Die Liebe der Deutschen zum Wald ist keineswegs so selbstverständlich, wie man meinen könnte. Im Gegenteil, sie wurde gezielt erschaffen – in wenigen historischen Schüben, die sich präzise nachzeichnen lassen.
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Text: Martin Rasper
Deutschland ist Waldland. Schon die Germanen waren ein Waldvolk, der römische Geschichtsschreiber Tacitus bekam das Grausen angesichts der „schaurigen Wälder“, in denen diese Barbaren hausten. Noch heute ist unser Land zu einem Drittel von Wäldern bedeckt; wir haben das „Waldsterben“ nicht nur erfunden, sondern auch überlebt und die französische Sprache um dieses skurrile Fremdwort bereichert. Schaut man in die deutsche Seele, dann rauscht da die Eiche, klopft der Specht und röhrt der Hirsch. Der erfolgreichste Sachbuchautor der letzten Jahrzehnte ist wer? Genau, der Förster Peter Wohlleben mit seinen Büchern über „Das geheime Leben der Bäume“ und was da sonst so fleucht.
„Einst haben die Kerls auf den Bäumen gehockt / behaart und mit böser Visage“, lästerte Erich Kästner, „dann hat man sie aus dem Urwald gelockt / und die Welt asphaltiert und aufgestockt / bis zur dreißigsten Etage.“ Tatsächlich ist die Vorstellung, „wir“ hätten früher „auf den Bäumen gehockt“, stark in den Köpfen verankert. Wenn eine Moderatorin, ein Redner, eine Politikerin eine Metapher sucht für Rückständigkeit von historischer Dimension, dann werden augenrollend die behaarten Kerls beschworen: „Mein Gott – als würden wir immer noch auf den Bäumen hocken!“
Diese Beziehung zum Wald ist so geläufig, dass sie kaum je hinterfragt wird. Dabei ist sie keineswegs so naturgegeben, wie es scheint. Die deutsche Fixierung auf den Wald ist in wenigen Entwicklungsschüben entstanden, die sich präzise nachzeichnen lassen – und ebenso, wie der Wald jeweils politisch instrumentalisiert wurde. Der „deutsche Wald“ als Hallraum der Geschichte, als Projektionsfläche romantischer Sehnsüchte, als emotionales Back-up für die deutsche Seele ist eine Erfindung. Eine sagenhaft erfolgreiche.
Am Anfang war Tacitus. „Das Land sieht zwar im Einzelnen recht verschieden aus“, notierte er in seiner Schrift „Germania“, „ist jedoch im Ganzen geprägt durch schreckliche Wälder und hässliche Sümpfe.“ Das ist schon mal bezeichnend: Tacitus nennt Wälder und Sümpfe in einem Atemzug, zitiert aber wurden später vor allem die Wälder. So entstand das Narrativ von den Germanen (und den Deutschen) als Waldvolk. Dabei ist bereits fraglich, wie dicht die damaligen Wälder wirklich waren. Tacitus und seine Leser waren aus ihrer Heimat lichte Olivenhaine und gepflegte Gärten gewohnt, also nichts, was man ernsthaft als Wald bezeichnen könnte. Ihnen reichte schon die Vorstellung eines bewaldeten Bergrückens, um den Eindruck einer undurchdringlichen grünen Hölle zu bekommen.
„Die Germanen lebten nicht in einem Wald, der einem heutigen Baumbestand entsprach“, bestätigt der Vegetationskundler Hansjörg Küster. „Denn sie waren auch Ackerbauern und trieben ihr Vieh in den Wald, der deshalb unterschiedlich licht war. Eine dauerhafte Grenze zwischen Wald und Offenland gab es nicht, der damalige Wald muss ganz anders ausgesehen haben als der heutige mit seinen scharf gezogenen Waldrändern.“ Tacitus sei zudem einem Irrtum aufgesessen, wenn er glaubte, die Germanen lebten wirklich in diesen Wäldern. In Wahrheit wechselten sie ihre Siedlungsplätze alle paar Jahre oder Jahrzehnte, wenn der unmittelbar erreichbare Holzvorrat erschöpft war. Solange die Siedlungen aber bestanden, waren sie von Äckern und Lichtungen umgeben.
