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Narben auf der Seele: Traumata bei Tieren
Unnatürliches Verhalten bei Tieren kann Anzeichen einer Posttraumatischen Belastungsstörung sein. Tatsächlich haben Forscher herausgefunden, dass belastende Erlebnisse nicht nur Menschen, sondern auch Tiere nachhaltig prägen können. Die Heilung ist kein leichtes Unterfangen.
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Text: Elena Bernard
Mitte der 90er Jahre fanden Ranger immer wieder verstümmelte Nashornleichen mit tief aufgerissenen Flanken und zertrümmerten Knochen im südafrikanischen Pilanesberg-Nationalpark. Dem Blutbad waren ebenso schockierende Szenen vorangegangen: Junge Elefantenbullen jagten Rhinozerosse und brachten sie brutal zu Tode. In einigen Fällen versuchten die pubertierenden Elefanten zudem, weibliche Nashörner gegen deren Willen zu besteigen, bevor sie sie mit ihren Stoßzähnen durchbohrten. Innerhalb von fünf Jahren fielen 49 Breitmaulnashörner den außer Rand und Band geratenen Elefanten zum Opfer. Auch mehrere Touristen kamen den Dickhäutern in die Quere und überlebten es nicht. Doch was brachte die eigentlich sanften Riesen zu einem derart aggressiven Verhalten?
Als sich Forschende mit der Biografie der verhaltensauffälligen Jungbullen beschäftigten, stießen sie auf eine Gemeinsamkeit: Alle stammten ursprünglich aus dem Kruger-Nationalpark und hatten dort als Jungtiere miterlebt, wie ihre Mütter und viele weitere Mitglieder der Herde von Hubschraubern zusammengetrieben und erschossen wurden – die damals übliche Methode der Populationskontrolle. Anschließend waren die verwaisten Elefantenkinder in den Pilanesberg-Nationalpark umgesiedelt worden, wo sie ohne die engen Familienstrukturen aufwuchsen, die für die sozialen Säuger jedoch so wichtig sind.
Auch für das abnormale Sexualverhalten gegenüber Nashörnern ergab sich eine plausible Erklärung: In Ermangelung einer eigenen Familie hatten sich einige der Elefantenwaisen Nashornherden angeschlossen und waren in ihnen aufgewachsen. Womöglich kam es dadurch zu einer sexuellen Fehlprägung – und im Jugendalter zu Frust über die fehlschlagenden Paarungsversuche mit der anderen Spezies.
Posttraumatische Belastungsstörung
Die dramatische Geschichte der südafrikanischen Elefanten gab Anstoß für die Entstehung eines neuen Forschungsfelds: Die Transspezies Psychologie. Dahinter steht die Idee, dass Tiere ähnlich fühlen und denken wie Menschen und ebenso wie wir psychologische Traumata erleiden können. Die Begründerin dahinter, die Ökologin und Tiefenpsychologin Gay Bradshaw, promovierte über die Elefanten von Pilanesberg. Sie ist davon überzeugt, dass das Verhalten der verwaisten Jungbullen Ausdruck einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) ist – einer psychiatrischen Krankheit, die üblicherweise nur bei Menschen diagnostiziert wird.
Man spricht von einer solchen Störung, wenn jemand nach einem extrem belastenden Ereignis über längere Zeit hinweg unter Symptomen wie Flashbacks, Albträumen, emotionaler Taubheit und Angstzuständen leidet. Die möglichen Auslöser sind vielfältig: Unfälle, Naturkatastrophen, Kriege und Folter können ebenso zu einer Traumatisierung führen wie Vernachlässigung in der Kindheit oder sexuelle Gewalt.
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Viele Betroffene ziehen sich sozial von Familie und Freunden zurück, verlieren die Fähigkeit, Freude zu empfinden, und zeigen ein ausgeprägtes Vermeidungsverhalten gegenüber Situationen, die sie an das traumatisierende Ereignis erinnern. Auch plötzliche Wutausbrüche und eine gesteigerte Wachsamkeit können Teil der Symptome sein.
