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Mehr Meeresschutz vor Mallorca
Vor der Nordwestküste Mallorcas soll ein neues Meeresschutzgebiet entstehen. Das Konzept dafür unterscheidet sich grundlegend von bisherigen Ansätzen und erfährt in der lokalen Bevölkerung viel Unterstützung – sogar von den Berufsfischern.
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Text: Kurt de Swaaf
Morgens um fünf ist die Welt vielleicht noch nicht für alle in Ordnung, doch Gori Mayol scheint die Arbeit zu früher Stunde nichts auszumachen. Unterstützt von seinem Gehilfen Toni Ruiz, löst der Fischer mit routinierten Bewegungen die Leinen und die beiden bereiten das Boot für die Abfahrt vor. Die „Passador“ ist ein knapp acht Meter langer, umgebauter „Llaüt“ – das traditionelle Gefährt mallorquinischer Fischer.
Mayol startet den Motor. Wenige Minuten später gleitet der Kahn durch den fast spiegelglatten Hafen zur Bucht von Port de Sóller. Auf den Luxusjachten am Hauptpier regt sich noch nichts. Ein paar Hundert Meter weiter trifft die „Passador“ auf die ersten Wellen, die vom offenen Meer hereinwogen. Der Rumpf schaukelt sanft, während das Motorrattern die Planken unter den Füßen vibrieren lässt. Im Körper steigt ein Gefühl freudiger Erwartung auf: Der Tag auf See kann beginnen.
Mallorcas Fischer befürworten Naturschutz
An Bord ist heute auch Bradley Robertson, ein hochgewachsener Australier mit angegrautem Zopf und ansteckendem Lächeln. Der gelernte Berufstaucher lebt seit 2009 auf Mallorca und leitet nun die von ihm mitgegründete Naturschutzorganisation „Save the Med“, kurz STM. Robertson möchte einen besseren Einblick in die Methoden und Fänge der kleinen Küstenfischerei bekommen, und fährt deshalb mit aufs Wasser.
Die Morgenluft ist kühl. Oben auf den Klippen blinkt der weiße Leuchtturm des Cap Gros. Gori Mayol steuert das Boot nordostwärts, folgt den Felsenufern zu den Fanggründen, wo er seine Netze ausgelegt hat. Die Fahrt wird etwa eine Stunde dauern, erklärt er seinen Gästen und muss dabei den Motorenlärm übertönen. Der Fischer und der Umweltaktivist Robertson kennen sich schon länger, denn beide verbindet ein großes gemeinsames Ziel: der Erhalt der hiesigen Meeresökosysteme als Lebensgrundlage für alle. Eine Aufgabe mit Zukunft, vorsichtig ausgedrückt.
Logisch betrachtet sind Menschen wie Mayol und Robertson natürliche Verbündete. Umweltschützer wollen gesunde, saubere Meere, in denen auch reiche Fischbestände gedeihen können. Deren nachhaltige Nutzung wiederum könnte Fischern eine sichere, stabile Existenzgrundlage bieten. So weit die Theorie. Die Realität sieht aber meistens anders aus.
Wird irgendwo in Spanien zum Beispiel ein neues Meeresschutzgebiet geplant, kommt von der regionalen Fischerzunft oft kräftiger Widerstand. Man will sich nicht einschränken lassen. Auf Mallorca indessen hat offenbar schon ein Umdenken eingesetzt. „Wir sind keine Bauern, wir nehmen nur“, sagt Gori Mayol mit Blick auf den eigenen Berufsstand. „Wer da nicht reguliert, wird alles verlieren.“ Denn dann sind die Fischbestände irgendwann ausgeschöpft. Jetzt fordern er und seine Kollegen im Einklang mit den lokalen Naturschutzorganisationen die Einrichtung eines neuartigen Meeresschutzgebiets vor der Nordwestküste Mallorcas. Diese Entwicklung kann man getrost als revolutionär bezeichnen.
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Angefangen hat das Umdenken laut Mayol vor etwa 20 Jahren. „Hier gibt es fast nur handwerkliche Fischerei“, berichtet er. Neben sieben kleinen Booten wie der „Passador“, seien in Port de Sóller lediglich zwei Trawler stationiert. Letztere sind mit Schleppnetzen ausgestattet und werden hauptsächlich zum Fang von Gambas, sprich Tiefseegarnelen, auf dem offenen Meer eingesetzt. So weit können Mayol und die anderen Küstenfischer mit ihren Schiffchen nicht rausfahren.
