Im Gehirn erwachsener Tiere und Menschen gibt es so genannte adulte neuronale Stammzellen, die die Fähigkeit zur Regeneration von zerstörtem Hirngewebe besitzen. Australische Wissenschaftler berichten jetzt im Fachblatt Nature über ein neu entwickeltes Ausleseverfahren, mit dem sich solche Hirnstammzellen in hoher Reinheit gewinnen lassen. Studien mit diesem Material sollen klären, wie die Zellen zur Produktion neuer Neuronen angeregt werden können, um Menschen mit degenerativen Gehirnerkrankungen zu helfen.
Die Schwierigkeit bei der Gewinnung neuronaler Stammzellen besteht darin, diese aus der Masse der Gehirnzellen herauszufiltern, das heißt störende Zellen abzutrennen. Ausgangsmaterial für die Wissenschaftler des Walter und Eliza Hall Instituts für medizinische Forschung in Melbourne waren Zellen, die die Seitenventrikel (Hirnkammern) von Mäusen auskleiden. Diese Zellschicht besteht zu 0,3 Prozent aus Stammzellen. Durch ein Anreicherungsverfahren, bei dem Zellen aufgrund von Größe und Oberflächenstrukturen ausgesondert werden, gelang es der Arbeitsgruppe von Perry Bartlett, Kulturen zu gewinnen, die zu 80 Prozent aus neuronalen Stammzellen bestehen. Mit den bisherigen Methoden war man über einen Reinheitsgrad von 5 Prozent nicht hinausgekommen. Die so angereicherten Stammzellen waren in der Lage, sich nach Verpflanzung in Mäuseembryonen zu Nerven- und Gliazellen zu entwickeln.
“Die Fähigkeit Hirnstammzellen anzureichern ist von unschätzbarem Wert für zukünftige Studien und könnte sich als nützlich für neue Behandlungsmethoden erweisen”, schreiben Robert Cassidy und Jonas Frisén vom Karolinska Institut in Stockholm in einem begleitenden Artikel. Letztlich sei es das Ziel, so die australischen Forscher, die Hirnstammzellen im lebenden Organismus dazu anzuregen, neue Nervenzellen als Ersatz für zerstörtes Hirngewebe zu bilden. Damit wäre eine Behandlung bei Gehirnerkrankungen wie Alzheimer oder Parkinson als Alternative zur Verpflanzung embryonaler Stammzellen möglich.
Joachim Czichos