„In der Vergangenheit wurden Tierstudien genutzt, um Rückschlüsse auf das menschliche Verhalten zu ziehen. Jetzt können Erkenntnisse über menschliche PTBS lehrreich sein, um zu verstehen, wie sich Gewalt auch auf die Elefantenkultur auswirkt“, schreibt Bradshaw bereits 2005 in einem Diskussionsbeitrag, der in der renommierten Fachzeitschrift Nature veröffentlicht wurde. „Wilde Elefanten zeigen Symptome, die mit der menschlichen PTBS in Verbindung gebracht werden: abnormale Schreckreaktion, Depression, unberechenbares asoziales Verhalten und Hyperaggression.“
Traumata im Tierreich verbreitet
Inzwischen hat Bradshaw bei Individuen vieler weiterer Arten PTBS diagnostiziert. Dazu zählt zum Beispiel eine Schimpansendame namens Jeannie. Bis zu ihrem 22. Lebensjahr fristete diese ein leidvolles Dasein in medizinischen Forschungslaboren. Mehr als 200-mal wurde die Primatin mit einer Betäubungspistole narkotisiert. Sie wurde mit HIV und Hepatitis C infiziert, musste unzählige Gewebebiopsien über sich ergehen lassen und war allein in einem kleinen Käfig ohne artgerechte Beschäftigungsmöglichkeiten eingesperrt.
Als Jeannie Ende der 90er Jahre schließlich in eine Auffangstation kam, verhielt sie sich in Anwesenheit anderer Schimpansen und Menschen ängstlich und reagierte auf kleinste Stressoren mit hoher Aggressivität. Sie verletzte sich selbst, schrie und verfiel immer wieder in Phasen, in denen sie die Augen verdrehte und bewegungslos verharrte – ein Zeichen für einen dissoziativen Zustand, bei dem sie sich geistig von sich selbst und ihrer Umgebung entkoppelte. All diese Symptome würden beim Menschen eine PTBS-Diagnose begründen.
Auch bei anderen Menschenaffen sowie bei Papageien, Orcas, Bären und Asiatischen Elefanten stellte Bradshaw Anzeichen einer Traumatisierung fest. Dabei stützt sie sich auf äußere Symptome wie stereotype Verhaltensweisen, übersteigerte Angst und Aggressivität oder Tendenzen zur Selbstverletzung.
Veränderungen im Gehirn
Genauso gehen Psychiater bei traumatisierten Menschen vor: Sie prüfen die Symptome – denn aus ethischen Gründen kommt es nicht infrage, einem Menschen in den Kopf zu schauen, um herauszufinden, ob er wirklich traumatisiert ist.
Bei Tieren dagegen haben andere Forschungsteams genau das getan, um ihre Ergebnisse gemäß wissenschaftlichen Standards zu untermauern. Ein Team um Liana Zanette von der Western University im kanadischen Ontario fing dafür wild lebende Schwarzkopfmeisen ein und setzte sie zunächst potenziell traumatisierenden Reizen aus. Zwei Tage lang spielten die Forschenden den Meisen immer wieder die Rufe von Raubvögeln vor und suggerierten ihnen so eine tödliche Gefahr.
Tatsächlich zeigten die so beschallten Singvögel noch eine Woche später ein deutlich übersteigertes Angstverhalten: Hörten sie Warnrufe von Artgenossen, blieben sie rund 20 Sekunden wie erstarrt sitzen und verhielten sich hochgradig wachsam. Als die Forschenden die Meisen anschließend töteten und ihre Gehirne untersuchten, stellten sie bedeutende Veränderungen in zwei Hirnregionen fest, die auch mit Posttraumatischen Belastungsstörungen beim Menschen assoziiert werden: Die Amygdala und der Hippocampus wiesen eine um fast 50 Prozent höhere Konzentration eines für Angstreaktionen typischen Botenstoffs namens FosB auf. „Unseres Wissens ist dies das erste Experiment, das demonstriert, dass die von Raubtieren ausgelöste Angst anhaltende Effekte auf Amygdala und Hippocampus eines Wildtiers verursachen kann“, erklären Zanette und ihr Team anhand der 2019 veröffentlichten Ergebnisse.
Evolutionärer Nutzen?
In weiteren Studien stellten die Wissenschaftler unter anderem anhand von Stresshormonen im Kot wild lebender Hasen fest, dass chronischer, durch Beutegreifer verursachter Stress über Generationen hinweg die Fortpflanzungsfähigkeit von Wildtieren einschränken kann. Denn Hasenweibchen fressen unter Belastung schlechter und bekommen dadurch weniger Jungtiere, die zudem kleiner und nicht mehr so überlebenstüchtig sind. Selbst wenn die Population der Beutegreifer schon längst wieder zurückgegangen ist, bleiben die Hasenpopulationen noch für mehrere Jahre niedriger als anhand des Futterangebots zu erwarten wäre.
