Text: Elena Bernard
Schnee bedeckt die Hügel und Täler der Schwäbischen Alb. Eingehüllt in wärmende Felle kämpft sich eine Gruppe steinzeitlicher Jäger mühsam voran, bewaffnet mit Speeren und Lanzen. Endlich erreichen sie ihr Ziel. Vor ihnen liegt der Eingang zu einer Höhle. Nun ist höchste Vorsicht geboten. Denn im Inneren der Höhle schlummert eines der gefährlichsten und Ehrfurcht gebietendsten Tiere der damaligen Zeit: ein Höhlenbär. Ein einziger Prankenhieb könnte einen Menschen töten. Doch nun schläft der Riese. Halb zusammengerollt präsentiert er den Angreifern seinen Rücken. Der erste Jäger hebt seinen Speer und zielt auf die Schulter. Ein erfolgreicher Wurf würde die Waffe bis in die Lunge des Bären treiben und das Tier töten, bevor es richtig wach werden kann. Doch statt sein Ziel zu erreichen, trifft der Speer auf einen der harten Brustwirbel des Bären. Die mühsam befestigte steinerne Spitze bricht ab, das Holz fällt zu Boden. Ein solcher Fehler kann für den Jäger tödlich enden. Dieses Mal jedoch hat er Glück: Mit vereinten Kräften gelingt es der Gruppe, den Bären zur Strecke zu bringen. Sein Fleisch wird sie für viele Tage ernähren, sein Pelz bald einen neuen Träger wärmen, und seine Knochen werden ein hervorragendes Material für Werkzeuge bieten. So oder so ähnlich könnte sich die Szene zugetragen haben, deren Spuren Archäologen rund 29.000 Jahre später in der Höhle Hohle Fels in der Nähe von Ulm entdeckt haben. „In einem Brustwirbel eines Bären sind wir auf ein abgebrochenes Projektil aus Feuerstein gestoßen“, berichtet die Archäozoologin Susanne Münzel von der Universität Tübingen, die selbst an der Ausgrabung beteiligt war. „Das ist einer der frühesten direkten Beweise dafür, dass Menschen bereits in der Altsteinzeit aktiv Jagd auf Bären gemacht haben.“
Die Einschussstelle am Brustwirbel ist nicht der einzige Hinweis auf menschliche Einwirkung. „Schnittspuren auf dem Wirbel verraten, dass der Bär anschließend gehäutet und entfleischt wurde“, erklärt Münzel. „Die Jagd muss also trotz des Fehlschusses erfolgreich verlaufen sein.“ Nicht umsonst hatten die Jäger die Zeit im Jahr gewählt, in der die Bären Winterruhe halten. Auch wenn künstlerische Darstellungen oft heldenhafte Kämpfe zwischen Menschen und Bären ausmalen, war die weitaus üblichere Jagdtaktik, die sonst übermächtigen Gegner während der Winterruhe zu überraschen – und zwar nicht nur in der Steinzeit, sondern bis ins 20. Jahrhundert, wie ethnologische Studien zeigen.
In zahlreichen Höhlen Europas haben Ausgrabungen große Mengen an Bärenknochen zutage gefördert. Doch anders als zu Beginn der Höhlenbärenforschung angenommen, wurden nicht alle dieser Tiere von Menschen erlegt. Neuere Forschungsarbeiten haben gezeigt, dass bei vielen der Todesfälle natürliche Ursachen plausibler sind. „Gerade Weibchen und ihre neugeborenen Jungtiere versterben oft während der Winterruhe, wenn sich die Muttertiere im Herbst keine ausreichende Fettschicht angefressen haben“, erklärt Münzel. Da die Höhlen jedes Jahr erneut als Unterschlupf für Bärenmütter und ihren Nachwuchs dienen, häufen sich so mit der Zeit die Skelette an. „Einige der Knochen tragen jedoch eindeutige Spuren menschlicher Einwirkung“, berichtet die Archäologin. Aus den jahrtausendealten Schnittspuren auf den teils stark verwitterten Knochen kann sie ablesen, was mit dem jeweiligen Bären geschehen ist. „Wurde das Tier mithilfe von Steinwerkzeugen gehäutet, finden sich typischerweise Schnittspuren am Schädel und an den Knochen der Tatzen – also an Stellen, an denen die Haut nah am Knochen liegt“, erläutert sie. Wurde dagegen auch das Fleisch abgelöst, zeigen sich oft Schnittspuren an anderen, tiefer liegenden Knochen. In vielen Fällen wurden große Knochen auch zerschlagen – wahrscheinlich, um das Mark daraus zu gewinnen.