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Damit hätte man es eigentlich bewenden lassen können. Der Text eines Erfolgsautors, gerichtet an ein vertrautes Publikum, die beide mit ihrer Epoche untergingen. Aber eine Abschrift von Tacitus‘ Text „Germania“ schlummerte bis ins 15. Jahrhundert in einem nordhessischen Kloster, von wo sie als Teil eines großen Konvoluts nach Rom gelangte. Auch dort erregte sie zunächst nur mäßiges Interesse.
Dann aber, etwa ab der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert, geschah etwas Erstaunliches: Der Wald entwickelte sich zum Symbol deutscher Identität. Denn Tacitus hatte nicht nur die Landschaft, die Sitten und Gebräuche der Germanen beschrieben, sondern auch von jenem erstaunlichen Erfolg über die Römer im Jahr 9 n. Chr. berichtet, der als „Schlacht im Teutoburger Wald“ berühmt wurde, heute „Varusschlacht“ genannt. Auf den besann man sich nun, als sich schon wieder ein romanisches Volk anschickte, die deutschen Lande zu überfallen – diesmal Napoleon mit seinen Truppen. Und so ließ sich das aus dem Widerstand gegen Napoleon erwachsende deutsche Nationalbewusstsein als das eines urwüchsigen Waldvolks inszenieren, gegenüber diesen dekadenten, zwischen ihren akkurat beschnittenen Buchsbaumhecken herumlustwandelnden Franzosen.
„Zunehmend galt der Wald als fest mit allem Deutschen verbunden“, resümiert Hansjörg Küster. „Immer wieder spielten dabei Tacitus und seine Darstellung des germanischen Waldes eine Rolle. Heinrich von Kleist und andere Literaten beriefen sich darauf, wenn sie darüber schrieben, wie die Germanen in der Zeit um Christi Geburt in „ihren“ Wäldern gelebt hatten: Der Wald war eine wichtige Ressource, und er bot Schutz.“ Auch für den Politologen Herfried Münkler war die Wiederentdeckung der „Germania“ „das entscheidende Ereignis für die Selbststilisierung der Deutschen als Nachfahren der Germanen“.
Um zu verstehen, wieso diese alte Geschichte von den Römern und den Germanen plötzlich eine derartige Wucht entfalten konnte, muss man sich die historische Situation vergegenwärtigen. Deutschland war noch kein Staat im heutigen Sinn, sondern eine eher diffuse, einerseits geografisch, andererseits sprachlich und kulturell-alltagspraktisch definierte Gemeinschaft. Napoleon hatte das Heilige Römische Reich Deutscher Nation zerlegt und Mitteleuropa überrannt. Man wusste plötzlich nicht mehr: Wer sind wir? Was ist das überhaupt, deutsch?
„Das 19. Jahrhundert tastete sich durch eine Vielzahl von Identitätsangeboten“, schreibt der Philosoph Dietrich Kittsteiner. „Es gab zwar keinen wirklichen Kaiser, aber doch den schlafenden Kaiser im Kyffhäuser; und es gab das gerade erst aufgefundene ‚Nationalepos‘ der Nibelungen, das sich ausnahm, als sei es eigens für dieses Jahrhundert geschrieben worden. Da die realpolitischen Kontinuitäten abgebrochen waren, konnte man gar nicht weit genug zurückgehen, um einen gemeinsamen Nenner zu finden. Da bot sich schließlich auch die alte Identifizierung mit dem Waldland aus der ‚Germania‘ des Tacitus an. Der Wald wurde zum Ort der nationalen Selbstbehauptung.“
Und diese nahm teilweise groteske Züge an. Der Publizist Ernst Moritz Arndt etwa dachte darüber nach, ob man an der Grenze zum „Erzfeind“ einen Bannwald errichten solle; auch der „Turnvater“ Jahn forderte die Aufforstung von Wäldern an den Grenzen zu Frankreich.
Selbst die Brüder Grimm trugen das Ihre bei – in manchen ihrer Märchen wurde es von Auflage zu Auflage immer waldiger. Zum Beispiel bei den „Sieben Geißlein“: Dort geht die Mutter anfangs noch einfach „fort“; später geht sie „in den Wald“.
Der Wald selbst dagegen wird selten näher beschrieben, sondern meist mit einem einzigen raunenden Adjektiv beschworen: Er ist „wild“, „tief“, „dunkel“ oder „finster“.
