Text: Constanze Bandowski, Fotos: Jörg Böthling
Acht bis zehn Stunden brodelt der große Topf Rinderbrühe im vietnamesischen Restaurant Wat Dat Pho im Hamburger Süden auf dem Herd. Dann erst folgen duftende Gewürze wie gerösteter Sternanis, Koriandersamen und dicke, dunkelbraune Zimtstangen. „Ohne diese Zutaten ist es keine echte Pho“, erklärt Geschäftsführer Kha Nguyen. Er hat das Originalrezept für die traditionelle Frühstückssuppe 1987 aus seiner Heimat mitgebracht. „In Hamburg gibt es heute an fast jeder Ecke ein vietnamesisches Restaurant“, sagt Nguyen und lacht. „Hier wird die Suppe aber mittags und abends gegessen.“ Egal, zu welcher Tageszeit – der kräftige Zimt der Sorte Cinnamomum loureiroi darf im vietnamesischen Nationalgericht auf keinen Fall fehlen.
Steigende Nachfrage
Zimt gehört in Südostasien seit 4.000 Jahren in die Küche. Schon Kha Nguyens Vorfahren würzten ihre Suppen, Soßen und Schweineragouts mit dem sogenannten Cassia-Zimt, der aus der kräftigen, ölhaltigen Rinde der fälschlich Cassia genannten Cinnamomum-Baumarten gewonnen wird. Die Art Cinnamomum loureiroi wächst im Norden Vietnams. Im Vergleich zu dem feineren und milderen Ceylon-Zimt aus Sri Lanka oder Madagaskar ist der Cumarin-Anteil des preisgünstigeren und schärferen vietnamesischen Zimts mit knapp sieben Gramm pro Kilogramm wesentlich höher. In großen Mengen kann der Verzehr zu Leberschäden führen. Bei normalem Konsum besteht laut Bundesinstitut für Risikobewertung jedoch kein Gesundheitsrisiko. Im Gegenteil: Vietnamesischer Zimt kann den Blutzucker senken, wirkt antioxidativ, entzündungshemmend, antibakteriell und antimikrobiell. Studien zufolge soll er sogar bei Demenz helfen.
Wegen seiner vorteilhaften Eigenschaften steigt die Nachfrage nach vietnamesischem Zimt auf dem Weltmarkt für Lebensmittel, pharmazeutische und medizinische Produkte. Auch die Geflügelindustrie nutzt das Gewürz zunehmend wegen seiner gesundheitsfördernden Wirkung als Futterzusatz – oder als Würzung für Geflügelprodukte. Nach Angaben der Vietnam Pepper and Spice Association exportierte die sozialistische Republik 2024 knapp 100.000 Tonnen Zimt in einem Wert von 274,5 Millionen US-Dollar. Damit steigerte sie ihr Exportvolumen um 11,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Hauptabnehmer waren Indien, die USA und Bangladesch. Inzwischen ist Vietnam nach China und Indien zum drittgrößten Zimtproduzenten der Welt aufgestiegen. Nun will die Regierung den europäischen Markt erobern und setzt dabei auf höhere Qualität und Nachhaltigkeit. Davon profitieren auch kleinbäuerliche Erzeuger, die überwiegend ethnischen Minderheiten angehören.





