Text: Ralf Stork
Der Mensch hat eine atemberaubende Entwicklung hingelegt: Von einem Raubtier unter vielen bis zum unangefochtenen Herrscher der Welt in nur ein paar tausend Jahren. Getragen und genährt wurde dieser Siegeszug durch die Ressourcen der Natur: Mit der Erfindung von Ackerbau und Viehzucht vor rund 10.000 Jahren schaffte der Mensch sich seine eigene mehr oder weniger konstante Nahrungsgrundlage. Bis zum Jahr Null explodierte die Bevölkerung förmlich: von etwa 2 Millionen auf 188 Millionen Individuen. Es entstanden Städte, in denen die Menschen auf engstem Raum miteinander lebten und Handelsrouten, die die damals bekannten Weltregionen miteinander verbanden. Der enorme Erfolg, die starke Vermehrung und die Bevölkerungskonzentration in großen Städten machte Homo sapiens aber auch anfällig. Krankheiten hatte es schon immer gegeben. Aber erst durch die enge Verflechtung der Handelsrouten und Ballungszentren konnten sie sich zu echten Epidemien entwickeln.
Die erste Pest waren die Pocken
Die erste historisch gut dokumentierte Epidemie suchte das Römische Reich im Jahr 165 heim: Damals belagerten römische Truppen die Stadt Seleukeia im heutigen Irak. Nach der Eroberung kam es zu wüsten Plünderungen. Auch der Apollo-Tempel wurde zerstört. Nachdem kurz darauf unter den Soldaten eine tödliche Krankheit ausbrach, verbreitete sich die Legende, dass die Soldaten starben, weil sie im Tempel ein geweihtes Gefäß zerstörten, aus dem dann ein Gifthauch entwich. „Es erscheinen bei allen Bläschen und schwarze Ausschläge über den ganzen Körper, meistens von eitriger Beschaffenheit“, beschreibt der berühmte Arzt Galen die Symptome der Seuche, die später als Antoninische Pest in die Geschichte eingegangen ist.
Nach zehn bis 14 Tagen Inkubation bricht die Krankheit mit Schüttelfrost, starken Kopf- und Kreuzschmerzen aus. Vier Tage darauf breitet sich dann der eitrige Ausschlag über den ganzen Körper aus und geht erst nach einigen Wochen wieder zurück. Die größte Ansteckungsgefahr besteht, wenn sich noch keine Pusteln gebildet haben, die Kranken das Virus aber durch Tröpfchen- und Schmierinfektion weiterverbreiten können. Um die Pest, die vom Bakterium Yersinia pestis übertragen wird, handelte es sich wahrscheinlich nicht. Die Symptome passen viel besser zu den Pocken, die vom Virus Orhopox variloae verursacht werden, das im Nahen und Mittleren Osten schon lange verbreitet war.
Über Smyrna (das heutige Izmir), Ephesos und Athen kam die Seuche 166 nach Rom. Die Legionäre, die im Triumphzug durch die Straßen zogen, hatten sie mitgebracht. 24 Jahre wüteten die Pocken, die vor allem in Italien und auf der Iberischen Halbinsel viele Orte komplett entvölkerten. Schätzungen zu Folge kamen im Römischen Reich während der Epidemie sieben bis zehn Millionen Menschen ums Leben, mehr als zehn Prozent der damaligen Bevölkerung. Auch Kaiser Mark Aurel, dessen Sippennanme – Antonius – der Epidemie ihren Namen gab, fiel ihr im Jahr 180 zum Opfer. Weil der Anteil der Kranken unter den Soldaten besonders hoch war, leitete die Antoninische Pest eine Destabilisierung Roms ein, die im vierten und fünften Jahrhundert schließlich zum Untergang des Weströmischen Reiches führte.