Das Waldidyll als Realitätsflucht
Zeitgleich zum politisch instrumentalisierten Wald besangen die romantischen Dichter den Wald durchaus präzise – aber als Idyll: das „Waldesrauschen“, die „Waldeinsamkeit“, den „dunklen Tann“, den „kühlen Grund“. Ironie der Geschichte: In der Realität gab es den Wald kaum mehr. An der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert war der Wald hoffnungslos übernutzt, die Waldfläche auf einem Tiefpunkt. Aus der unmittelbaren Umgebung der meisten Dörfer und Städte war der Wald praktisch verschwunden.
Die Dichter der Romantik handelten also in einer Art Notwehr. Sie erfanden den heilen, schönen, schützenden Wald als Gegenentwurf zur traurigen Realität. Die bestand aus Kahlschlägen, aus kümmerlichen verkrüppelten Resten sowie neuerdings aus rational durchgeplanten, öden Fichtenplantagen. „Das 19. Jahrhundert, das auf die Industrialisierung zutrieb, legte sich in einem Akt der Kompensation eine Waldseele zu“, schreibt Dietrich Kittsteiner. „Die Romantik mit ihrem Sinn für alles Bedrohte wertete den Wald zum Nationalheiligtum auf.“
Argumentativ unterfüttert wurde dieses Gefühl in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch Autoren wie Wilhelm Heinrich Riehl, einen Volkskundler, Sozialwissenschaftler und Kulturhistoriker. In seinem Werk „Land und Leute“ versuchte Riehl, den Nationalcharakter einzelner Völker durch ihr Verhältnis zum Wald zu erklären. Länder, die keine großen geschlossenen Wälder mehr besäßen wie England, Frankreich und Italien seien „ausgelebt“ und „in Kraftlosigkeit erstarrt“. Aus ihren Parklandschaften und ihrer urbanen Kultur, ihrem rationalen und individualistischen Wesen könne sich nichts Großartiges mehr entwickeln.
Die Zukunft eines Volkes liege in der Wildnis der Wälder: „Ein Volk muss absterben, wenn es nicht mehr zurückgreifen kann zu den Hintersassen in den Wäldern, um sich bei ihnen neue Kraft des natürlichen, rohen Volkstums zu holen.“
Das war schon damals kompletter Unfug. Im Deutschland des 19. Jahrhunderts (wie zuvor auch) lebte kaum jemand im Wald. Die „Hintersassen in den Wäldern“, an deren unverfälschtem Wesen sich das deutsche Volk erneuern sollte, existierten schlicht nicht. Zwar gab es Gegenden, in denen die Menschen vom Wald lebten, zum Teil auch gut, in Sägewerken oder Glashütten, als Förster, Holzfäller, Flößer, Köhler – aber das waren vergleichsweise wenige. Ganze Landstriche hingegen litten unter Armut, während die Städte ein besseres Leben versprachen. All das hatte wenig mit der An- oder Abwesenheit von Wald zu tun. Ganz zu schweigen davon, dass gerade in den Wäldern jahrhundertelang eine systematische Unterdrückung gepflegt wurde: nämlich dort, wo die hohen Herrschaften, die Fürstbischöfe oder die örtlichen Adligen, mit meist brutaler Gewalt ihr Jagdrecht sicherten, während die örtliche Bevölkerung nicht mal Fische aus dem Bach holen durfte. Und an diesem unterdrückten Prekariat sollte sich die Nation erneuern? Ein wacher Geist hätte das schon damals als Unsinn entlarven können. Aber Heine und Humboldt waren schon tot, kritische Geister dünn gesät; so konnte solch mystisches Geraune seine Wirkung entfalten.
Das Volk als Wald, der Wald als Volk
Der Boden war also zu Beginn des 20. Jahrhunderts bereitet. Und dann – kamen die Nazis. Die Nationalsozialisten gaben dem Mythos, den Tacitus erfunden und die Romantiker im 19. Jahrhundert ausgebaut hatten, noch mal einen gewaltigen Schub. Und der wurde sofort nach der Machtergreifung spürbar. In vielen Gemeinden wurde am 1. Mai 1933 feierlich eine Eiche („Hitler-Eiche“) gepflanzt, mit Reden, Blasmusik und SS-Aufmarsch. Und bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin gab es für jeden der 129 Goldmedaillengewinner als Zusatz eine junge Eiche in einem Keramiktopf – mit der Inschrift „Wachse zur Ehre des Sieges – rufe zur weiteren Tat“.
