Blaugestreifte Schlangengrundeln gehen in Korallenriffen mithilfe einer hinterhältigen Strategie auf die Jagd: Sie tarnen sich als junge Putzerlippfische, warten, bis ein potenzieller Kunde zum Putzen vorbeischaut ? und beißen dann dem ahnungslosen Fisch Flossen, Schuppen oder ganze Hautstücke ab. Diese Taktik funktioniert am besten, wenn es in einem Riff sehr viel mehr Putzerlippfische als Grundeln gibt, haben zwei Biologinnen nun entdeckt: Nur dann begegnen die Opfer so selten einem der Raubfische, dass sie keine allgemeine Abneigung gegen die auffällig gezeichneten Fische entwickeln.
Blaugestreifte Schlangengrundeln (Plagiotremus rhinorhynchos) gleichen jungen Putzerlippfischen (Labroides dimidiatus) bis auf die Schuppe, inklusive einer auffälligen, blauen Zeichnung an der Körperseite. Diese Übereinstimmung ist kein Zufall, sondern basiert auf so genannter aggressiver Mimikry: Die Schlangengrundeln nutzen ihre Ähnlichkeit mit den Putzerfischen, die die Riffbewohner von Parasiten auf der Haut befreien, um andere Fische in Sicherheit zu wiegen und sie dann angreifen zu können. Dieses Prinzip funktioniert jedoch nur dann auf Dauer, wenn die potenziellen Opfer nicht lernen, dass blaugestreifte Fische nicht nur Nutzen bringen, sondern auch Gefahr bedeuten können.
Um zu untersuchen, wie die Schlangengrundeln diesen Lerneffekt bei den Riffbewohnern vermeiden, beobachteten Cheney und Côté vier verschiedene Korallenriffe südöstlich der indonesischen Insel Sulawesi. Sie bestimmten dort unter anderem das Verhältnis von Putzerlippfischen zu Schlangengrundeln und die Erfolgsrate bei den Angriffen der Raubfische. Das Ergebnis: Je weniger Grundeln es im Vergleich zu den Putzerfischen gab und je dichter das Riff insgesamt besiedelt war, desto erfolgreicher waren die betrügerischen Nachahmer. Offenbar werden die Fische in einem Riff tatsächlich vorsichtiger, wenn sie häufiger auf Schlangengrundeln treffen, schließen die Biologinnen. Sie wollen nun anhand anderer Beispiele von aggressiver Nachahmung untersuchen, ob das richtige Zahlenverhältnis eine grundlegende Voraussetzung für die Entwicklung einer solchen Jagdstrategie ist.
Karen Cheney ( Universität von Queensland, Brisbane), Isabelle Côté (Simon Fraser University, Barnaby): Proceedings of the Royal Society: Biological Sciences, Online-Vorabveröffentlichung, DOI: 10.1098/rspb.2005.3256 ddp/wissenschaft.de ? Ilka Lehnen-Beyel





