Küssende Pärchen und die Geheimnisse menschlichen Denkens: Der Biopsychologe Onur Güntürkün hat ein Gespür für Themen, die Laien und Fachkollegen gleichermaßen begeistern.
Forschung muss nicht teuer sein: Ein Stift, ein kleiner Zettel, der ins Geldscheinfach eines Portemonnaies passt. Dazu Geduld, etwas Zeit, die man ohnehin hat, etwa beim Warten auf einen Anschlussflug. Eine saubere Fragestellung und klare Methoden. Das genügt schon für einen Artikel im angesehenen Wissenschaftsfachblatt „Nature”. Thema: In welche Richtung neigen Menschen ihren Kopf, wenn sie sich küssen? Antwort: Bevorzugt nach rechts!
Wie ein Blick ins Internet zeigt, interessierte sich die halbe Welt für die Frage. Aber ist das Wissenschaft? Es ist, bestätigt der Autor Prof. Onur Güntürkün, Biopsychologe an der Ruhr-Universität in Bochum, geboren 1958 im türkischen Izmir, aufgewachsen in Deutschland und der Türkei, Studium und wissenschaftliche Karriere in Deutschland.
Güntürkün spricht eloquent, überzeugend. Sein Deutsch ist so rein und fehlerlos, wie es die meisten seiner deutschen Mitbürger nicht fertig bringen. Seine Begeisterung ist ansteckend. Er liebt seine Forschung, ist stolz auf seine Familie und immer wieder freudig erstaunt über den Lauf des Lebens, der bei ihm alles so trefflich gefügt hat. War es Glück, Zufall oder Schicksal? Güntürkün jedenfalls führt ein Leben, mit dem er rundum zufrieden ist. Selten habe ich einen glücklicheren Menschen kennen gelernt.
Erstaunlich, zumindest auf den ersten Blick. Denn der Professor mir gegenüber sitzt im Rollstuhl, und das seit vier Jahrzehnten. Die Kinderlähmung, die gefürchtete Geißel, befiel den kleinen Onur, als er vier Jahre alt war. Es war eine unglückliche Verkettung von Umständen: Zweimal war der Junge bereits geimpft worden, eine dritte Spritze hätte ihn dauerhaft geschützt. Doch kurz davor, beim Spaziergang mit den Eltern am Strand des Schwarzen Meeres, schnitt er sich an einer Glasscherbe. Im Krankenhaus erhielt er eine Tetanusspritze – und erkrankte an Kinderlähmung. „Die Spritze war wahrscheinlich infiziert”, vermutet Güntürkün.
Die Infektion war schwerwiegend. Der kleine Junge konnte nicht sprechen, nicht essen, nicht selbstständig atmen. Es schien, als würde er nicht überleben. Nur langsam besserte sich sein Zustand. Sein Onkel, der in Deutschland als Architekt arbeitete, hatte von einer Therapie gehört, die eine deutsche Klinik für Kinder mit Lähmungen anbot. Milde Stromstöße sollten die Muskeln aktivieren. Mit sechs Jahren kam der kleine Onur nach Deutschland. Eine Spendenkampagne der Bildzeitung hatte das Geld für die Behandlung zusammengebracht.
Im Krankenhaus durfte Onur seine Eltern nicht sehen. Selbst eine türkische Putzfrau musste die Station verlassen. Der Chefarzt hatte eine Kontaktsperre verhängt, damit nichts den Patienten ablenke. „Eine irrwitzige Maßnahme”, sagt Güntürkün. „ Aber damals waren Ärzte noch Halbgötter in Weiß.” Als ihn seine Eltern acht Monate später abholten, sprach der Junge kein Türkisch mehr, dafür aber perfekt Deutsch.
Die Familie blieb in Deutschland. Der Vater hatte in Baden-Baden eine Stelle als Arzt gefunden. Onurs Zustand stabilisierte sich. Er besuchte in der Kurstadt die Schule. 1973, als er in der Oberstufe war, ging die Familie zurück in die Türkei. Ein Glücksfall, findet Güntürkün: „Hätte ich in Deutschland Abitur gemacht, würde ich hier heute nicht sitzen.” Der Arbeitsstil im badischen Gymnasium sei lax gewesen, erst im türkischen Gymnasium habe er richtig arbeiten müssen.
