Eine deutsche Forscherin will die Kenntnisse von Affen nutzen, um Medikamente für Menschen zu entwickeln.
Merkwürdige Beobachtungen an Bonobos brachten Barbara Fruth auf die Idee, im Urwald nach Heilpflanzen zu suchen. Als die Biologin vor gut zehn Jahren im Salonga- Nationalpark im Herzen des kongolesischen Regenwalds den Affen zusah, bemerkte sie, dass die Tiere gezielt bestimmte Pflanzen fraßen. Zum Frühstück nahmen sie oft ein großes, behaartes Blatt Manniophyton fulvum zu sich. Fasziniert beobachtete Fruth, dass die Affen die Blätter des Wolfsmilchgewächses nicht kauten, sondern falteten und im Ganzen schluckten. Fruth überlegte: „Warum machen sie das? Schmecken die Blätter einfach nur gut? Dann würden sie mehr davon essen. Und warum kauen sie die Blätter nicht? Sind die vielleicht bitter? Aber warum sollten sie sie dann fressen?”
Als mögliche Erklärung kam ihr in den Sinn: Vielleicht hatten die Zwergschimpansen Beschwerden – und kurierten sich mit den Blättern selbst. Diese Idee ist nicht abwegig. Einige Jahre vor Fruths Beobachtung, Anfang der Neunzigerjahre, hatte der Biologe Michael Huffman von der Universität Kyoto herausgefunden, dass die großen Vettern der Bonobos, die Schimpansen, sich anscheinend in der Urwaldapotheke auskennen. Er hatte beobachtet, wie eine kranke Schimpansin das Mark aus Zweigen des Strauchs Vernonia amygdalina lutschte – und es ihr einen Tag später sichtlich besser ging. Später erzählte ihm einer seiner Mitarbeiter, dass die einheimischen Watongue diese Pflanze bei Parasitenbefall benutzen. Der Gedanke drängte sich auf, dass bei Tieren und Menschen die gleichen bitteren „Urwaldpillen” gegen Krankheitserreger wirken. Inzwischen hat man herausgefunden: In Vernonia amygdalina gibt es tatsächlich pharmazeutisch wirksame Substanzen gegen Malaria- und Leishmaniose-Erreger.
Als Fruth die Bonobos beobachtete, wusste das noch niemand. Doch die Biologin, die heute am Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig arbeitet, war davon überzeugt, dass es in den Wäldern der Bonobos pharmazeutisch wertvolle Pflanzen gibt. Aber um herauszufinden, welche Kräuter die Affen bei Unwohlsein fressen und wie sie den Gebrauch dieser Pflanzen erlernen und weitergeben, hätte sie den Tieren jahrzehntelang durch den Dschungel folgen müssen. „Völlig unmöglich!”, sagt sie. Außerdem birgt diese Art der Feldforschung weitere Probleme:
• Bonobos sind schlecht zu beobachten – man könnte ihre Heilpflanzen daher nur zum Teil ausfindig machen.
• Es ist schwierig herauszufinden, ob ein Affe eine bestimmte Pflanze oder Frucht frisst, einfach weil sie lecker ist, satt macht, weil gerade nichts Besseres greifbar ist – oder weil das Tier irgendwelche Beschwerden hat.
Ein Hinweis auf eine therapeutische Wirkung wäre beispielsweise, dass mehrere Tiere bestimmte Pflanzen nur in geringen Mengen fressen, obwohl sie ihnen in großen Mengen zur Verfügung stehen. Ein Beweis wäre das aber nicht. Feststellen lässt sich medizinische Wirkung erst in einem Labor.
Die Affen allein reichten als Informationsquelle also nicht aus. Fruth brauchte menschliche Unterstützung, insbesondere von den Einheimischen mit ihren Beobachtungen und Erfahrungen. Bei ihren Gesprächen mit den Frauen und Heilkundigen des Nkundo-Volkes erkannte sie, dass Menschen und Affen oft die gleichen Pflanzen benutzen – etwa besagtes Manniophyton, das die Einheimischen als entzündungshemmendes Mittel und gegen Durchfall einsetzen. Außerdem suchte Fruth nach Botanikern und Chemikern, die sie unterstützten.
Stück für Stück wurde dabei aus der an Affen interessierten Grundlagenforscherin eine praktisch orientierte Projektleiterin, die den Menschen im Kongo neue Lebensgrundlagen verschafft und gleichzeitig deren behaarte Nachbarn, die Bonobos, schützt.
Fruths Konzept: Wenn es Pflanzen mit therapeutisch wirksamen Inhaltsstoffen im Nationalpark gibt, könnten die Einheimischen diese Pflanzen im Wald sammeln oder sie sogar anbauen und dann für sich selber nutzen oder an pharmazeutische Unternehmen in Industrieländern verkaufen. Die Forscherin hofft, dass sich die Einheimischen durch den Anreiz, ihre wirtschaftliche Lage zu verbessern, am Ende auch für den Schutz des Waldes einsetzen.
