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Medizin und Nahrung unter einem Hut
In China und anderen asiatischen Ländern ist die Behandlung mit Heilpilzen seit Jahrhunderten eine anerkannte Therapie bei bestimmten Leiden. Auch in der übrigen Welt gewinnt seit den 1970er Jahren die Mykotherapie an Bedeutung. Es lohnt deshalb, die Möglichkeiten, aber auch die Risiken dieser Therapieform genauer unter die Lupe zu nehmen.
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Text: Leonie Fößel
Als das Eis ihn freigab, hatte er eine Überraschung dabei: „Ötzi“, der weltberühmte Steinzeitmann aus dem Gletscher, trug lokale Naturmedizin bei sich. In seinem Lederbeutel fanden sich Reste von Zunderschwamm und Birkenporling (siehe auch S. 12). Vermutlich kam ersterer zur Stillung von Blutungen zum Einsatz und letzterer als Schutz gegen Parasiten. Dieser Fund bestätigt: Menschen verwenden seit Jahrtausenden Pilze als Medizin – Vitalpilze nennt man diese Arten, die zwar zum Teil auch essbar sind, aber vor allem zur Behandlung von Krankheiten eingesetzt werden. Doch in einigen Teilen der Welt gerieten sie lange in Vergessenheit.
Nicht so in Asien, wo sie fester Bestandteil der Traditionellen Chinesischen Medizin und der ayurvedischen Heilkunde sind. Bekannte Vitalpilze sind zum Beispiel Reishi – auch „Pilz der Unsterblichkeit“ genannt –, Cordyceps, Austernpilz und Shiitake. „Auch der Champignon hat gute Wirkkräfte“, sagt die Heilpraktikerin und Mykotherapeutin Ulrike Müller, die mit einer Kollegin die Gesellschaft für Vitalpilzkunde führt. Der Champignon ist einer der 14 Vitalpilze, die sie in ihrer Therapie anwendet. Er schütze die Leber, rege den Stoffwechsel an, wirke blutdrucksenkend, blutzuckerregulierend und sei reich an Antioxidantien, Mineralstoffen und Spurenelementen.
Heilpilze waren in Europa lange vergessen
In Europa gerieten Heilpilze im Mittelalter durch die Kirche in Verruf: Sie wurden als „heidnisch“ abgetan. „Pilze hatten zudem einen schweren Stand, da Speisepilze oft ein giftiges Pendant haben (etwa Champignon und Knollenblätterpilz). Deswegen hieß es oft ‚Finger weg von Pilzen‘ und sie wurden ins Mystische verbannt“, sagt Ulrike Müller. Hildegard von Bingen habe trotz allem sehr viel mit Pilzen gearbeitet, doch ihre Klostermedizin sei lange unerwünscht gewesen.
So spielten Pilze in der westlichen Medizin lange Zeit keine große Rolle. Das änderte sich erst 1974 durch den „Scientific Congress on the Cultivation of Edible Fungi“ in Tokio. Auf diesem mykotherapeutischen Kongress stellten japanische Wissenschaftler erstmals ihre Erkenntnisse über Heilpilze einem größeren internationalen Publikum vor.
Auch in Deutschland wuchs danach das Interesse an den Heilpilzen. Die Behandlung mit ihnen ist jedoch bislang keine kassenärztliche Leistung, da ihre Wirkungsweise nicht wissenschaftlich belegt ist. Auch als Arzneimittel sind Heilpilze hierzulande nicht zugelassen, sondern nur als Nahrungsergänzungsmittel.
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Deshalb haben die Heilpilze heute ihren Platz in der Naturheilkunde, wo sie allein oder auch begleitend zu anderen medizinischen Behandlungen, wie etwa einer Chemotherapie bei Krebs, eingesetzt werden.
Mykotherapie: Pilze als Heilmethode
Bei einer Behandlung oder Vorbeugung von Erkrankungen durch Vitalpilze oder pilzliche Substanzen spricht man von Mykotherapie. „Mykos“ ist griechisch für Pilz.
Bei der Mykotherapie werden die Pilze meistens im getrockneten Zustand verabreicht, häufig als Pulver oder Kapseln. Die Mittel bestehen aus verschiedenen Teilen des Pilzes: sowohl dem oberirdischen Fruchtkörper als auch dem Myzel, ein sich in der Erde befindendes Geflecht aus Zellfäden – dem eigentlichen Pilz. Die Pilzmittel enthalten verschiedene Wirkstoffe, etwa Aminosäuren wie Lysin, Methionin oder Phenylalanin. Diese benötigt der Körper, um eigene Proteine zu bilden. Sie sind zudem reich an Vitaminen, Mineralstoffen, Spurenelementen und Aktivstoffen, denen die meisten gesundheitsfördernden Wirkungen in Vitalpilzen zugeschrieben werden. Aktivstoffe sind nicht lebensnotwendige Verbindungen, die keinen eigenen Nährstoffcharakter haben – denen aber eine gesundheitsfördernde Wirkung zugeschrieben wird: etwa Beta-Glucane, Triterpene und Phenole. Sie sollen unter anderem verdauungs- und immunstärkend, entzündungshemmend und mitunter antikarzinogen wirken.
Wie hoch das Potenzial von Vitalpilzen eingeschätzt wird, zeigt der globale Umsatz: Im Jahr 2013 wurde der Gesamtwert von Vitalpilzen auf rund 24 Milliarden US-Dollar geschätzt.