Der junge Onur interessierte sich schon früh für alles, was mit „Lebensvorgängen und dem Verhalten von Tieren” zu tun hatte. Für zehn Pfennig übernahm er den täglichen Abwasch, um sich Geld für ein Mikroskop zu verdienen – von Neckermann, für 36,50 Mark. Es war sein Heiligtum. Er untersuchte Blattläuse und Löwenzahnsamen. Er setzte Rüsselkäfer in ein Labyrinth und zeichnete Lernkurven. Im Sommer fuhr er systematisch Wiesen ab und zeichnete Landkarten der Ameisenterritorien. Der Würzburger Ameisenforscher Bert Hölldobler war einer seiner Helden. Mit 16 Jahren nahm er in Izmir am Programm „Jugend forscht” teil. Sein Thema: Sehen Fische Farben? Mit einem Konditionierungsexperiment an Aquariumsfischen fand der Jungforscher heraus, dass sie Helligkeiten, aber keine Farben unterscheiden. Die Arbeit brachte ihn in die Endauswahl nach Istanbul, wovon ein Foto mit dem türkischen Bildungsminister zeugt.
Schon als Gymnasiast wollte Güntürkün das werden, was er heute ist: Hirnforscher. Er entschied sich, Psychologie zu studieren, und zwar in Deutschland – eine wichtige Weichenstellung, die allerdings auf einer Fehleinschätzung beruhte. „Ich hatte damals die Vorstellung, dass Psychologie in der Türkei nicht neurowissenschaftlich orientiert ist”, erklärt Güntürkün. „Das war richtig. In Deutschland aber, so dachte ich, sei Psychologie neurowissenschaftlich orientiert.”
Das war falsch. In den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg war die deutsche Psychologie ein „trostloses Pflaster”, wie sich Güntürkün erinnert. „Kein Wunder natürlich, wenn man seine besten Köpfe entweder umgebracht oder vertrieben hat.” Die Neurowissenschaft spielte bei den Psychologen keine Rolle. Biologie beschränkte sich auf die Physiologie des Menschen und eine meist angestaubte Tierpsychologie. Als der frisch gebackene Abiturient 1975 sein Studium an der Ruhruniversität Bochum aufnahm, war er zutiefst enttäuscht und trug sich mit dem Gedanken, zur Medizin zu wechseln.
„Prof. Juan Delius, der Leiter der Tierpsychologie, hat mir damals das Leben gerettet”, sinniert Güntürkün. Delius, gebürtiger Argentinier und ein Schüler des Nobelpreisträgers Niko Tinbergen, war in allem das, was der junge Student suchte: überall in der Welt zu Hause, einer, der wie Güntürkün nirgendwo dazu gehörte. Delius erzählte spannende Geschichten über seine Tierbeobachtungen. Er erklärte, warum es zu einem bestimmten Verhalten kommt, und er suchte nach Antworten im Gehirn. Er brachte seinen späteren Doktoranden auf die „Bahn zur Neuroethologie”.
„Güntürkün fiel mir schnell auf”, erinnert sich Delius. „Ein hervorragender Student, äußerst interessiert, hoch intelligent. Er hatte, das merkte man schnell, das Zeug zum Forscher.”
Nach seiner Doktorarbeit (summa cum laude) arbeitete Güntürkün in Paris, in San Diego und schließlich an der Universität Konstanz, wo er im Alter von 33 habilitiert wurde. 1993 erhielt der Jungprofessor einen Ruf auf den Lehrstuhl für Biopsychologie der Ruhruniversität Bochum.
Biopsychologie – das war etwas Neues. In den achtziger Jahren begannen immer mehr Psychologen zu merken, dass das Gehirn, die Hormone, vielleicht sogar die Gene, etwas mit ihrem Fachgebiet zu tun haben. So entstand die Biopsychologie. Sie untersucht Fragen wie: Was passiert im Gehirn, wenn Lebewesen lernen, sich erinnern oder etwas wahrnehmen? Wie funktioniert das Innenleben? Wo liegen die evolutionären Wurzeln menschlichen und tierischen Verhaltens? Was sind die hormonellen Grundlagen von Stress, Hunger oder Sex? Die Biopsychologie hat viel mit der Evolutionspsychologie gemeinsam, die bislang eine amerikanische Domäne ist. Güntürkün sieht sie als „Schwester der Biopsychologie”: Beide befassen sich mit der Frage, wie Verhaltensweisen evolutionär entstanden sind und genetisch fixiert wurden. „Langsam setzt sich die Erkenntnis durch, dass das menschliche Gehirn nicht mit der französischen Revolution entstanden ist, sondern eine echte Entwicklungsgeschichte hat”, meint Güntürkün.
