Derzeit gilt das Territorialprinzip: Jeder Staat, jede Region ist nur für die Emissionen verantwortlich, die auf seinem Territorium entstehen. Europa verantwortet demnach rund elf Prozent der globalen Emissionen. Wenn man nun die Warenströme betrachtet: Muss man dann annehmen, dass Europa viel mehr Emissionen erzeugt als die eben genannten elf Prozent?
Das kann man eben so leicht nicht sagen. Zwar lässt sich berechnen, wie viele Emissionen in einer Ware enthalten sind, also wie viele bei der Herstellung freigesetzt wurden. Man kann daraus jedoch nicht direkt schließen, was geschehen würde, wenn die EU anfängt, weniger Güter (und damit weniger Emissionen) zu importieren. Das mag zunächst paradox klingen. Doch wenn Europa aufhört, Güter aus China zu importieren, dann verändern sich die gesamten Handelsmuster – und nicht nur die zwischen der EU und China. Als Wissenschaftler können wir die Konsequenzen, die damit verbunden sind, bisher kaum hinreichend quantifizieren – möglicherweise werden wir das auch nie vollständig können. Wir sind uns aber zumindest sicher: Andere Länder würden ihre Produktions- und Konsummuster anpassen, wenn die EU die Importe verringert. Und China oder andere Länder selbst hätten darüber hinaus weniger Einnahmen – und damit weniger Geld, um weitere, sauber produzierte Güter aus dem Westen zu kaufen, so dass sie diese sehr wahrscheinlich selbst verstärkt mit weniger sauberen Produktionsstrukturen herstellen würden.
Inwiefern haben Sie mit Ihrer Arbeit ein neues Forschungsgebiet betreten?
Es gab in den vergangenen Jahren eine beachtliche Zahl von Studien, die abgeschätzt haben, wie die Emissionsflüsse zwischen Ländern aussehen. Wir haben zunächst einmal alles hinterfragt: Was heißt beispielsweise, dass wir “Emissionen importieren”? Was kann man daraus lernen – was nicht? Als nächstes haben wir eine neue Methode entwickelt, um verschiedene Triebkräfte zu identifizieren. Es ging darum zu verstehen, warum Emissionstransfers überhaupt stattfinden – und was sie bedeuten.
Welche Triebkräfte haben Sie identifiziert?
Insgesamt vier. Zunächst: die Handelsbilanz. Denn wenn ein Land mehr Waren exportiert, dann betrifft das auch die Emissionen. Zweitens: Spezialisierungsmuster, das heißt: Manche Länder sind darauf spezialisiert, Waren herzustellen, deren Produktion besonders viel Energie benötigt – etwa Maschinen. Drittens: Energieintensität; also: Wie viel Energie wird gebraucht, um eine Einheit des Bruttoinlandsproduktes herzustellen? Und viertens: Wie viel CO2 wird ausgestoßen, um eine Einheit Energie zu produzieren; konkret: Wie ist das Energiesystem aufgestellt; wie hoch ist etwa der Anteil von zum Beispiel Kohle im Strommix? Wir nennen das: die Karbonintensität.


Sie haben kürzlich in einer Studie dargelegt, dass der Ausstoß von Treibhausgasen noch stärker ansteigen könnte, wenn sich Europa aus dem Welthandel zurückziehen würde. Wie ist das zu erklären?


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