Text: Robert B. Fishman
Paris ist berühmt als Stadt der Liebe, der Kultur, der Flaneure und des kreativen Müßiggangs. Doch gegen Mitte des 20. Jahrhunderts übernahm das Auto die Macht. Die eleganten Damen sah man meist nur noch durch die Fenster vorbeifahrender Pkw. Blechlawinen und endlose Reihen parkender Autos prägten das Stadtbild. Und wer in einem der kleinen Straßencafés entspannen wollte, wurde mit Verkehrslärm beschallt und von Gestank und Abgasen eingehüllt.
2001 startete der frisch gewählte Pariser Bürgermeister Bertrand Delanoë die Verkehrswende. Er trieb den Bau neuer Straßenbahnlinien voran, rief das Fahrradverleihsystem Vélib ins Leben, baute Radwege und initiierte das Projekt zur Sperrung der Schnellstraße am Ufer der Seine. Autofahrer protestierten, weil sie keine Umwege fahren wollten und mehr Stau befürchteten. Kaufleute hatten Sorge, dass die Kunden ausbleiben würden, wenn diese nicht mehr mit dem Pkw einkaufen fahren könnten.
Doch mit voranschreitendem Umbau stieg auch die Zustimmung – Delanoës Nachfolgerin, Bürgermeisterin Anne Hidalgo, setzt den Stadtumbau nun schon in zweiter Amtszeit fort. „Ihr habt ein Paris gewählt, das atmen kann“, verkündete sie bei ihrer Wiederwahl. Im Frühjahr 2024 stimmte eine Mehrheit der Pariserinnen und Pariser dafür, die Parkgebühren für schwere Stadtgeländewagen zu verdreifachen. Ab September sollen Besucher mit SUVs dann 18 statt 6 Euro für eine Stunde Parken im Zentrum zahlen. „Wir nehmen keine Parkplätze weg”, verspricht Verkehrsreferent Daniel Belliard über den Umbau von Paris. „Wir geben den Menschen den Raum zurück“, erklärt er. Belliard und seine Chefin wollen den ehemals Autos vorbehaltenen Platz umwandeln, aus der Hälfte aller Parkplätze in Paris sollen Orte für die Menschen werden: Grünflächen, Sitzgelegenheiten, Radwege, Platz für Straßencafés und Begegnung.
Seit Beginn der Verkehrswende ist die Hauptstadt grüner geworden, klimafreundlicher – und lebenswerter. Bis 2050 will Paris klimaneutral sein. Der zusammen mit den Bürgerinnen und Bürgern aufgestellte „bioklimatische Stadtentwicklungsplan“ (Plan local d’urbanisme bioclimatique) sieht weitere Begrünung, zusätzliche Frischluftschneisen, energiesparendes Bauen und Sanieren sowie mehr Platz für Wasserflächen vor. Paris baut Fahrradwege aus, stärkt den Öffentlichen Nahverkehr und will zur 15-Minutenstadt werden. Das heißt: Alle Bewohnerinnen und Bewohner sollen sämtliche für sie wichtigen Einrichtungen von der Schule über die Arztpraxis bis zum Supermarkt in maximal 15 Minuten ohne Auto erreichen können. Straßen und Parkplätze baut die Stadt zurück.
Konkret bedeutet das Vorhaben: Auf allen Straßen jenseits wichtiger Fernverbindungen gilt Tempo 30. Mehr als 200 Straßen, an denen Schulen liegen, wurden für den Durchgangsverkehr gesperrt und begrünt. Versenkbare Poller stellen sicher, dass nur Liefer- und Einsatzfahrzeuge sowie Anwohnerinnen und Anwohner mit dem Auto durchkommen. Ebenso schließt die Stadt ihr Zentrum für den Durchgangsverkehr. Die 35 Kilometer lange Ringautobahn Périph soll von drei auf eine Spur je Richtung zurückgebaut werden. Die dadurch entstehende Freifläche will die Stadt begrünen und für Fahrradwege und Busspuren nutzen. An der Prachtmeile Champs-Élysées wird die Zahl der Autospuren von acht auf zwei reduziert. Aus einem Boulevard im Dauerstau wird eine Flaniermeile mit Wegen für Spaziergänger, Radler und Skater.





