Seit die Niederlande die Sterbehilfe legalisiert haben, wird auch in Deutschland das Thema heftiger diskutiert. Doch was genau ist die Motivation eines Patienten, sich einen ärztlich begleiteten Freitod zu wünschen? Ein amerikanisches Wissenschaftler-Team ist in zahlreichen Einzelinterviews dieser Frage nachgegangen und kommt zu dem Schluss, dass die soziale Dimension des Problems eine mindestens ebenso große Rolle spielt wie körperliches Siechtum. Ihre Erkenntnisse haben die Forscher in der Zeitschrift “The Lancet” veröffentlicht.
James Lavery und seine Kollegen von den National Institutes of Health in Bethesda haben 32 Aids-Patienten einzeln über ihre Überlegungen und Motive zu einer eventuellen Sterbehilfe interviewt. Zwei Beweggründe spielten eine zentrale Rolle in den Überlegungen der Todkranken: zum einen das Ausgeschlossensein von vielen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens auf Grund des fortschreitenden körperlichen Verfalls, zum anderen der Mangel an Geselligkeit mit anderen.
Vor allem litten die Patienten darunter, dass sie wegen ihrer körperlichen Schwäche immer weniger in der Lage sein würden, selbst die Initiativen für ein geselliges Beisammensein zu ergreifen. Zusammen genommen führten diese Probleme bei den Patienten zu der Wahrnehmung, dass sie sich selbst verlören. Sterbehilfe erschien ihnen in dieser Situation als ein Mittel, den Verlust des Selbst zu begrenzen.
Die Wissenschaftler messen diesen Erkenntnissen große Bedeutung sowohl für die ärztliche Behandlung als auch für die politische Diskussion bei. Einfachere Erklärungen für den Sterbewunsch wie Schmerzen oder Depressionen griffen zu kurz gegenüber der komplexeren Begründung des Selbstverlusts, so die Forscher. Auch die Forderung der Politiker, dass die Mediziner bestimmen müssten, wann die Grenze von Schmerz zu “unerträglichem Leiden” überschritten sei, erfasse nicht die komplexe Empfindung des Selbstverlusts.
Doris Marszk