Wenn es jedoch praktisch vor der Haustür an Fischen mangelt, gefährdet das die wirtschaftliche Existenz der Kleinen. Und die Bestände scheinen schon länger eher abzubauen. Abgesehen davon erkennen die mallorquinischen Fischer zunehmend selbst, was der Wissenschaft bereits bekannt war: Meeresschutzgebiete wirken weit über ihre Grenzen hinaus. Weil sich Fische und anderes Getier innerhalb der Schutzzonen ungestört vermehren können, kommt es zum sogenannten Spillover-Effekt. Die Populationen werden dort so groß, dass sie durch Abwanderung auch benachbarte Bestände aufstocken. Und das sorgt für bessere Fänge.
Naturschutz zeigt Wirkung
Fünf Meeresreservate gibt es derzeit in den Gewässern rund um Mallorca, plus den berühmten Nationalpark Archipiélago de Cabrera. Letzterer wurde 1991 als ein solcher deklariert und ist somit das älteste marine Schutzgebiet der Balearen. Dort lassen sich unter anderem wieder beeindruckend große Braune Zackenbarsche (Epinephelus marginatus) beobachten, wie Brad Robertson berichtet. Speerfischer hatten die bis zu anderthalb Meter langen Tiere einst fast ausgerottet. Auch in anderen Reservaten erholen sich die Fischpopulationen deutlich. Wer in der 2004 eingerichteten Schutzzone El Toro einen Tauchgang macht, begegnet Schulen junger Bernsteinmakrelen (Seriola dumerili), stattlichen Seebrassen verschiedener Arten und manchmal sogar ausgewachsenen Gelbmaul-Barrakudas (Sphyraena viridensis). Außerhalb der Refugien sieht man meist nur Kleinkram. Dieser Kontrast zeigt eindrucksvoll, welch beunruhigendes Maß die Überfischung inzwischen erreicht hat. Höchste Zeit für neue Gegenmaßnahmen.
Ein Problem indes konnten die mallorquinischen Fischer vor einigen Jahren ganz unter sich lösen. Damals fluteten sie den Markt mit großen Mengen „Llampugas“, Goldmakrelen, erklärt Gori Mayol. Diese unter dem zoologischen Namen Coryphaena hippurus getauften Raubfische treffen jedes Jahr im Herbst schwarmweise vor Mallorcas Küsten ein und sind eine beliebte Delikatesse. Es wurden aber zu viele davon angelandet, sagt Mayol. Die Fischer bekamen für ihre Llampugas nur noch 30 Cent pro Kilogramm, das lohnte sich nicht mehr. Also vereinbarten sie untereinander geringere Fangmengen – ein nachhaltiges Management in Eigeninitiative, angestoßen von einer ökonomischen Notwendigkeit. Der Plan ging auf. Heute liegt der Erlös für die gleiche Menge Goldmakrele bei 12 bis 14 Euro, berichtet Mayol. „Jeder profitiert: Die Fischer bekommen mehr Geld, und der Llampuga-Bestand wird nicht mehr so stark exploitiert.“
Neuartige Ansätze
Für Brad Robertson sind genau solche Ansätze die Zukunft. Der STM-Vorsitzende möchte weg vom Prinzip des „Naturschutzes von oben herab“, hin zu kooperativen Konzepten, die auf breiter gesellschaftlicher Beteiligung und sogenannten Graswurzelbewegungen, also von unten ausgehend, basieren. Die lokale Bevölkerung sollte wieder selbst das Heft in die Hand nehmen. Von diesem Standpunkt aus entwickelten Robertson und seine Mitstreiter eine Art Gegenentwurf zum klassischen Meeresschutzgebiet: „Area Under Regeneration“, abgekürzt AUR. Ins Deutsche lässt sich dieser Begriff nur unzureichend als „Regenerationsgebiet“ übersetzen. Es handelt sich gewissermaßen um eine Baustelle. Der herkömmliche, bewahrende Naturschutz greift längst nicht mehr ausreichend, meint Robertson. Ökosysteme seien zu dynamisch – vor allem in der heutigen Zeit, geprägt vom Klimawandel und eingeschleppten invasiven Spezies. Ein Zurück zum ursprünglichen Zustand könne es deshalb nicht mehr geben.