Auf den ersten Blick scheint darin ein evolutionärer Nachteil zu liegen. Doch warum gingen solche scheinbar kontraproduktiven Reaktionen auf Stress und daraus resultierende Traumata im Laufe der Zeit nicht verloren? Aus Zanettes Sicht liegt die Erklärung dafür in den Umweltbedingungen. Eine Meise, die dauernd in Schreckstarre verfällt, oder ein Hasenweibchen, das vor Angst die Nahrungsaufnahme vernachlässigt, hat zwar unter normalen Bedingungen weniger Nachwuchs als ihre weniger furchtsamen Artgenossen. Doch wenn tatsächlich einmal hoher Druck durch Beutegreifer herrscht, ist es gerade ihre Vorsicht, die dafür sorgt, dass sie überhaupt die Gelegenheit bekommen, sich fortzupflanzen – während unbedarftere Individuen vorher eher gefressen werden. Sowohl bei Menschen als auch bei Tieren könnten also ausgerechnet die scheinbar nachteilhaften Symptome einer Posttraumatischen Belastungsstörung unter bestimmten Gegebenheiten das Überleben gefördert haben.
„Unsere Ergebnisse stützen damit die Annahme, dass eine PTBS nicht unnatürlich ist und dass solche langanhaltenden Folgen der von Prädatoren verursachten Angst in der Natur sogar die Norm sein könnten“, erklärt Zanette. Ihrer Meinung nach hat diese Erkenntnis nicht nur bedeutende Konsequenzen für die ökologische Forschung, sondern auch für die Psychologie. Denn bislang wird die PTBS oft als abnormale, „unnatürliche“ psychologische Fehlfunktion gedeutet. Der Blick auf den ökologischen Nutzen einer „Neurologie der Angst“, wie Zanette sie nennt, kann diese Perspektive verändern und zeigen, dass PTBS unter bestimmten Umständen genau die richtige Reaktion der Psyche ist. Doch wenn sich die Situation ändert – etwa weil der Krieg vorbei ist, der Affe aus der Forschungsstation befreit wurde oder die Population der Raubtiere geschrumpft ist – können andere Reaktionen zweckmäßiger sein. Diese gilt es zu erlernen, für Tiere wie für Menschen.
Wege zur Heilung
Einen Ort, wo dies für wilde Tiere möglich ist, hat Gay Bradshaw geschaffen. Denn während die Gruppe um Zanette eher aus der in der Wissenschaft üblichen menschenzentrierten Perspektive forscht, richtet Bradshaw ihren Blick auf die Tiere. Für sie gehen die seelischen Wunden, die Menschen Tieren zufügen, weit über alles hinaus, was in der Natur üblich ist. Die Traumatisierung, die Elefanten, Menschenaffen und andere Tiere durch menschliche Gewalt erfahren, ist deshalb aus ihrer Sicht nicht mit natürlichen Stressreaktionen vergleichbar.
Doch die Erkenntnis, dass bei traumatisierten Tieren und Menschen ähnliche neuronale Mechanismen am Werk sind, brachte sie auf eine Idee: Vielleicht können Tiere von den gleichen Heilungsansätzen profitieren wie Menschen.
Bei Menschen ist die Grundlage für jede Therapie, dass sie sich in ihrem aktuellen Lebensumfeld sicher fühlen und keine weitere Traumatisierung fürchten müssen. Mit ihrem Kerulos Center for Nonviolence in Oregon in den USA versucht Bradshaw, solche Bedingungen auch für Tiere zu schaffen (siehe natur 9/24, S. 36–39). Auf dem Lebenshof können traumatisierte Schildkröten, Kaninchen, Papageien, Hirsche, Bären, Waschbären oder Puten zur Ruhe kommen und sich von ihren Traumata erholen – egal, ob die Ursache eine nicht artgerechte Haltung oder die menschliche Zerstörung von Lebensraum und Familienstrukturen war.
Im Falle der jungen Elefantenbullen im Pilanesberg-Nationalpark hat ein Forschungsteam um den südafrikanischen Biologen Rob Slotow einen Weg gefunden, sie wieder in Sozialstrukturen einzubinden und ihr aggressives Verhalten unter Kontrolle zu bringen. „Wir siedelten sechs ältere Elefantenbullen aus der relativ intakten Population des Kruger Nationalparks in Pilanesberg an“, berichtet Slotow in einem im Jahr 2000 veröffentlichten Nature-Beitrag. „Daraufhin normalisierte sich das Verhalten der Jungbullen und sie hörten auf, Nashörner zu töten.“
Hormonelle Regulation
Slotows Ansatz basiert weniger auf Methoden der Traumatherapie, sondern auf Erkenntnissen zum Hormonhaushalt junger Elefantenmännchen. Denn ranghöhere Bullen regulieren durch soziale Interaktionen und chemische Signale, wann ihre jüngeren Artgenossen sexuell aktiv werden. In einem intakten Sozialgefüge kommen junge Elefantenmännchen zum ersten Mal mit etwa 25 bis 30 Jahren in die sogenannte „Musth“. Dabei handelt es sich um eine etwa einmal jährlich auftretende Phase, in der sich die Ausschüttung des männlichen Geschlechtshormons Testosteron vervielfacht, was für eine erhöhte sexuelle Aktivität, aber auch für Aggressivität sorgt. Wie lange die Musth dauert, ist individuell unterschiedlich und nimmt typischerweise mit dem Alter zu. Bei jungen Männchen ist die testosterongesteuerte Phase in der Regel nach einigen Tagen bis Wochen wieder vorbei, bei älteren Männchen hält sie typischerweise etwa zwei bis vier Monate an.
