Sowohl wir Menschen als auch Tiere und Pflanzen sind das Produkt vergangener Erfahrungen. Sie haben zur Anpassung der Lebensweise und der körperlichen Funktionen an die jeweilige Umwelt geführt. “Implizit in diesem natürlichen, rückwärtsgewandten Ansatz ist die Erwartung, dass die vergangenen Bedingungen Rückschlüsse über die zukünftigen Bedingungen erlauben”, erklären Andrew Pershing vom Gulf of Maine Institute in Portland und seine Kollegen. “Mit anderen Worten: Die Systeme sind an die durchschnittlichen Bedingungen und ihre typische Variabilität angepasst. Doch wir bewegen uns rapide in eine Welt, in der diese Annahme nicht mehr gilt.” Denn der Klimawandel bringt Veränderungen der Umwelt mit sich, mit denen viele dieser klassischen Anpassungsstrategien nicht mehr Schritt halten können. Immer wieder treten beispielsweise Temperaturen auf, für die es keine historischen Präzedenzen gibt.
Temperatur-Ausreißer im Visier
In den Ozeanen äußern sich solche “Ausreißer” unter anderem in marinen Hitzewellen – plötzlichen Schüben anomal hoher Wassertemperaturen, die mehrere Tage oder sogar Wochen lang anhalten können. Weil diese Wärmeschübe die historischen Erfahrungswerte sowohl der Natur als auch des Menschen überschreiten, können sie schwere Folgen nach sich ziehen. Dazu gehören das Absterben ganzer Korallenriffe durch Korallenbleiche, massenhafte Vermehrung schädlicher Algen, aber auch der Kollaps der Fischerei. Pershing und sein Team haben nun untersucht, ob und wie sich die Häufigkeit solcher Ausreißer-Bedingungen in den Ozeanen verändert hat und welche Folgen dies für Natur und Mensch hat. Sie definieren dabei die von ihnen als “Temperatur-Überraschung” bezeichneten Ausreißer als Abweichungen von mehr als zwei Standardabweichungen vom Mittelwert der jeweils letzten 30 Jahre.
Für ihre Studie analysierten die Forscher Meerestemperatur-Daten für 65 große, weltweit verteilte marine Ökosysteme in der Zeit von 1854 bis 2018. “Bei diesen 65 Ökosystemen erwarteten wir, dass sechs oder sieben von ihnen pro Jahr solche Temperatur-Überraschungen erleben würden”, sagt Pershing. Stattdessen jedoch ergaben die Auswertungen eine deutliche Zunahme der Ausreißer in den letzten Jahrzehnten. “Vor 1940 war es selten, dass mehr als drei Meeresgebiete im gleichen Jahr eine solche Temperatur-Überraschung erlebten”, so die Forscher. “Doch als die globale Erwärmung sich beschleunigte, begann auch die Zahl der Temperatur-Ausreißer anzusteigen.” Zwischen 1999 und 2018 gab es demnach bereits in 48 der 65 Meeresökosysteme solche Ereignisse. In der Arktis und dem Atlantik beobachteten die Forscher eine anhaltende Zunahme, im Indischen Ozean und im Pazifik blieben die Häufigkeiten bis 2010 fast gleich, stiegen dann aber ebenfalls deutlich an.