Der Aktivist will stark geschädigte Lebensgemeinschaften und Habitate allerdings nicht aufgeben, im Gegenteil. Sie müssen die Möglichkeit bekommen, von sich aus neue Vitalität zu erlangen. Regeneration ist eine essenzielle biologische Fähigkeit und somit allem Lebendigen innewohnend, betont Robertson. Diese zentrale Urkraft soll sich entfalten können. Er und seine Verbündeten möchten den Menschen in solche Prozesse explizit miteinbinden. Homo sapiens sei als Lebewesen schließlich kein Außenstehender, sondern ein Teil des ökologischen Gefüges. „Der wichtigste Aspekt eines AUR sind die Beziehungen darin.“
Wie vielerorts in Europa, wächst auch in der mallorquinischen Bevölkerung der Wunsch nach einem neuen Umgang mit und einem neuen Verständnis von der Natur. „Save the Med“ knüpft daran an. Ziel ist es, dass in lokalen Gemeinschaften das Bedürfnis wächst, die eigene Umwelt mitsamt wirtschaftlichen und sozialen Grundlagen zu schützen und zu pflegen, erklärt der Mitgründer Robertson. „So werden die Menschen zu Stewards“ – zu Förderern und Hütern.
Ins Netz gegangen
Auf dem Bug der „Passador“ hält Toni Ruiz Ausschau nach der ersten Markierungsboje. Das Boot kreuzt jetzt einige Hundert Meter vor der Küste. Hier irgendwo liegt eines von Gori Mayols Netzen. Auch das zukünftige „AUR Pollença“ könnte in diese Gewässer hineinreichen.
Die Grenzen sind noch nicht festgelegt, sagt Brad Robertson, und überhaupt: Das AUR-Konzept orientiere sich an Bioregionen, und die wiederum basieren auf Ökosystemen. Mit von Behörden gezogenen Grenzlinien habe das alles eigentlich nichts zu tun. „AURs selbst sind nicht Teil eines juristischen Rahmens“, meint der Fürsprecher. Gesetzliche Regelungen, wie zum Beispiel festgelegte Sperrzonen, können daher nur Werkzeuge für ein besseres Management sein. Notwendig seien sie wohl trotzdem. Wie Mayol bereits dargelegt hat: Ganz ohne Einschränkungen seitens der Fischerei werde es nicht gehen.
Das Netz der „Passador“ ist ziemlich genau einen Kilometer lang und liegt in rund 65 Metern Tiefe auf dem Meeresboden. Ruiz hat die Boje an Bord gehievt und lässt nun die Grundleine über eine große Seilwinde laufen. Ein paar Minuten später erscheinen die letzten Maschen mit Seil an der Wasseroberfläche. Die beiden Männer greifen ins Garn und beginnen mit dem Einholen. Der erste Fang taucht auf. Es ist ein junger Rochen der Gattung Raja, doch an dem ist Mayol nicht interessiert. Solche Fische sind nur Beifang. Stattdessen hat es der Fischer auf Langusten abgesehen. Diese beeindruckenden Krustentiere mit wissenschaftlichem Namen Palinurus elephas, stehen bei den Luxusrestaurants der Insel hoch im Kurs. „Man bezahlt uns etwa 55 Euro pro Stück“, sagt Mayol. Langusten leben meistens auf felsigem Grund in kleinen Höhlen und anderen Schlupfwinkeln. Sie neigen dazu, gehäuft aufzutreten, berichtet der Experte. Mit anderen Worten: Wo man einen fängt, folgen oft weitere.
Der lang gestreckte Berg, den das Netz an Deck bildet, wächst langsam aber stetig. Plötzlich ruft Toni Ruiz; die erste Languste ist da. Das völlig in den Maschen verhedderte Tier schlägt mit dem Hinterleib um sich. Es unbeschädigt aus dem Wirrwarr zu befreien, erfordert viel Geduld und Geschick, und Gori Mayol hat zum Glück beides.
Ein gutes Exemplar, meint er. Ältere Langusten können bis zu 60 Zentimeter lang und über drei Kilo schwer werden. Solche Prachtstücke gibt es im Mittelmeer leider kaum noch. Palinurus elephas gilt als stark überfischt, die internationale Naturschutzorganisation IUCN stuft die Art als gefährdet ein. Die Großkrebse sind allerdings auch ein Musterbeispiel für die positiven Auswirkungen von Meeresschutzgebieten. Im „Reserva Natural de les Illes Columbretes“, einer 55 Quadratkilometer großen Schutzzone vor der östlichen Festlandküste Spaniens, hat die Gesamtbiomasse des Langustenbestands im Vergleich zu befischten Arealen um das Vierzehnfache zugenommen. Die außerhalb des Gebiets operierenden Fischer verzeichnen dadurch steigende Anlandungen. Ihre Einbußen durch den Verlust der Fanggründe im Reservat werden mehr als ausgeglichen; wissenschaftlichen Hochrechnungen zufolge beträgt das Nettoplus gut zehn Prozent.