Über die Pflanzenwelt des Kongobeckens weiß man sehr wenig. Also packte Fruth die große Botanisiertrommel aus und zog in den Urwald – skeptisch beäugt von den älteren Dorfbewohnern, die sie begleiteten. Eine Frau? Kann die jeden Tag 10 oder 20 Kilometer durch den Dschungel laufen? „Sie marschiert sehr schnell, schneller als manche der Männer, die über sie getuschelt haben”, berichtet ihr kongolesischer Kollege Musuyu Désiré Muganza.
In den letzten zwei Jahren sammelte Fruth mit ihren Mitarbeitern Tausende von Pflanzen aus dem Lebensumfeld der Bonobos. Sie pressten, trockneten, sortierten und bestimmten sie – und was sie nicht kannten, schickten sie zu Spezialisten. Über 600 Arten wurden auf diese Weise in so genannten Herbarien katalogisiert. Die kostbaren Bücher mit Originalpflanzenmaterial und Beschreibungen sind die Grundlage für jede weitere Forschung. „Diese einzigartigen Herbarien gibt es jetzt in drei Versionen, jeweils eine in Brüssel, Kinshasa und in Leipzig”, sagt die Primatologin.
Außerdem befragten sie und ihre kongolesische Mitarbeiterin Bibiche Mato etliche Hundert – vorwiegend weibliche – Dorfbewohner und auch traditionelle Medizinmänner, welche Pflanzen sie sammeln, welche Teile der Pflanzen sie zu welchem Zweck nutzen, wie sie diese zubereiten und wie sie die Pflanzen nennen. Auf diese Weise entstand die erste schriftliche Dokumentation über die traditionelle Medizin der dortigen Bevölkerung, der Nkundo.
Die Pflanzenfamilien, die die Nkundo am häufigsten für medizinische Zwecke benutzen, sind Wolfsmilch-, Mimosen- und Rahmapfelgewächse sowie Schmetterlingsblütler. Ein Drittel der von Fruths Team dokumentierten Pflanzen setzen sie gegen Verdauungsbeschwerden aller Art ein, knapp 20 Prozent benutzen sie bei Hautproblemen, jeweils rund 10 Prozent bei Hals-, Nasen- und Ohren-Erkrankungen, Geschlechtskrankheiten sowie Leber- beziehungsweise Milzproblemen und Malaria.
Begehrt bei Menschen und Affen ist der Knoblauchbaum (Scorodophloeus zenkeri). Die Bonobos fressen Blüten, Blätter und Früchte, die Menschen behandeln mit seinem Saft und der Rinde Wunden aller Art, Verbrennungen, Juckreiz und Pilzinfektionen. Gegen Magenschmerzen kauen die Nkundo Blätter des Parasolbaums (Polyalthia suaveolens). Das Innere der Rinde verwenden sie gegen Schlangenbisse. Bonobos lieben die Früchte dieses Baums. „Ich habe sie aber bisher nie die Blätter fressen sehen”, sagt Barbara Fruth.
Nach dem Sammeln der Pflanzen führen kongolesische Forscher eine erste pharmakologische Untersuchung in der Hauptstadt Kinshasa durch. Fruth hat hier ein Labor eingerichtet, wo sie kongolesische Studenten ausbildet. „Das ist ein wichtiger Baustein des Projekts”, betont sie, „denn die Kongolesen müssen selber in der Lage sein, die Forschung fortzuführen, wenn die deutsche Finanzierung des Projekts beendet ist.”
Detaillierte chemische und toxikologische Analysen führt die Firma Schwabe in Karlsruhe durch. Den auf Phytopharmaka spezialisierten Arzneimittelhersteller hat Fruth sorgfältig ausgewählt, denn sie will unbedingt jeden Anflug von „ Biopiraterie” vermeiden. Die Forscherin hält sich darum strikt an die 1992 in Rio de Janeiro beschlossene Konvention für die biologische Vielfalt. Sie fordert, dass Entwicklungsländer und Einheimische an den Gewinnen zu beteiligen sind, die aus der Nutzung von Tieren und Pflanzen ihrer Heimat entstehen. Das ist keineswegs selbstverständlich: Andere Pharmaforschungsgruppen haben das Wissen von Einheimischen schon mehrfach genutzt, ohne dass diese davon in irgendeiner Weise profitierten.
