Die Artenvielfalt nimmt weltweit ab. Immer mehr Arten sind vom Aussterben bedroht. Einige Regierungen und gemeinnützige Organisationen bemühen sich zwar, den Verlust der biologischen Vielfalt zu verringern, jedoch mit mäßigem Erfolg. Damit dies besser gelingt, müssen sie möglichst viel über die Bedrohungen für verschiedene Arten an verschiedenen Standorten wissen. Um dieses Verständnis zu vertiefen, hat ein Team um Axel Hochkirch vom Nationalmuseum für Naturgeschichte Luxemburg nun alle 14.669 Arten europäischer Tiere und Pflanzen analysiert, die bis Ende 2020 in sogenannten Roten Listen aufgeführt waren. Diese Listen der Internationalen Union zur Erhaltung der Natur (IUCN) geben den Bedrohungsstatus der aufgeführten Spezies an und gelten als die umfassendste Quelle zur Artenvielfalt und Gefährdungslage. Sie sind aber noch lange nicht vollständig. Die in der neuen Studie untersuchten Arten entsprechen etwa zehn Prozent aller Tiere und Pflanzen, die an Land und im Wasser in Europa vorkommen.
Jede fünfte Spezies in Europa ist vom Aussterben bedroht
Die Forschenden fanden heraus, dass etwa 19 Prozent der untersuchten Arten vom Aussterben bedroht sind, darunter 27 Prozent der Pflanzen, 24 Prozent der Wirbellosen (zum Beispiel Bienen, Schmetterlinge, Libellen und Heuschrecken) und 18 Prozent der Wirbeltiere (Amphibien, Vögel, Fische, Säugetiere und Reptilien). Insgesamt sind 2.839 der untersuchten Arten in Europa vom Aussterben bedroht. Hochgerechnet auf alle Arten weltweit sind es jedoch deutlich mehr, sagen die Wissenschaftler.
„Unsere Analyse legt nahe, dass zwei Millionen Pflanzen- und Tierarten vom Aussterben bedroht sind“, berichten die Autoren. Dieses Ergebnis ist doppelt so hoch wie die jüngste IPBES-Annahme aus dem Jahr 2019, wonach eine von insgesamt acht Millionen bekannten Arten weltweit vom Aussterben bedroht sind. Insbesondere der Anteil der vom Aussterben bedrohten wirbellosen Tiere sei bei weitem höher als die bisherigen Schätzungen dieser internationalen Organisation zur Biodiversität. Seit der letzten Analyse des IPBES liegen neue Daten vor, die nun in die neue Studie eingeflossen sind und zu den neuen Erkenntnissen geführt haben.
„Die neue Studie zeigt erheblich schärfer und umfassender als zuvor, dass deutlich mehr Arten vom Aussterben bedroht sind. Das macht die Dimension und die Dringlichkeit eines verbesserten Schutzes dieser Arten mehr als deutlich“, sagt der nicht an der Studie beteiligte Biodiversitätsforscher Matthias Glaubrecht von der Universität Hamburg. Zudem weist er darauf hin, dass aus Europa zwar lückenhafte, aber noch die besten Daten vorliegen. „Wenn sich hier die Situation schon derart dramatisch darstellt, bedeutet dies, dass sich die Biodiversitätskrise in anderen, weitaus artenreicheren Regionen sehr wahrscheinlich noch deutlich brisanter darstellt – insbesondere in den nach wie vor unzureichend erforschten Tropengebieten, etwa in Asien und Afrika“, sagt Glaubrecht.





