Beim Menschen ist der Effekt der Angst vor großen Raubtieren klar ersichtlich: “Große Fleischfresser sind eine reale, aber auch eine empfundene Bedrohung”, erklären Justin Suraci von der kanadischen University of Victoria und seine Kollegen. “Deshalb hat der Mensch versucht – und es größtenteils geschafft – diese Raubtiere überall auszurotten.” Weniger klar ist jedoch, wie sich die bloße Präsenz der Raubtiere auf ihre tierische Beute und die Gesamtheit eines Ökosystems auswirkt – losgelöst von den Effekten des tatsächlichen Tötens. Die Hypothese der Forscher: Allein indem sie ihre Beute verängstigen, könnten Top-Prädatoren schon eine kaskadenartige Wirkung auf das Nahrungsnetz haben. “Aus dem einfachen Grund, dass eine verängstigte Beute – in diesem Fall große Pflanzenfresser und kleinere Raubtiere – weniger frisst”, so die Forscher. “Allein die Präsenz der großen Fleischfresser könnte daher eine Landschaft der Angst schaffen, in der untere trophische Ebenen vor der übermäßigen Prädation durch die kleineren Raubtiere abgepuffert werden.” Ihrer Ansicht nach könnte die Angst vor dem Raubtier einen ebenso großen oder sogar größeren Effekt auf die Nahrungskette nach sich ziehen wie das direkte Töten.
Um dies zu testen, führten die Forscher ein Experiment auf einigen Inseln vor der Küste von British Columbia durch. Dort sind frühere Top-Prädatoren wie Pumas, Wölfe oder Grizzlybären längst ausgerottet, so dass verwilderte Hunde ihre Position übernommen haben. Sie jagen und töten auf diesen Inseln wilde Waschbären (Procyon lotor), die ebenfalls Fleischfresser sind, aber im Nahrungsnetz eine Ebene unter den Hunden stehen. Die Waschbären wiederum ernähren sich von Roten Steinkrabben (Cancer productus), die bei Ebbe in den Gezeitentümpeln der Strände zurückbleiben. Für ihre Studie beschallten Suraci und seine Kollegen jeweils einen Monat lang bestimmte Strandabschnitte entweder mit Tonaufnahmen von Hundegebell oder mit den Lautäußerungen von Seehunden und Seelöwen, die keine Gefahr für die Waschbären darstellen. Dabei filmten sie nicht nur die unmittelbaren Reaktionen der Waschbären, sie untersuchten auch, wie sich das Jagdverhalten der Waschbären in dieser Zeit veränderte – ob sie beispielsweise weniger Krebse fingen.
Angst verändert das Nahrungsnetz
Das Ergebnis: Allein das Hundegebell löste bei den Waschbären sichtbar Angst aus: “Die unmittelbare Reaktion der Waschbären war es, ihre Beutesuche entweder ganz aufzugeben und die Gezeitenzone zu verlassen oder aber erhöhte Wachsamkeit zu zeigen und weniger gründlich nach Beute zu suchen”, berichten die Forscher. In dem Monat der regelmäßigen Beschallung mit Hundegebell verbrachten die Waschbären insgesamt 66 Prozent weniger Zeit mit der Beutesuche als bei Beschallung mit den Lauten der für sie ungefährlichen Seehunde und Seelöwen. Das hatte Folgen: Am Ende des Monats lebten in diesem Strandabschnitt 61 Prozent mehr Rote Steinkrabben, 97 Prozent mehr der sonst von den Steinkrabben vertilgte Krebsarten, 81 Prozent mehr Fische und 59 Prozent mehr Borstenwürmer, wie die Untersuchung ergab. Umgekehrt sank die Zahl der Groppen (Leptocottus armatus), einem kleinen Fisch, der in dieser Region den wichtigsten Nahrungskonkurrenten der Roten Steinkrabbe darstellt.