Das Pollença-Gebiet
Ähnlich großer Zuwachs wäre wohl auch im AUR Pollença möglich. Das Areal, welches nach den derzeitigen Plänen die gesamten Gewässer rund um das berühmte Cap de Formentor umfassen würde, ist jedoch viel mehr als nur ein gutes Fischereirevier. „Wir haben dort so ziemlich alle mediterranen Unterwasserhabitate“, erklärt der STM-Projektleiter Sergio Ruiz-Halpern später am Telefon. Felsiger Grund, Sandboden, Seegraswiesen, Steilwände und natürlich die für das Mittelmeer typischen „koralligenen“ Lebensgemeinschaften, deren Hauptorganismen Kalkstrukturen bauende Algen sind. Es gibt zudem viele Unterwasserhöhlen, berichtet Ruiz-Halpern. Diese beherbergen eine erstaunliche Artenvielfalt, darunter auch Gorgonien, also Seefächer, der Gattung Eunicella sowie die echte Blutkoralle (Corallium rubrum).
„Save the Med“ hat seit 2018 im Pollença-Gebiet, wo später das AUR entstehen soll, eine Reihe von Untersuchungen durchgeführt. Den Ergebnissen nach dürften auch hier die ikonischen Zackenbarsche und andere Fischspezies wie Rochen, Kleinhaie und die hoch begehrte Zahnbrasse (Dentex dentex) am meisten von Schutzbestimmungen profitieren. Die ökologische Tragfähigkeit dieser Gewässer läge eigentlich deutlich über der momentaner Bestände, betont der Meeresbiologe und STM-Mitbegründer Gabriel Morey. Mit anderen Worten: Es könnte hier viel mehr Fisch gedeihen. Aktuell erreichen die Populationen nur etwa ein Drittel ihrer potenziellen Größen, sagt der Experte. Das Meer vor der Tramuntana-Küste unterliegt nicht der Verantwortung der hiesigen Regionalbehörden, fährt Morey fort. Stattdessen ist die spanische Zentralregierung zuständig. „Und die setzt zu wenig Personalressourcen für die Überwachung ein.“ Kein Wunder also, dass illegale Fischerei in der Region so floriere.
Ein Lichtblick
Mit der bereits begonnenen Planung für das AUR Pollença könnte sich die Lage allerdings ändern. Sie ist im spanischen Umweltministerium angesiedelt und hat bereits zur Erfassung illegaler Bootsliegeplätze geführt, wie Sergio Ruiz-Halpern erläutert. Letztere verursachen eine Zunahme der Wasserverschmutzung und schaden den empfindlichen Seegraswiesen. Gleichzeitig setzen STM und ihre Partnerorganisation „Arrels Marines“ bei Informationsforen den Austausch mit der lokalen Bevölkerung fort. „Wir lassen die Menschen erklären, was ihre Prioritäten sind“, betont Ruiz-Halpern. Dadurch sei die Akzeptanz inzwischen recht gut.
Wie schnell Schutzzonen tatsächlich eingerichtet werden, hängt letztlich von der Zentralregierung ab. Vielleicht schon 2026, meint der Projektleiter. Und möglicherweise helfe da auch die neue EU-Verordnung über die Wiederherstellung der Natur, die die Mitgliedsstaaten seit 2024 nicht nur zum Erhalt, sondern auch zur Renaturierung verpflichtet.
Draußen, in Sichtweite der Berge, schaukelt die „Passador“ auf den zunehmend bockigen Wellen. Beim ersten Hol konnten Gori Mayol und Toni Ruiz sieben schöne Langusten aus den Maschen bergen – ein gutes Ergebnis. Dazu landeten noch zwei Seeteufel (Lophius piscatorius) plus ein paar andere verkaufsfähige Fische an Deck. Im zweiten Netz hängen allerdings nur eine Languste und kaum Beifang. Hol Nummer drei fällt ähnlich mager aus. Da war wohl ein Trawler mit Schleppnetz unterwegs, meint Mayol. Noch sei das ab 50 Metern Wassertiefe legal, doch ein AUR könnte dies ändern. Dann wäre außerhalb der strikten Sperrzonen nur mehr die handwerkliche Küstenfischerei erlaubt. Für Mayol und seine Kollegen sähe die Zukunft dann wieder rosiger aus, denn die Betriebskosten steigen seit Jahren schneller als die Erträge, sagt der Fischer.
Am nördlichen Horizont verdunkeln sich derweil die Wolken. Ein Gewitter naht, erste Blitze jagen zuckend ins bleigraue Meer. Das letzte Netz wird warten müssen, beschließt Mayol. Besser gleich zurück in den Hafen, morgen ist auch noch ein Tag.
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