Obwohl Korallenriffe nicht einmal ein Prozent der Meeresfläche ausmachen, tummeln sich an ihnen 30 Prozent aller bekannten Arten von Meeresfischen. Doch diese Hotspots der Artenvielfalt sind in Gefahr, denn sie haben nur eine sehr geringe Toleranz gengenüber steigenden Temperaturen. Erwärmt sich das Meerwasser um sie herum zu stark, produzieren die einzelligen, symbiotischen Algen, die im Inneren der Korallen leben, statt Nähr- auf einmal Giftstoffe. Die Koralle stößt sie ab, bleicht aus und stirbt, denn ohne die Algen kann sie nicht überleben.
Korallenbleiche in der Tiefe
Bisher hat man angenommen, dass dieses Schicksal nur tropische Flachwasserkorallen treffen kann, die in einer Tiefe von zwei bis 30 Metern leben. Korallen in mittleren Wassertiefen von bis zu 150 Metern Tiefe galten hingegen als deutlich resistenter gegen den Klimawandel, da das Wasser in diesen Tiefen deutlich kühler ist. Zudem leben diese Korallen auf Höhe der sogenannten Sprungschicht oder Thermokline, in der die Wassertemperaturen relativ abrupt mehrere Grad kühler werden. Sie sind dadurch an wechselnde Wassertemperaturen gewöhnt – so dachte man.
Doch Forschende um Clara Diaz von der University of Plymouth haben nun zum ersten Mal ausgeblichene Riffe auch in 90 Metern Tiefe entdeckt – so tief wie nie zuvor. Die betroffenen mesophotischen Korallenriffe liegen im Chagos-Archipel im zentralen Indischen Ozean, wo das Team sie bereits 2019 mit einem speziellen Unterwasserroboter aufgespürt hat. Kurioserweise wiesen die höhergelegenen Riffe im selben Gebiet damals noch keine Anzeichen von Korallenbleiche auf. In 60 bis 90 Meter Tiefe dagegen waren zwischen 75 und fast 100 Prozent der Korallen abgestorben, wie das Team ermittelte. Diese Korallen waren damit ähnlich schwer von der Korallenbleiche betroffen, wie einige Bereiche des Great Barrier Reef und andere Flachwasserkorallenriffe.
Wetterphänomen verschob Wasserzonen
Um herauszufinden, warum im Chagos-Archipel offenbar alle bislang angenommenen Gesetzmäßigkeiten Kopf stehen, werteten Diaz und ihre Kollegen zahlreiche weitere Daten aus, die sie auf ihrer Forschungsreise gesammelt hatten. Dazu zählten Satelliteninformationen sowie Angaben zu Meeresbedingungen und Wassertemperatur. Das Ergebnis: Offenbar war die Temperatur der tiefen Wasserschicht im Jahr 2019 auf Höhe der mesophotischen Korallenriffe innerhalb kürzester Zeit von 22 auf 29 Grad angestiegen – selbst für temperaturtolerante Tiefwasserkorallen ein riesiger Sprung. Im selben Zeitraum hatte sich die Temperatur der Meeresoberfläche, in deren Nähe die Flachwasserkorallen wuchsen, hingegen kaum verändert, wie Diaz und ihre Kollegen berichten.
Wie ist das möglich? Das Team nimmt an, dass sich die Sprungschicht in diesem Jahr stärker und anhaltender als normal verschoben hatte. Dadurch lagen die mesophotischen Korallen nun deutlich über dieser Grenzschicht und waren somit ausschließlich von warmem Wasser umgeben. Sie blichen aus. Auslöser dieses Thermoklinen-Sprungs war laut Aufzeichnungen der Forschenden der sogenannte Indische-Ozean-Dipol (IOD), ein Wetterphänomen ähnlich dem pazifischen El Niño. Durch den IOD verstärkten sich die Ostwinde im gesamten östlichen und zentralen Indischen Ozean, wie Diaz und ihre Kollegen berichten. Zusammen mit einer anhaltenden Westströmung verschoben sie die Thermokline innerhalb von nur wenigen Monaten deutlich nach unten.





