Die Umweltverschmutzung durch Plastik ist ein großes Problem: Im Meer verfangen sich Fische, Schildkröten und andere Unterwasserbewohner in Plastikteilen und ersticken oder verhungern, weil sie den Müll mit Nahrung verwechseln. Doch auch an Land bergen die Plastiktüten, -schnüre und ähnliche Materialien eine Gefahr für Tiere. So haben Forschende beobachtet, wie ausgewachsene Störche Gummibänder fressen und daran sterben – die Vögel hielten sie vermutlich für Regenwürmer.
Sowohl Störche als auch andere Vogelarten benutzen Plastikmüll jedoch auch, um ihre Nester zu bauen. „Die Gründe für die Verwendung dieser Materialien beim Nestbau sind nicht vollständig geklärt, könnten jedoch mit ihrer Verfügbarkeit und der Knappheit natürlicher Materialien zusammenhängen“, erklärt Co-Autorin Inês Catry von der Universität Lissabon. „Einige Materialien könnten auch fälschlicherweise für Nahrung gehalten und versehentlich in die Nester eingebaut werden.“

91 Prozent der Nester betroffen
Welche menschengemachten Materialien und wie viel davon Störche für den Nestbau verwenden und woher der Müll stammt, hat nun ein Forschungsteam um Ursula Heinze von der University of East Anglia in Norwich untersucht. Dazu haben die Biologinnen zwischen 2018 und 2023 wöchentlich 568 Storchennester im Süden Portugals fotografiert und zusätzlich Küken von 93 Nestern untersucht. Um die Herkunft der unnatürlichen Nestmaterialien zu bestimmen, hat das Team die Landnutzung in einem Umkreis von 3,5 Kilometern um die Nester herum anhand einer speziellen Landkarte ausgewertet. Störche suchen durchschnittlich in dieser Entfernung nach Futter.
Das Ergebnis ist deutlich: In 91 Prozent der Nester fanden die Ökologinnen menschengemachtes Material. Am häufigsten verwendeten die Störche weiches Plastik, beispielsweise Tüten, für den Nestbau. 65 Prozent der Nester enthielten diesen Müll. Des weiteren fanden die Forscherinnen weiteren Plastikmüll, wie Seile, Wickelnetze für Heuballen, Unkrautabdeckungen und Hartplastik, sowie Papier, Schwämme und Stoffe in den Kinderstuben der Störche. 35 Storchenküken verhedderten sich in dem Müll – 22 Mal in Seilen, zum Beispiel sogenanntem Pressengarn, das Landwirte zum Binden von Stroh- oder Heuballen verwenden. Das Team befreite die steckengebliebenen Küken aus der tödlichen Falle.
„Das ist ein ernstes Problem“, erklärt Co-Autorin Aldina Franco von der University xxx. „Die Küken verfangen sich schon in sehr jungen Jahren in synthetischen Seilen, die ihre Gliedmaßen, vor allem Beine und Füße, während ihres Wachstums langsam strangulieren, was zu Nekrosen und Amputationen führt. Sie erleiden einen schrecklichen Tod.“

Landwirtschaft als Hauptquelle für „Nestmüll“
Einige Nester waren fast vollständig von landwirtschaftlich genutzten Flächen umgeben, während andere in der Nähe von Siedlungen oder Mülldeponien lagen. Heinze und ihre Kolleginnen fanden umso mehr Plastikseile in den Nestern, je mehr Ackerflächen und Gebiete mit kombinierter Forst- und Landwirtschaft sich um die Storchennester herum befanden. Im Untersuchungsgebiet in Portugal war demnach die Landwirtschaft die Hauptquelle für den „Nestmüll“. In anderen Ländern sieht es ähnlich aus.
„Unsere Studie kommt genau zum richtigen Zeitpunkt, denn sie beleuchtet ein weit verbreitetes Problem mit kaum quantifizierbaren Folgen“, sagt Franco. „In Großbritannien haben mehrere Sperlingsvögel, wie Stieglitze und Zaunkönige, ebenfalls begonnen, verschiedenfarbige Polypropylenfäden zum Nestbau zu verwenden. Und in der Ukraine finden Soldaten Nester mit Glasfaserkabeln von ferngesteuerten Drohnen“, so Franco weiter. Die Operateure steuern die Drohnen mithilfe von Glasfaserkabeln, damit sie nicht durch Cyberangriffe oder Störsender beeinflusst werden können. Diese Kabel sind meist zehn Kilometer lang und nicht biologisch abbaubar.
Doch was lässt sich gegen diese Umweltverschmutzung tun? Während in der EU, in Kanada und einigen ostafrikanischen Staaten bestimmtes Einwegplastik verboten ist, sind Pressengarne in der Landwirtschaft weiterhin erlaubt. Die Ökologinnen empfehlen angesichts ihrer Beobachtungen, Pressengarn nicht mehr zu verwenden und stattdessen Sisal für das Binden von Stroh- und Heuballen zu nutzen und Überreste des Garns aus der Umwelt zu entfernen.
Quelle: Ursula Heinze (University of East Anglia) et al.; Ecological Indicators, doi: 10.1016/j.ecolind.2025.113796





