Wie viele der rotbraunen Affen hangeln sich durch die Wälder Borneos und wie hat sich der Bestand in den letzten Jahren entwickelt? Diese Frage ist wegen der Unzugänglichkeit und Undurchsichtigkeit dieses Lebensraums nur schwer zu beantworten. Um dennoch Rückschlüsse zu ermöglichen, zählen Tierschützer auf Borneo seit 1999 systematisch die Schlafnester der Orang-Utans. Durch Hochrechnungen sind anhand dieser Daten Einschätzungen über die Bestandesdichten möglich.
Dem Forscherteam aus Deutschland und Großbritannien standen nun die bislang umfangreichsten Datensätze für ihre Studie zur Verfügung. Sie ermöglichten eine neue Einschätzung der Verbreitung der Tiere, ihrer Bestandsdichten und deren Entwicklung von 1999 bis 2015. Zusätzlich verknüpften die Wissenschaftler diese Ergebnisse mit Daten zur Entwicklung des menschlichen Einflusses in den Verbreitungsgebieten der Orang-Utans. Konkret untersuchten sie, inwieweit sich dort etwa Palmölplantagen ausbreiten, nach Bodenschätzen geschürft oder abgeholzt wird.
Deutlich mehr Tiere – aber drastische Verlustraten
Wie die Forscher berichten, geht aus ihren Ergebnissen hervor, dass es auf Borneo ursprünglich deutlich mehr Orang-Utans gab als bisher gedacht. “So haben wir beispielsweise erfahren, dass Orang-Utans viel weiter verbreitet sind, als wir es bisher angenommen hatten, und dass sie auch in stärker degradierten Waldgebieten und sogar in einigen Plantagen vorkommen”, sagt Co-Autorin Maria Voigt vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. “Da wir jetzt mehr Daten zum Vorkommen und zur Dichte der Orang-Utanbestände gesammelt haben, können wir die Verteilung und Populationstrends der Tiere besser rekonstruieren”, so Voigt. So zeichnete sich der drastische Rückgang ab: Mehr als 100.000 Tiere sind seit 1999 verloren gegangen, ergab die Hochrechnung.
Am intensivsten ist der Rückgang in Gebieten, die abgeholzt oder in landwirtschaftliche Nutzflächen umgewandelt wurden, dokumentieren die Ergebnisse. Überraschenderweise war jedoch der zahlenmäßige Verlust in ursprünglichen Wäldern besonders groß und auch dort, wo nur selektiv Holz geschlagen wird. Es handelt sich dabei um die wichtigsten Lebensräume der Orang-Utans. Verfolgung durch den Menschen ist wahrscheinlich einer der Hauptgründe für den Rückgang in diesen Waldgebieten, erklären die Forscher: Die Orang-Utans werden dort bei Konfliktsituationen getötet, wegen ihres Fleisches gejagt und für den Haustierhandel verschleppt.
Eigentlich überraschend anpassungsfähig
Im Rahmen der Studie hat sich zudem abgezeichnet, dass der Orang-Utan eigentlich deutlich widerstandsfähiger und anpassungsfähiger ist als bislang angenommen. Theoretisch können sie sich deshalb in gewissem Maße auf die Veränderungen durch den Menschen einstellen: Sie überleben auch in fragmentierten Landschaften und viel kleineren Waldgebieten, als Wissenschaftler es bisher für möglich gehalten haben. Doch dort kommen sie eben auch in die Nähe des Menschen. “Was die Orang-Utans nicht verkraften können, sind die hohen Tötungsraten, die wir derzeit beobachten”, erklärt Co-Autor Serge Wich von der Liverpool John Moores University. “Denn Orang-Utans haben nur selten und wenig Nachwuchs”. Eine frühere Studie hat in diesem Zusammenhang ergeben: Wenn aus einer Population nur einer von 100 ausgewachsenen Orang-Utans pro Jahr entfernt wird, stirbt diese Gruppe sehr wahrscheinlich aus.





