Tausende Tier- und Pflanzenarten sind weltweit vom Aussterben bedroht – und es werden immer mehr, wie ein Blick auf die Rote Liste der Weltnaturschutzunion (IUCN) eindrücklich zeigt. Seit den 1960er Jahren dokumentiert diese Liste, welche Wesen auf unserem Planeten besonders gefährdet sind. Gesetzgebern und Forschern soll sie auf diese Weise dabei helfen, bei den Bemühungen zum Erhalt der Artenvielfalt die richtigen Prioritäten zu setzen. Tatsächlich wüssten wir ohne die regelmäßig aktualisierten Gefährdungsberichte der IUCN heute viel weniger über das anhaltende Artensterben und seine Ausmaße. Trotzdem weist die Rote Liste eine entscheidende Schwäche auf: Nur ein Bruchteil aller bekannten Spezies taucht dort überhaupt auf.
Besonders extrem ist dies bei den Pflanzen. So sind lediglich fünf Prozent aller Arten bisher durch die IUCN bewertet worden. Das bedeutet, dass wir von etlichen Pflanzen gar nicht wissen, ob sie bedroht sind oder nicht. Der Hauptgrund für diese Defizite: Die Bewertung des Aussterberisiko einer Spezies ist extrem aufwändig und kostet viele Ressourcen. Mitunter kommt es daher sogar vor, dass eine Pflanzenart stirbt, bevor sie jemals auf der Roten Liste erschienen ist. Um dies in Zukunft zu ändern, haben Tara Pelletier von der Radford University und ihre Kollegen nun ein nützliches Werkzeug entwickelt. Sie kreierten einen Computeralgorithmus, der das Gefährdungspotenzial einer Pflanze automatisch bestimmen soll.
Automatische Risikoberechnung
Dabei machten sich die Wissenschaftler die Möglichkeiten des maschinellen Lernens zunutze: Mithilfe frei zugänglicher Daten fütterten sie ihren Algorithmus zunächst mit wesentlichen Informationen über mehr als 150.000 Landpflanzen aus allen Teilen der Welt – darunter deren Verbreitungsgebiet, ökologische Ansprüche sowie morphologische Merkmale. Mithilfe der wenigen bereits von der IUCN in eine von fünf Gefährdungskategorien eingeordneten Arten trainierten sie ihn dann, anhand dieser Informationen das Aussterberisiko einer Spezies abzuschätzen. Als der Algorithmus gut genug geworden war, wendeten sie ihn in einem zweiten Schritt auf die tausenden noch nicht bewerteten Pflanzen an.

Das Ergebnis: 15.000 der untersuchten Arten sind den Prognosen zufolge mindestens potenziell gefährdet – das sind rund zehn Prozent der Stichprobe. Dabei zeichneten sich deutliche geographische Trends ab, wie Pelletier und ihr Team berichten. Risikoarten kommen demnach gehäuft in Regionen vor, die für ihre große Biodiversität bekannt sind: zum Beispiel die Regenwälder Zentralamerikas oder Südwest-Australien. Zudem zeigte sich, dass endemische Spezies besonders häufig gefährdet sind. Denn das Verbreitungsgebiet dieser Arten ist lokal eng begrenzt. Doch nicht nur die Biodiversitäts-Hotspots der Erde erwiesen sich als Heimat zahlreicher womöglich gefährdeter Pflanzen. Auch einige bisher in diesem Kontext eher weniger beachtete Regionen rückten durch die Arbeit des Algorithmus in den Fokus der Forscher. So scheint es unter anderem entlang der südlichen Küste der Arabischen Halbinsel sehr viele gefährdete Arten zu geben.





