Fischkadaver, die in der heißen Augustsonne silbrig glänzen und leblos in der Oder treiben: Diese Bilder gingen im August 2022 durch alle Nachrichten. Die Frage nach der Ursache dieses massenhaften Sterbens von Fischen und anderen Wassertieren war schnell geklärt, als Forschende des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) hohe Konzentrationen der giftigen Brackwasseralge Prymnesium parvum im Fluss nachwiesen. Doch dass sich die Alge überhaupt so stark vermehren konnte, liegt an den zahlreichen menschlichen Eingriffen, durch die sich die Oder im Laufe der Zeit verändert hat. Dadurch führt der Fluss sehr wenig Wasser und enthält übermäßig viele Salze.
Die große Zählung
Doch konnte der geschwächte Fluss sich trotzdem seit der Katastrophe erholen? Das haben nun Forschende um Christian Wolter vom IGB im Rahmen einer wissenschaftlichen Routine-Befischung untersucht. Diese Art der Forschungsexpedition findet seit 1999 mindestens dreimal jährlich statt und dient nun als erste Bestandsaufnahme seit der Umweltkatastrophe im Sommer. Die Wissenschaftler befuhren mit ihrem Forschungsschiff eine Strecke von 37 Flusskilometern und warfen dabei ein Dutzend Mal ein großes Schleppnetz aus. Außerdem führten sie Leitfähigkeitsmessungen durch, über die der Salzgehalt des Wassers ermittelt werden kann.
Wolter und sein Team holten die mit dem Schleppnetz gefangenen Fische an Bord, wo sie unter anderem Art und Geschlecht bestimmten, sie wogen und vermaßen. Nach dem Prozedere wurden die Tiere vorsichtig zurück ins Wasser gesetzt. Zusätzlich zu der Schleppnetzuntersuchung mitten auf dem Wasser fanden außerdem schonende Elektrobefischungen vom Ufer aus statt. Auf diese Weise konnte das Forschungsteam herausfinden, wie arten- und zahlreich die Fischbestände in der Oder noch sind.
Hälfte der Fische verschwunden
Das Ergebnis der Fischzählung: Seit der Umweltkatastrophe haben sich die Bestände über alle Arten hinweg drastisch reduziert. Insgesamt fingen die Forschenden nur halb so viele Fische wie in den Vorjahren. Von wichtigen und für die Oder typischen Arten wie Zope und Rapfen ging ihnen sogar kein einziges Exemplar ins Netz. Auch Muscheln und Schnecken, die bei der Befischung gelegentlich im Netz landen, aber nicht routinemäßig erfasst werden, waren dieses Mal kaum vorhanden. Bis die Bestände sich erholen und wieder aufgebaut sind, wird es einige Jahre dauern, schätzt Wolter.
Das allerdings setzt voraus, dass sich die Katastrophe nicht wiederholt, was nach Einschätzung des Ökologen durchaus passieren könnte. Denn der Salzgehalt des Oderwassers ist immer noch extrem hoch und das begünstigt ein erneutes explosionsartiges Algenwachstum. „Das Einzige, was aktuell für eine Massenentwicklung noch fehlt, sind wärmere Temperaturen“, sagt Wolter. Eine weitere verheerende Algenblüte abzuwenden, liege rein in menschlicher Verantwortung. Wolter fordert Grenzwerte für in die Oder geleitetes Salz und außerdem den Stopp von Baumaßnahmen, die den Fluss tiefer und breiter machen sollen. Stattdessen müsse der Hauptlauf renaturiert und wieder an seine Nebengewässer angebunden werden. Das würde das Flussbett anheben und die Fließgeschwindigkeit erhöhen – essenzielle Grundvoraussetzungen, um eine erneute Algengift-Katastrophe zu verhindern.