Der Export der Pflanzen nach Deutschland allerdings sei eine einzige Enttäuschung gewesen, sagt Fruth, denn ihre Bemühungen um Transparenz des Vorgangs wurden von den kongolesischen Behörden torpediert. So wurde der Exportantrag ein Dreivierteljahr lang nicht bearbeitet und dann mit falschen Deklarationen zurückgegeben. Zugleich ließen die Behörden durchblicken, dass durch Zahlungen an die richtigen Leute das Verfahren rasch und korrekt ablaufen würde. Immerhin lagern inzwischen 170 gefriergetrocknete und pulverisierte Pflanzenproben in Mannheim und werden analysiert.
Die Hoffnung, dass die Chemiker dabei wirksame Substanzen finden, ist groß, denn andere Forschergruppen haben bei ähnlichen Projekten schon Erfolge vorzuweisen – zum Beispiel Sabrina Krief, Assistenzprofessorin am Nationalmuseum für Naturgeschichte in Paris. Die Veterinärmedizinerin hat zusammen mit Kollegen 163 Pflanzenteile identifiziert, die auf dem Speiseplan von Schimpansen im Kimbale Nationalpark (Uganda) stehen. Gut 20 Prozent davon setzen die Einheimischen dort zur Behandlung verschiedener Krankheiten ein.
Als Krief die Pflanzenextrakte untersuchte, erwiesen sich etliche als wirksam gegen Bakterien und die Erreger von Malaria und Leishmaniose. In den Blättern des Baumes Trichilia rubescens identifizierte sie zwei Limonoide, die Malaria-Erreger abtöten. Zwar sind diese nicht so effizient wie das herkömmliche Medikament Chloroquin, doch gegen das haben viele Erreger Resistenzen entwickelt. Die Ärzte brauchen deshalb ein möglichst breites Spektrum an Anti-Malaria-Stoffen, um durch geschickte Kombinationen neue Resistenzbildungen zu verhindern.
Auch für die Krebstherapie könnten sich die Heilpflanzen als Segen erweisen: Krief fand in den Blättern von Albizia grandibracteata, einer Schirmakazien-Art, zwei Saponine, die eindeutig das Wachstum von Tumorzellen hemmen.
Heilpflanzen könnten für den Schutz des Regenwaldes eine Schlüsselfunktion übernehmen. Denn wo moralische Appelle versagen, macht medizinischer und wirtschaftlicher Nutzen seinen Erhalt für die Einheimischen attraktiv. Deshalb fördert das Bundesforschungsministerium nicht nur das Heilpflanzenprojekt von Fruth, sondern noch andere Projekte dieser Art in Afrika.
Solche Forschungen verhindern darüber hinaus, dass das Wissen über die traditionelle afrikanische Medizin und über die Heilkräfte von Pflanzen in Vergessenheit gerät. Für die Menschen in Afrika ist das überlebenswichtig, denn die industriell gefertigten Medikamente sind für viele unerschwinglich, und der nächste Arzt ist oft unerreichbar weit. Und natürlich wäre es auch ein Hoffnungsschimmer für die Bonobos, wenn der Urwald im Kongo, das größte Regenwaldgebiet von Afrika, erhalten bliebe.
KARIN HOLLRICHER berichtet regelmäßig in bdw über Tierforschung – zuletzt im Juli 2006 über den Orientierungssinn.
Karin Hollricher
Ohne Titel
Jeden Abend flechten sich die Bonobos in Minutenschnelle aus Ästen hoch in den Bäumen Schlafnester. Darin übernachtet jedes Tier für sich – nur wenn es Kinder gibt, dürfen die mit hinein, wie Barbara Fruth beobachtet hat. Sex, der ein wichtiger Teil des sozialen Beziehungsgefüges der Bonobos ist, findet nur tagsüber statt.
„My home is my castle” – so könnte der Leitsatz der Bonobos lauten. Zu Hause werden selbst die rangniedrigsten Tiere nicht belästigt, sie dürfen dort sogar in Ruhe fressen, ohne dass ihnen jemand etwas wegnimmt. Tagsüber sind die Affen meistens unterwegs. Allerdings: Wenn es regnerisch und trüb ist, finden sie es in den eigens gebauten Tagnestern gemütlicher. Welcher Affe wo baut, wer wessen Nachbar ist, wer wen sehen kann oder nicht, ist kein Zufall. Barbara Fruth beobachtete, dass es in einer Bonobo-Kolonie streng hierarchisch zugeht.
Oben ist immer die Chefetage: Sie ist ausschließlich weiblich besetzt. Im Untergeschoss bauen die Tiere ihr Nest, die in der Gruppe nicht viel zu sagen haben. Dazwischen lagern die dominanten Männer – von dort können sie gut beobachten, wann die Damen aufstehen. Ein Mann, der Erfolg haben will, muss eben auch bei den Bonobos immer wissen, was los ist.
