“Die Arktis hat sich schneller erwärmt als jede andere Region der Erde”, erklären Stine Kildegaard Rose von der Technischen Universität Dänemark und ihre Kollegen. “Dementsprechend ist der Meeresspiegel des arktischen Ozeans ein wichtiger Klimaindikator.” Denn die enormen Süßwassermengen, die von den schmelzenden Gletschern der Arktis freigesetzt werden, lassen nicht nur den Meeresspiegel ansteigen, sondern haben auch das Potenzial, das weltweite System von Meeresströmungen und damit das Klima zu verändern. Das Problem jedoch: “Bisher werden die Polarmeere bei den globalen Meeresspiegelabschätzungen oft nicht berücksichtigt – sie erscheinen als weiße Flecken auf den Meeresspiegel-Weltkarten”, so die Forscher. Denn die Meereseisbedeckung, die geringe Satellitenabdeckung und die Unzugänglichkeit vieler Gebiete machen es schwer, den Pegel des Nordpolarmeeres zu bestimmen. Bisherige Werte stammten meist von Pegelmessstationen entlang der arktischen Küsten.
Daten von 1,5 Milliarden Radarmessungen
Jetzt ist es Rose und ihrem Team erstmals gelungen, die Meeresspiegeländerung in der Arktis über mehr als zwei Jahrzehnte lang flächendeckend zu dokumentieren. Dafür werteten die Forscher Radarmessungen aus dem Zeitraum von 1991 bis 2018 von vier Erderkundungssatelliten aus. “Die Herausforderung lag darin, in den Messdaten die Signale des Wassers zu finden”, erklärt Co-Autor Marcello Passaro vom Deutschen Geodätischen Forschungsinstitut der Technischen Universität München (TUM). “Radarsatelliten messen nur den Abstand zur Oberfläche. Weite Flächen der Arktis sind jedoch mit Eis bedeckt, welches das Meerwasser verdeckt.” Die Forscher müssen daher gezielt die Radarechos identifizieren und auswerten, die den Wasserspiegel in Rissen und offenen Stellen im Eis widerspiegeln.
Um das zu ermöglichen, hat Passaro spezielle Algorithmen entwickelt, mit denen sich diese Radarsignale gezielt analysieren lassen. Mit Hilfe der Algorithmen gelang es den Forschern, 1,5 Milliarden Radarmessungen der Satelliten ERS-2 und Envisat aufzubereiten und zu homogenisieren. Das Team reprozessierte zusätzlich die Messwerte der aktuellen Radarmission CryoSat. Auf Basis dieser Daten erstellten die Forscher für jeden Monat zwischen 1996 und 2018 eine Landkarte mit Gitterpunkten, die die Höhe des Meeresspiegels anzeigen. Aus der Summe der Monatskarten ließ sich dann der langfristige Trend ablesen. “So haben wir den bisher vollständigsten und genauesten Überblick über die Veränderungen des Meeresspiegels im Arktischen Ozean erhalten”, sagt Rose.