Die allgemeine Richtung hatte der „Reichsjägermeister“, „Reichsforstmeister“ und „Oberster Beauftragter für den Naturschutz“ Hermann Göring vorgegeben: „Wald und Volk in nationalsozialistischer Auffassung haben viel Wesensverwandtes. Auch das Volk ist eine Lebensgemeinschaft, ein großes, organisches Wesen.“ In einer fast schon rührenden Gleichsetzung von Baum und Mensch berichtete der Bildband „Das nie verlorene Paradies“ über eine Baumzucht: „In den Baumschulen wird den Baumkadetten von Jugend an das Strammstehen beigebracht. Im Jungholz marschieren sie in Tuchfühlung auf, um endlich, nach sorgfältiger Ausmerzung der Schwachen und Untüchtigen, in der Regimentsformation des Reihenwalds bis hundert Jahre alt zu werden.“
Symptomatisch war auch das donnernde Pathos aus dem Buch „Urwaldwildnis in deutschen Landen“: „Der gewaltige Umschwung, der nunmehr unsere ganze Nation mit fortgerissen hat, bringt auch die urtümliche Geltung des deutschen Waldes von neuem zu Ehren. Wie es in Urzeiten gewesen ist, so soll auch künftig wieder unser Wald die Heimat der deutschen Seele sein und soll so mithelfen, unser Volk zu erfüllen mit dem heldischen Geiste des Dritten Reiches – mit dem Geiste unseres Führers!“ Die doppelte Instrumentalisierung ist bezeichnend: Der Wald soll nicht nur „Heimat für die deutsche Seele“ sein, sondern er soll diese auch mit „heldischem Geist“ erfüllen.
Für den Historiker Christian Zechner führt eine direkte Linie von der politischen Instrumentalisierung des Waldes während der napoleonischen Besatzung zum Waldgermanen-Kult der Nazis: „Die weitgehende Realitätsenthobenheit des Denkmusters“, so Zechner, „erlaubte dabei sowohl die poetische Beschwörung romantischer Sehnsuchtslandschaft als auch die politische Rechtfertigung der NS-Herrschaftspraxis.“ Ähnlich sieht es der Buchautor Albrecht Lehmann: „Die politische Wirkung falsch verstandener Lektüre und missverstandener Tacitus-Zitate liegt in der fraglos vorausgesetzten Annahme, ein germanisch-deutsches Wesen wirke durch die Jahrhunderte bis in unsere Gegenwart fort, die Deutschen des 20. Jahrhunderts seien ‚irgendwie‘ immer noch mit den Germanen des Tacitus identisch, verfügten seit damals über einen‚ deutschen Nationalcharakter.“
Zuletzt hat sogar die Netflixserie „Barbaren“ (2020/2022) nochmals das Bild der Germanen zementiert, die wild und unzerstörbar im Wald leben. Während Filmhistorikerin Sheena Scott die Produktion als eine „exzellente Serie, die ein zentrales historisches Ereignis enthüllt“, lobt, lästerte der Archäologe Karl Banghard in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, das Ganze sei „eine bunte Varusschlachtplatte“. Und sein Kollege Matthias Wemhoff, Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte in Berlin, fragt ironisch, warum die Germanen in der Serie ständig durch den Wald rennen: „Wieso arbeitet eigentlich niemand auf den Feldern?“ So habe es damals keinesfalls ausgesehen, moniert der Historiker: „Die Häuser stehen dicht gedrängt inmitten von Wald, von der Struktur und Lebensweise einer bäuerlichen Gesellschaft entsteht kein Bild; statt der vielen Erkenntnisse zur offenen Landschaft in weiten Teilen der ‚Germania‘ wird der alte römische Topos der dunklen, undurchdringbaren Waldlandschaft gepflegt.“ Der Mythos ist nicht totzukriegen. Tacitus würde sich freuen.
Wir Nachgeborenen aber sollten uns aufmachen in den realen Wald. Sollten schauen, horchen, riechen, staunen, in der Hand einen Pflanzenführer – den einzigen Führer, dem man bedingungslos folgen sollte. //
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