Ohne Titel
Es waren einmal 100 000. Dann kamen die Rebellen, Jäger, Holzfäller. Jetzt sind schätzungsweise noch knapp 30 000 übrig. So lautet die Schätzung von Experten der UNEP, eines Umweltprogramms der UNO, über die Zahl der Bonobos – der „Make love not war”-Hippies im kongolesischen Dschungel.
Wenn sie diese Zahlen hört, wird Barbara Fruth zornig. Seit acht Jahren lebt die inzwischen 42-jährige Biologin Seite an Seite mit den Zwergschimpansen. In dieser Zeit ist sie den Affen im dichten kongolesischen Urwald nachgestiegen, hat ihnen beim Fressen, Schlafen, Sex und alltäglichen Miteinander zugesehen.
Von der Biologiestudentin zur Primatologin, weiter zur Botanikerin, Ethnologin und Entwicklungshelferin in Personalunion war es ein weiter Weg. Auf die Affen kam Barbara Fruth 1988. Jane Goodall war nach München gereist, um die Ehrendoktorwürde der Universität zu empfangen und aus diesem Anlass einen Vortrag zu halten. Der Nimbus der weltberühmten Schimpansenforscherin lockte die Studentin, die bis dahin an Verhaltensforschung nicht besonders interessiert war. Zwei Stunden später hatte sich ihre Welt verändert. „Das war es!”, begeistert sich Fruth noch heute. „ Ich wollte nie im Labor arbeiten, sondern im Freiland – und nachdem ich Goodall erlebt hatte, wollte ich Primatologin werden.” Fruth ist eine Frau der klaren, oft schnellen Entscheidungen.
Gerhard Neuweiler, damals Professor für Verhaltensbiologie an der Universität München, erinnert sich: „Eines Tages stand sie in meinem Büro und sagte, sie wolle mit Schimpansen forschen. Sie kannte sich mit Affen überhaupt nicht aus, aber für sie stand fest: Sie wollte Primatologin werden.” Neuweiler schickte Barbara Fruth für eine Diplomarbeit zu Schimpansen in den Urwald der Elfenbeinküste. Nachdem sie diese Bewährungsprobe bestanden hatte, ging sie zu den Bonobos in die Demokratische Republik Kongo. Dort untersuchte sie das Nestverhalten der Zwergschimpansen (siehe Kasten „Oben sitzen die Chefinnen”). Mehr als 1000 Nester hat Fruth ausgewertet, viele davon hat sie persönlich getestet. Auf die Bäume zu klettern, ist für die schlanke, sportliche Frau eine vergleichsweise leichte Übung, denn sie hat in ihrer Jugend Höhlenkletterei betrieben und sich nach dem Abitur für Greenpeace an unzählige Schornsteine, Brücken und Gebäude gehängt, um gegen Umweltverschmutzung zu protestieren.
Eine Bonobo-Forschungsstation am Lomako-Fluss, die sie gemeinsam mit ihrem Kollegen Gottfried Hohmann aufgebaut hatte, musste Fruth 1997 wegen des Bürgerkrieges verlassen. Seit 2001 haben die beiden – die inzwischen nicht nur beruflich, sondern auch privat ein Paar sind – eine neue Station aufgebaut: Lui Kotal – zu Deutsch: langes Leben – entstand auf einer Lichtung am Lokoro-Fluss. Dort hatten vor 100 Jahren bereits Menschen gesiedelt. Die Einwohner verließen den Ort aber und zogen ein paar Kilometer weiter, denn in „Langes Leben” blieben die Frauen eigenartigerweise kinderlos. Ob die Dorfältesten, die dem Forscherpaar diese Lichtung zuwiesen, Fruth und Hohmann als Versuchskaninchen betrachteten? Fruth muss lachen: „Zu diesem Zeitpunkt hatten wir schon drei Kinder.”
Die Kleinen waren eine Art Zäsur in ihrem Forscherleben, denn ihretwegen konnte sie nicht mehr monatelang im Dschungel verschwinden. Bonobo-Mamas hält Fruth für ideale Mütter, denn sie haben ihre Kinder jahrelang ständig bei sich. „Unsinn”, widerspricht ihr Mann und Forscherkollege vehement: „Von wegen ideale Mütter. Bonobo-Mamas ziehen Muttersöhnchen heran. Die sind auch mit 12 Jahren noch von ihnen abhängig, obwohl sie dann schon breite Schultern haben und starke, junge Männer sind. Übel anzuschauen!”
Ohne Titel
• Schimpansen verwenden teils die gleichen Heilpflanzen wie Menschen. • Forscher wollen mit dem Heilwissen von Bonobos und einheimischer Bevölkerung den Afrikanern helfen.
COMMUNITY Internet
Fruths Projekt am Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig:
www.eva.mpg.de/procuv/
„Rio-Konvention” für Biodiversität und nachhaltige Entwicklung:
www.biodiv.org/convention/default.shtml





