In den Herbstmonaten, jeden Abend ab 21 Uhr, wird die Mole von Puerto de las Nieves im Norden von Gran Canaria zum Einsatzort freiwilliger Helfer. Unterhalb der Hafenmauer, auf den riesigen Betonblöcken, sind an diesem Abend gleich mehrere von ihnen unterwegs. Die Lichtkegel ihrer Stirnlampen tanzen über die teilweise von Wellen umspielten Steine, während sie geschickt von Block zu Block springen.
Plötzlich ist erst am Himmel, dann am Boden ein lautes, dumpfes Geräusch zu hören. Nicht das erste Mal heute. Die Lichtkegel, gerade noch in verschiedenen Richtungen unterwegs, treffen aufeinander – und beleuchten die Szene, von der der Knall ausging. Wieder ist ein junger Sturmtaucher gegen einen Mast geflogen und zwischen zwei Betonblöcken auf den Boden gestürzt. Ein Helfer, ein paar Meter weiter, ruft mit heiserer Stimme: „Der hat sich bestimmt den Flügel verletzt.“
Ein Weiterer springt von seinem Block und nähert sich vorsichtig. Der kleine Corysturmtaucher (Calonectris borealis) – pardela cenicienta auf Spanisch – sitzt desorientiert da, mit seinem langen, gebogenen gelben Schnabel und dem noch frischen grauen Flaum. Er rührt sich kaum. Der Helfer muss jetzt schnell zugreifen. Vorsichtig, aber bestimmt, um bei seinem Rettungsversuch nicht vom kräftigen Schnabel des Tieres gezwickt zu werden. Kaum gefasst, strampelt der Jungvogel und stößt einen lauten Ruf aus. „Ein Männchen, ganz klar“, sagt einer der Pardeleros, wie sich die Ehrenamtlichen selbst nennen, alle lachen.
Ein gefährlicher erster Flug
„Wenn wir sie finden, ist es das erste Mal, dass sie ihr Nest verlassen haben – erst vor etwa 20 Minuten“, erklärt Norbert, einer der Freiwilligen. Mit einer routinierten Bewegung befestigt er einen Karton an einem Seil, das kurz zuvor von einem Kollegen oben auf der Hafenmauer herabgelassen wurde. Das Jungtier wird später am Abend zum örtlichen Wildschutzzentrum gebracht und am nächsten Tag wieder freigelassen, wenn es sich erholt hat. Damit es ein verletztes Sturmtaucherjunges überhaupt dorthin schafft, ist höchste Aufmerksamkeit geboten. „In dieser Zone muss man sehr schnell sein, denn wenn wir zu langsam sind, versteckt sich das Küken sofort unter den Steinen, manchmal bis zu zwei Meter tief – und dann wird es schwierig, es zu retten“, erläutert Samuel, der die Gruppe der Freiwilligen leitet. Auch die wachsende Flut kann für die Tiere zur Sackgasse werden, wenn nicht schnell genug eingeschritten wird. Oft musste sich Samuel schon verrenken, um einen Vogel zu retten. Er ist der Erfahrenste hier – über 35 Jahre macht er das schon. „Als Kind habe ich mit meinen Freunden zu dieser Jahreszeit immer nach Sturmtauchern gesucht“, erinnert er sich.





