Der bis zu drei Kilometer dicke Eispanzer über Grönland galt lange als Teil des “ewigen Eises”. Doch inzwischen mehren sich die Hinweise darauf, dass selbst das kalte Innere dieser arktischen Rieseninsel gegenüber der globalen Erwärmung nicht mehr immun ist. Aufnahmen von Flugzeugen und Satelliten zeigen, dass sich im Sommer auf der Oberfläche der Eisflächen immer mehr Schmelzwassertümpel bilden. Gleichzeitig führt die Eisschmelze dazu, dass sich auch im Eis und unter den Gletschern flüssiges Wasser sammelt und dass die Küstengletscher Grönlands inzwischen schneller in Richtung Meer fließen als noch vor 50 Jahren. Durch diese Prozesse fördert die grönländische Eisschmelze auch den Anstieg des Meeresspiegels: “Der grönländische Eisschild enthält genug Wasser, um die globalen Meeresspiegel um insgesamt 7,40 Meter zu erhöhen”, erklären Andrew Shepherd von der University of Leeds und sein Team.
3,8 Billionen Tonnen Eis weniger
Wie es um den Eisverlust Grönlands aktuell bestellt ist, haben nun Shepherd und 95 Kollegen von mehr als 50 Organisationen und Forschungseinrichtungen in einer aktuellen Bilanz ermittelt. Für ihre Studie werteten sie die Daten von elf verschiedenen Satellitenmissionen und insgesamt 26 Eismassen-Erhebungen aus der Zeit von 1992 bis 2018 aus. Sie kombinierten damit Radardaten zur Höhenveränderung des Eisschilds, Daten aus Schwerefeldmessungen und direkte Messwerte der Fließgeschwindigkeit von Gletschern. “Solche Satellitenbeobachtungen sind essenziell, um das Eis zu überwachen und vorhersagen zu können, wie der Klimawandel Eisverluste und den Meeresspiegelanstieg beeinflussen wird”, sagt Co-Projektleiter Erik Ivins vom Jet Propulsion Laboratory der NASA in Pasadena. “Computersimulationen ermöglichen uns zwar Prognosen, die Satellitenmessungen aber liefern direkte, unwiderlegbare Beweise.”
Die Datenauswertung ergab: Seit 1992 hat Grönland 3,8 Billionen Tonnen Eis verloren – das ist genug, um den globalen Meeresspiegel in diesen fast 30 Jahren um 10,6 Millimeter ansteigen zu lassen. Etwa die Hälfte dieses Eisverlusts geht auf das Abtauen der Eisoberfläche durch Kontakt mit der warmen Luft zurück, wie die Forscher berichten. Das dabei entstehende Schmelzwasser strömt dann entweder entlang der Oberfläche oder unter dem Eis in Richtung Küsten. Für die andere Hälfte des Eisverlusts ist das erhöhte Fließtempo der Gletscher verantwortlich. Das Eis gelangt dadurch schneller an die Küste und schmilzt dort durch Kontakt mit dem Meerwasser oder kalbt als Eisberge von der Gletscherfront.