Die verwaisten Jungbullen im Pilanesberg-Nationalpark kamen dagegen ungewöhnlich früh und heftig in die Pubertät. Einige durchliefen ihre erste Musth schon im Alter von 18 Jahren und blieben bis zu fünf Monate in der sexuell aufgeladenen Stimmung. Selbst für mehr als doppelt so alte Männchen wäre das eine ungewöhnlich lange Zeit. Doch sobald die ranghöheren Männchen im Nationalpark angesiedelt wurden, normalisierte sich offenbar der Hormonhaushalt ihrer jüngeren Artgenossen. „Nachdem die älteren Männchen aus dem Kruger-Nationalpark nach Pilanesberg gebracht worden waren, verkürzte sich die Musth bei allen jungen Männchen erheblich“, so Slotow.
Auswirkungen über Jahrzehnte
Doch auch, wenn sich die Elefanten in Pilanesberg seitdem nicht mehr an Nashörnern vergriffen haben, lassen sich die Folgen der zerstörten Sozialstrukturen und ihrer Traumatisierung noch Jahrzehnte später beobachten. In einer 2022 veröffentlichten Studie berichteten Slotow und sein Team, dass die Pilanesberg-Elefanten deutlich ängstlicher und undifferenzierter auf Raubtiergeräusche reagieren. Intakte Familiengruppen unter der Führung erfahrener Matriarchinnen können genau unterscheiden, ob ein Raubtier eine Bedrohung darstellt oder nicht. Hören sie das Brüllen eines einzelnen Löwen, der ohne Rudel ohnehin keine Chance gegen sie hat, bleiben die Elefanten entspannt. Erst bei Geräuschen mehrerer Löwen nehmen sie eine Verteidigungsstellung ein. Die vorbelasteten Pilanesberg-Elefanten drängen sich hingegen auch dann ängstlich zusammen, wenn sie nur einen einzelnen Löwen hören.
„Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Entfernung älterer und erfahrener Individuen bei sehr sozialen Arten wie Elefanten wahrscheinlich den Erwerb von ökologischem Wissen durch jüngere Gruppenmitglieder beeinträchtigt, insbesondere durch die fehlende Möglichkeit zum sozialen Lernen und zur kulturellen Weitergabe von Wissen“, erklärt Slotow. „Dies wird wahrscheinlich noch durch das Trauma verstärkt, das die Pilanesberg-Elefanten erlitten haben, als sie als Jungtiere die Tötung von Familienmitgliedern miterlebt haben und in neue Reservate umgesiedelt wurden.“
Bradshaw warnt in diesem Zusammenhang vor einem „psychologischen Aussterben“: Selbst wenn die Elefantenpopulationen äußerlich fortbestehen, drohen menschliche Maßnahmen der Bestandskontrolle, ihre Kultur zu vernichten und das innere Wesen des größten Landsäugetiers zu zerstören. Die wissenschaftliche Arbeit zu Posttraumatischen Belastungsstörungen bei Wildtieren hat für Bradshaw deshalb auch eine politische Komponente. „Wenn wir anerkennen, dass Tiere die gleichen Voraussetzungen für Bewusstsein, Fühlen, Denken und psychologische Traumata haben wie Menschen, entkräftet dies jede Rechtfertigung für die Ausbeutung von Tieren mit der Begründung, Nichtmenschen seien ‚weniger wert‘ als Menschen“, heißt es auf der Website ihres Kerulos Centers. Das Zentrum bietet deshalb nicht nur einen Schutzraum für traumatisierte Tiere, sondern setzt sich auch für ein neues Verhältnis von Mensch und Natur ein. Mit Angeboten, von Online-Workshops bis zu Meditationskursen, zeigt es Wege zu einem gewaltfreieren Miteinander auf – auf dass in Zukunft weniger Tiere durch Menschen traumatisiert werden. //
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