mails an Millionen rausgehen. „Unsere Initiative will durch internationale Bürgerbeteiligung der Meinung der Weltbevölkerung zum Durchbruch verhelfen.”
Und wer würde sich schon dagegen aussprechen wollen, im Iran eine Hinrichtung zu verhindern oder das gefährdete Weltklima zu stabilisieren? Je allgemeiner und simpler die Forderungen sind, desto größer ist die garantierte Zustimmung aus aller Welt. Etwa bei der Kampagne Mitte Mai 2011, wo innerhalb von 24 Stunden fast zwei Millionen Stimmen gegen ein brasilianisches Rodungsgesetz im Amazonas gesammelt wurden, das wirkungsvoll als Kettensägen-Massaker beschrieben worden war.
So können sich Internet-User bei Avaaz durch eine wilde Mischung von Themen klicken: Da steht das drohende Bienensterben neben einer Kampagne gegen Frauenhandel, die Rechte Homosexueller in Afrika und Asien neben dem Kampf gegen Beschränkungen und Schnüffelei im Internet. Für Klimaschutz, gegen Urwald-Rodung, für Artenvielfalt, gegen riskante Ölbohrungen am Meeresboden. Ein Potpourri aus Themen, das manchmal auch wie ein Eintopf zum Ja-Sagen wirkt. Aber genau damit erfolgreich ist! Per Mausklick kann man es „denen da oben” weltweit halt schnell mal richtig zeigen. Und Fehlentwicklungen, die zum Protestieren einladen, gibt es wahrlich genug, um Avaaz über Jahrzehnte zu beschäftigen.





