„Zeig mir deine Freunde und ich sag dir, wer du bist.“ Getreu diesem Motto kann es für uns Menschen ungemein hilfreich sein, einen genaueren Blick auf unsere nächsten Primaten-Verwandten zu werfen. Denn indem wir ihren genetischen Code knacken, können wir mehr über sie, aber auch mehr über uns selbst und unsere evolutionäre Entwicklung erfahren. Darüber, was den Menschen zum Menschen macht, und welche Genmutationen in unserem Erbgut typisch menschliche Krankheiten auslösen können.
Paviane als Modell für die menschliche Evolution
Wissenschaftler aus vier internationalen Forschungsteams sind dem Ziel eines vollständigen Primaten-DNA-Kataloges nun einen großen Schritt nähergekommen. Ihnen ist es gelungen, die Genome von insgesamt 809 Affen aus 233 Arten zu sequenzieren. Das deckt fast die Hälfte aller existierenden Primatenarten ab und hat die bisherige Anzahl der für diese Gruppe verfügbaren Genome auf einen Schlag vervierfacht. Die gewonnenen Daten lassen sich nun auf verschiedene Weise nutzen. So haben sie den Wissenschaftlern unter anderem bereits neue Einblicke in die Evolutionsgeschichte der Primaten erlaubt.
Dabei hat sich zum Beispiel gezeigt, dass Paviane ein gutes Modell für die Evolution frühmenschlicher Linien innerhalb und außerhalb Afrikas sein könnten. Denn ähnlich wie bei unseren Vorfahren gab es im Laufe ihrer Entwicklung viele Fälle von Kreuzungen, Hydrisierung und Genfluss zwischen verschiedenen eng verwandten Arten. Auch die Entstehung der ersten Vor- und Frühmenschen geht gängiger Theorie nach auf solche Vermischungen verschiedener Arten zurück. „Wir haben herausgefunden, dass Paviane aus West-Tansania die ersten nichtmenschlichen Primaten sind, die aus drei genetischen Vorläuferlinien (Arten) hervorgegangen sind“, erklärt Liye Zhang vom Deutschen Primatenzentrum. Damit seien die genetische Struktur der Pavianpopulation und die Geschichte des Genaustauschs zwischen den verschiedenen Arten weitaus komplexer als bislang gedacht, aber umso hilfreicher dabei, unsere eigene Evolutionsgeschichte besser zu verstehen.
Goldgrube für krankmachende Genmutationen
Die genetischen Primatendaten können uns aber auch dabei helfen, die Alleinstellungsmerkmale des Menschseins besser zu verstehen. Erste Ergebnisse deuten allerdings daraufhin, dass wir womöglich doch nicht so besonders sind wie gedacht: „Mit dem neuen Genomkatalog hat sich die Zahl der genomischen Variationen halbiert, von denen man annahm, dass sie nur beim Menschen vorkommen“, erklärt Martin Kuhlwilm von der Universität Wien. „Das, was uns tatsächlich zum Menschen macht, scheint seltener zu sein als erwartet.“
Der Vergleich der Primatengenome mit unserem eigenen hat außerdem zur Identifizierung von 4,3 Millionen Mutationen geführt, die möglicherweise die Funktion von Proteinen verändern und dadurch Ursachen für menschliche Krankheiten sein könnten. Mithilfe eines auf Deep-Learning basierenden Algorithmus konnten die Forschenden bereits jene Mutationen heraussieben, die für uns Menschen höchstwahrscheinlich ungefährlich sind. Demnach kommen sechs Prozent der identifizierten Mutationen auch bei Primaten häufig vor. Da diese davon nicht krank werden, sind sie wahrscheinlich auch für menschliche Krankheiten wenig relevant. Sobald jedoch klar ist, welche Mutationen für welche Krankheitsbilder verantwortlich sind, könnten sich mit diesem Wissen irgendwann personalisierte Behandlungskonzepte für einzelne Patienten entwickeln lassen.





