„Der Bulle Sudan ist tot“ – diese traurige Meldung machte im März 2018 die Runde. Dem letzten männlichen Vertreter des Nördlichen Breitmaulnashorns (Ceratotherium simum cottoni) war trotz umfangreicher Bemühungen vor seinem altersbedingten Ableben kein Kindersegen mehr vergönnt. Dies schien wie der finale Paukenschlag eines langen Requiems: Seit den 1960er Jahren ist die Zahl dieser Dickhäuter von etwa 2000 Individuen auf nun zwei verbliebene Weibchen abgestürzt. Alle Bemühungen, die Population zu stabilisieren, wurden durch Wilderei, Bürgerkrieg und Lebensraumverlust vereitelt.
Mit Befruchtungstechnik gegen das drohende Aus
Da sich das drohende Aus schon länger abzeichnete, sicherten Experten in den letzten Jahren Keimzellen der letzten Tiere und auch Gewebeproben, um Material für künstliche Befruchtungstechniken in der Hinterhand zu haben. Wie das internationale „Rettungsteam“ der Nördlichen Breitmaulnashörner berichtet, ist diese Überlebensversicherung nun erstmals erfolgreich zum Einsatz gekommen. Den Wissenschaftlern ist es gelungen, Reproduktionstechniken, die normalerweise bei Pferden angewendet werden, den speziellen Merkmalen der Nashörner anzupassen.
Wie sie berichten, haben sie mithilfe eines fast zwei Meter langen technischen Geräts Südlichen Breitmaulnashörnern in europäischen Zoos Eizellen entnommen. Sie wurden anschließend zu AVANTEA in Italien geschickt – einem weltweit führenden Unternehmen in Technologien zur künstlichen Befruchtung großer Tiere. „In unserem Labor haben wir Verfahren entwickelt, wodurch die Eizellen reifen, dann durch intrazytoplasmatische Spermieninjektion befruchtet und anschließend kultiviert werden“, sagt Cesare Galli von AVANTEA. Für die Befruchtungsexperimente wurde nun kryokonserviertes Sperma von verstorbenen Nördlichen Breitmaulnashörnern eingesetzt – mit Erfolg: „Zum ersten Mal haben wir Nashorn-Blastozysten – ein frühes Stadium eines Embryos – in vitro entwickelt, ähnlich wie wir es routinemäßig bereits für Rinder und Pferde machen“, sagt Galli.
Zunächst Hybride
Mehrere solcher Embryonen liegen nun kryokonserviert vor, um in Zukunft in Ersatzmütter übertragen zu werden und eine Trächtigkeit auszulösen. „Dies sind die weltweit ersten in vitro produzierten Nashornembryonen. Werden sie in eine Leihmutter implantiert, ist die Chance, dass sich eine Trächtigkeit entwickelt, sehr hoch“, sagt Thomas Hildebrandt vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin. Die erfolgreiche Entwicklung von Hybrid-Embryonen ist somit ein bedeutender Schritt zum Ziel, die ersten Nördlichen Breitmaulnashörner durch künstliche Befruchtungstechnik auf die Welt zu bringen.
„Schon jetzt stammt die Hälfte der genetischen Informationen der Hybrid-Embryonen vom Nördlichen Breitmaulnashorn“, kommentiert Teammitglied Jan Stejskal vom Safari Park Dvůr Králové in Tschechien. Dort wurden die beiden letzten Nördlichen Breitmaulnashornweibchen geboren. Mittlerweile leben sie im Schutz des Ol Pejeta Reservats in der Nähe des Mount Kenya Massivs in Ostafrika. „Wir sind jetzt gut vorbereitet, um nach Kenia zu fliegen und dort den letzten beiden Weibchen Eizellen zu entnehmen, um dann Blastozysten heranzuzüchten, bei denen sowohl Eizellen als auch Sperma ausschließlich von Nördlichen Breitmaulnashörnern stammen“, sagt Hildebrandt.