Als Güntürkün nach Bochum kam („Dem ersten Ruf sollte man folgen”), war die Biopsychologie dort ein randständiger Bereich. Inzwischen hat seine Abteilung 19 Mitarbeiter. „Die Biopsychologie”, sagt der Professor, „gehört heute zu den aufsteigenden Fachgebieten der Psychologie. Sie ist das Spannendste, was man derzeit forschen kann.” Er ist froh, dabei zu sein und staunt noch immer über seinen Lebensweg dahin: „ Biografisch habe ich einfach Glück gehabt.”
„Güntürkün hat in Bochum eine biopsychologische Gruppe aufgebaut, die ich für eine der stärksten in Deutschland halte, und die auch international einen sehr guten Ruf hat”, sagt Dr. Helmut Prior, Privatdozent an der Universität Frankfurt am Main und einst Güntürküns Mitarbeiter.
Die Biopsychologie ist eine experimentelle Wissenschaft. Güntürkün arbeitet vor allem mit „zwei Standardtieren: Tauben und Menschen”. So formuliert er es gerne, wenn er vor Philosophen, Theologen oder Soziologen vorträgt. Das garantiere immer eine lebhafte Diskussion. Wert legt der Professor auf einfache Versuche. Die meisten Experimente, so seine Überzeugung, können simpel sein – und dennoch aussagekräftig.
Genau wie seine Untersuchung zur menschlichen Kusshaltung: Güntürkün beobachtete, wie sich Paare auf Flughäfen in den USA, Deutschland und der Türkei küssten. Er stellte dabei fest, dass doppelt so viele Menschen ihren Kopf nach rechts statt nach links neigen. Na und? – möchte man einwenden. Doch die Beobachtung enthüllt eine tiefe Wahrheit über die „Hälftigkeit” des Gehirns: die funktionelle Verschiedenheit der rechten und linken Gehirnhälfte, der so genannten Lateralisation oder cerebralen Asymmetrie.
Sie durchzieht als Leitmotiv Güntürküns Forschung. Sein Lebenswunsch ist es, eine „vernünftige Antwort” auf die Frage zu finden, welchen Sinn diese Hälftigkeit hat. Früher nahmen die Hirnforscher an, dass nur der Mensch lateralisiert sei und dass darauf seine geistige Überlegenheit beruhe. Inzwischen weiß man, nicht zuletzt dank Güntürküns Arbeit, dass dieser Links-Rechts-Unterschied auch für Tiere gilt.
„Gerade bei Tauben ist es sehr einfach zu sehen, wie sich die Lateralisation entwickelt”, sagt Güntürkün. Im Ei haben die Embryos den Kopf nach rechts gedreht, das rechte Auge hin zur Schale gerichtet. Steht das brütende Elternteil auf, dringt Licht durch die Schale und stimuliert vor allem das rechte Auge. Dieses einfache Signal wirkt tief bis ins Vorderhirn hinein. Es ist der Schalter, der, einmal umgelegt, die Lateralisation des Gehirns nach sich zieht.
Mit einem einfachen Experiment an Rotkehlchen haben die Bochumer Forscher gezeigt, dass das Phänomen auch beim Vogelzug eine Rolle spielt. Zugvögel orientieren sich am irdischen Magnetfeld in Richtung Norden. Das Verblüffende ist: Sie „sehen” das Magnetfeld, und zwar mit dem rechten Auge. Verdeckten die Bochumer Forscher in Laborexperimenten dieses Vogelauge, irrten die Rotkehlchen ziellos umher. Das rechte Auge ist mit der linken Hirnhälfte verbunden, die für das Sehen von Objekten zuständig ist.
Ähnliches entdeckte Güntürküns Team, als es untersuchte, wie gut Tauben zum heimischen Schlag zurückfinden. Anders als die Rotkehlchen in ihrem geschlossenen Versuchskäfig hatten die Tauben außer ihrem Magnetsinn auch noch die Möglichkeit, sich an der Landschaft und am Geruch zu orientieren. Aber auch hier zeigte sich: Wenn die Vögel den Magnetsinn über ihr rechtes Auge nutzten, konnten sie sich besser orientieren.
Besonders stolz ist Güntürkün auf eine Untersuchung, in der die Bochumer, als Erste überhaupt, zeigen konnten, dass eine Taube umso besser Muster unterscheiden kann, je lateralisierter sie ist. „Asymmetry pays” (Asymmetrie zahlt sich aus) heißt die Arbeit. „Damit haben wir zum ersten Mal bewiesen, was man als guter Darwinist ohnehin vermutet: Lateralisation ist für irgendetwas gut”, sagt der Professor. „Wir wissen nur noch nicht, wieso.”
Mit seiner Kuss-Studie bewies Güntürkün, dass Mensch und Taube etwas gemeinsam haben. Die meisten Menschen schreiben mit der rechten Hand, kicken mit dem rechten Fuß und lauschen mit dem rechten Ohr. Diese Vorlieben prägen sich allerdings erst nach der Geburt in den ersten Lebensjahren aus. Gibt es einen Vorgang, der, wie bei der Taube, bereits im Mutterleib das Gehirn lateralisiert? Menschliche Föten, so hatte man schon früher beobachtet, drehen ihren Kopf im Mutterleib hauptsächlich nach rechts. „Ich musste nun nachweisen”, sagt der Professor, „dass Menschen nie aufhören, ihren Kopf bevorzugt nach rechts zu drehen.” Genau das ergab seine Studie.
Güntürküns Untersuchung fand sich sogar in amerikanischen Lokalzeitungen wieder. Dem Professor ist das recht. Er lässt durchaus auch die Boulevard-Presse für seine Sache arbeiten. Zudem mag er Themen mit hohem „Menschelfaktor” – Themen, die nicht nur den Wissenschaftler interessieren, sondern genauso seine Mitmenschen, seine Frau oder seine Kinder.
Ein solches Thema ist auch eine seiner jüngsten Arbeiten, in der es um das Orientierungsvermögen von Frauen geht. Jeder meint ja zu wissen: Frauen können – im Gegensatz zu Männern – keine Straßenkarten lesen. Inzwischen steht fest, dank der Arbeit der Bochumer Forscher, dass diese Behauptung während der weiblichen Menstruation nicht gilt. Dann nämlich, wenn die weiblichen Sexualhormone ihren Tiefpunkt erreichen, schneiden Frauen beim Test ihrer visuell-räumlichen Fähigkeiten nicht schlechter ab als Männer.
Dieser Versuch ist ein schöner Beleg dafür, wie Hormone die geistigen Leistungen steuern. Doch es steckt noch mehr dahinter: In der linken Hirnhälfte des Menschen konzentrieren sich die verbalen Fähigkeiten. Sie gilt als weibliche Seite. Auf der rechten – männlichen – Seite herrschen die visuell-räumlichen Funktionen. Könnte es also sein, dass Frauen und Männer sich in ihren geistigen Leistungen unterscheiden, weil die Asymmetrien ihrer Gehirne unterschiedlich sind? Dann müssten sich auch diese Asymmetrien mit dem Monatszyklus verändern.
Genau das konnten die Bochumer Forscher mit einigen pfiffigen Experimenten nachweisen. Während bei den weiblichen Versuchspersonen außerhalb der Regel die Leistungen beider Hirnhälften gleich waren, zeigte sich während der Menstruation eine deutlich asymmetrische Hirnorganisation. „Was wir schon bei Tauben gefunden haben, sehen wir jetzt auch im menschlichen Gehirn”, sagt Güntürkün mit sichtlichem Stolz. „Wir finden nicht nur einen asymmetrischen Aufbau des Gehirns. Wir finden auch, dass diese Asymmetrie sich immer wieder aufs Neue einrichtet.”
Gute Forschung bringt Ehre. 1983 erhielt Güntürkün den Preis der Universität Bochum für besonders herausragende wissenschaftliche Arbeiten junger Wissenschaftler. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft verlieh ihm einen Förderpreis für hoch qualifizierte Nachwuchswissenschaftler. 1995 bekam er den mit 850 000 Mark dotierten Förderpreis der Alfried Krupp zu Bohlen und Halbach-Stiftung für herausragende junge Hochschullehrer.
Im Jahr 2000 verlieh die Universität Istanbul dem Biopsychologen die Ehrendoktorwürde, nicht nur für seine Forschung, sondern auch für seine Rolle als Mittler zwischen den akademischen Kulturen der Türkei und Deutschlands. Güntürkün fühlt sich beiden Welten zugehörig. Er, seine Frau und seine beiden Söhne haben je zwei Pässe. Er ist Rektoratsbeauftragter für den Austausch zwischen der Universität Bochum und der Universität Istanbul und Mitglied der Türkischen Akademiker Bochums.
Gibt es ein Problem der Deutsch-Türken? Güntürkün sieht die Sache wissenschaftlich-nüchtern: Derzeit wachse in Deutschland die dritte Generation heran. Die Menschen sind hier geboren, aber gelten dennoch nicht als Einheimische. Sie werden hier bleiben. „ Sie sind die größte ethnisch abgegrenzte Minderheit, die Deutschland je hatte”, sagt er. Und die Türken in Deutschland seien die größte Auslandskommune der türkischen Republik. „Beide Länder sind also, ob sie es wollen oder nicht, durch Blut, durch diese Menschen, aneinander gekoppelt.” Deutsche und Türken, das ist wie in einer Familie: „Man sucht sich seinen Bruder nicht aus. Man hat ihn.” Und man muss zusammenarbeiten. Seine Bochumer Studenten gehen für sechs Monate oder ein Jahr an türkische Universitäten. Türkische Studenten kommen nach Deutschland. Güntürkün denkt an ein Doppeldiplomierung: Man studiert ein Fach, geht für ein Jahr nach Bochum oder Istanbul und erhält das Diplom an beiden Universitäten. „So legen wir den Samen für eine längerfristige Kooperation und für Multiplikatoren, deren beide Länder zutiefst bedürfen.”
Güntürkün wird wohl in Bochum bleiben. Denn Bochum, so schwärmt er, habe eine tolle Universität. „Vieles, von dem man sagt, es lähme deutsche Universitäten, haben wir hier nicht.” Auch auf den Wissenschaftsstandort Deutschland lässt er nichts kommen. Inzwischen, so sagt er, sei Deutschland international konkurrenzfähig. Was ihm Sorgen macht, sind die Aussichten für den wissenschaftlichen Nachwuchs. „Wir ziehen so viele gute junge Leute heran”, sagt er, „hoch intelligente, hoch motivierte und hart arbeitende Menschen, und können nur wenigen einen Platz in der Forschung bieten.” Kein Wunder, dass so viele ins Ausland gingen.
Dafür hat er eine überraschende Lösung. Die deutschen Professoren hätten zu viel Macht und zu viele Ressourcen. Er selbst führe einen „Herzogenhof” mit einer Ausstattung, um die ihn jeder amerikanische Nobelpreisträger beneiden würde: zwei Halbtagssekretärinnen, eine Ganztags-TA, eine Ganztags-Tierpflegerin und drei Postdoc-Stellen. „Unglaublich”, sagt der Professor. „Man geht zu gut mit mir um!”
Sein Vorschlag: Mehr Professoren, aber mit einer bescheideneren personellen Ausstattung. Dadurch könne man mehr junge Menschen in der Forschung halten, und, fügt Güntürkün hinzu, „es gäbe mehr Kollegen, die Dinge können, die ich nicht kann. Und ich könnte mich besser auf meine Kerngebiete konzentrieren.”
Bei seinen Kollegen stößt Güntürkün mit seinem Vorschlag auf wenig Gegenliebe. Die meisten möchten auf überkommene Pfründe nicht verzichten. Und auch er handelt gegen seine Überzeugung. Vor einigen Jahren hat er wegen einer weiteren Postdoc-Stelle verhandelt: „Ich stehe also als Lügner vor Ihnen da”, sagt er – und freut sich.
Beim aktuell herrschenden Reformeifer könnte es allerdings passieren, dass man ihn irgendwann beim Wort nimmt. Probleme hätte er damit nicht. ■
Heinz Horeis hat mehrfach außergewöhnliche Wissenschaftler für bild der wissenschaft porträtiert, darunter die Nobelpreisträger Francis Crick und Murray Gell-Mann sowie den Hirnforscher Wolf Singer.
Heinz Horeis
Ohne Titel
• Geburt: 1958 im türkischen Izmir. • Schicksal: Schwere Kinderlähmung im Alter von vier Jahren – sie bringt ihn nach Deutschland. • Karriere: Mit 33 habilitiert, heute Professor an der Universität Bochum. • Forschung: Wie erzeugt das Gehirn menschliches Verhalten? • Vorlieben: Einfache Experimente, die tiefe Wahrheiten offen legen.