Pilze wirken ausgleichend
Die Vitalpilz-Forschung geht von mehr als 125 medizinischen Funktionen der Pilze aus, darunter Anti-Tumor-Effekte, positive Auswirkungen auf das Herz-Kreislauf-System, und auch anti-virale und anti-diabetische Funktionen. „Vitalpilze können bei sehr vielen Beschwerden helfen. Aber man muss immer bedenken: Pilze sind kein Wundermittel; sie können Probleme reduzieren und oft ist es auch schon ein Erfolg, wenn der Status quo bestehen bleibt und die Beschwerden sich nicht verschlechtern“, sagt Ulrike Müller. „Die Pilze wirken adaptogen, also ausgleichend. Mit ein und demselben Pilz kann man sowohl ein zu schwaches als auch ein zu aktives Immunsystem behandeln.“
Ihre Patientinnen und Patienten bekommen nicht mehr als drei bis vier Vitalpilze in Kombination. „Der Körper braucht Kraft dafür. Nach einer Anamnese empfehle ich die Pilzsorten. Es folgt eine Entgiftungszeit von ein bis sechs Wochen – je nachdem, wie man davor gelebt hat. Erst danach fangen die Pilze an zu arbeiten.“ Mindestens ein Vierteljahr müsse man die Vitalpilze nehmen, um einen therapeutischen Nutzen zu erzielen, bei dem sich das ganze System stabilisieren und ein längerfristiger Erfolg verzeichnet werden kann. Drei Dinge seien wichtig bei einer Mykotherapie. „Man muss viel trinken, um die Entgiftungsleistung der Pilze zu unterstützen. Grundsätzlich geht man von einer Trinkmenge von drei Prozent des Körpergewichts pro Tag aus. Zusätzlich ist eine gute Qualität der Präparate wichtig. Sie müssen von einem unabhängigen Labor geprüft sein. „Und die Darreichungsform der Pilze spielt auch eine große Rolle“, sagt Ulrike Müller. Die Pilzmittel gibt es als Pulver oder als Extrakt. Letzteres ist besser verdaulich, da hier das Chitin der Pilze herausgefiltert ist. An der Frage, welche Form besser geeignet ist, scheiden sich die Geister. „Ich arbeite sowohl mit Pulver als auch mit Extrakt, das kommt immer auf die Gegebenheiten der behandelten Person an.“
Mit manchen Medikamenten kommt es zu Wechselwirkungen, bei denen auf Pilze verzichtet werden sollte. In diesem Fall sollte eine erfahrene Mykotherapeutin hinzugezogen werden, um eine entsprechende Einnahme der Pilze zu empfehlen und zu begleiten. „Etwa bei Blutverdünnern: Die Pilze wirken thrombozytenaggregationshemmend – es kann also nach chirurgischen Eingriffen zu einer verlängerten Blutungsdauer kommen. Schilddrüsenpatienten, die L-Tyroxin nehmen, sollten auf den Reishi verzichten. Es kommt bei einigen zu Zittrigkeit und erhöhter Herzschlagfrequenz“, sagt Müller.
Bei Menschen mit Leber- oder Gallenproblemen setzt Ulrike Müller oft den Reishi ein, bei Nierenleiden den Cordyceps. Patientinnen mit starken Periodenbeschwerden könnten durch Cordyceps oder Coriolus Linderung erfahren. Handelt es sich um schwere Erkrankungen wie Krebs, können Pilze als Begleittherapie den Betroffenen helfen. „Die unerwünschten Wirkungen einer Chemotherapie können durch eine Kombination mit Vitalpilzen gemildert werden“, sagt Ulrike Müller. Etwa wenn die Chemotherapie unterbrochen werden muss, weil die Leukozytenzahl stark abnimmt. Oder wenn die Chemo-Medikamente die Schleimhäute angreifen: „Vielen Patientinnen ist sehr übel. Der Hericium-Pilz hilft hier, da er sowohl das Nervenwachstum stärkt als auch psychisch wirkt und stressresistenter macht. Gerade wegen seiner psychischen Wirkung ist dieser Pilz unabhängig von der Krebsart einsetzbar, da es darum geht, dass die Menschen gut durch die Chemo kommen.“
Es fehlen wissenschaftliche Nachweise
Ein Großteil des Wissens zur Wirkweise von Vitalpilzen stammt aus übermittelten Erfahrungswerten. Die Studien, die zu diesem Themengebiet existieren, wurden zumeist mit hochdosierten Pilz-Extrakten an Tieren durchgeführt, oder sogar nur im Labor. Viele Forschende bemängeln, dadurch sei nicht nachgewiesen, ob sie beim Menschen genauso wirken oder ob sie im Zweifel nicht sogar Schaden anrichten können.
„In Asien gibt es klinische Studien zu den Präparaten, aber diese sind nicht standardisiert. Pilze bilden immer komplexe Wirkstoffgemische. In diesen Studien wurde meist nur überprüft, wie die Zusammensetzung der getesteten Extrakte war“, sagt Marc Stadler, Leiter der Abteilung für Mikrobielle Wirkstoffe am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI). Er forscht mit seinem Team daran, aus Mikropilzen wirksame Einzelsubstanzen zu isolieren und diese auf eine mögliche medizinische Verwendung zu prüfen (Siehe S. 54). Ein solcher Mikropilz ist etwa der Schimmelpilz Penicillium chrysogenum, auf dessen bakterientötende Wirkung der Bakteriologe Alexander Fleming 1928 stieß. Die Entdeckung dieses ersten Antibiotikums war und ist bis heute einer der größten medizinischen Segen für die Menschheit. „Die meisten Pilze haben eine antibiotische Wirkung, da sie sich in der Natur gegen Fressfeinde schützen müssen“, erklärt Stadler. Das lässt sich leicht nachweisen.
Dagegen fehlen in Bezug auf die Vitalpilze wissenschaftliche Studien, die nachweisen, wie sie wirken – oder ob sie überhaupt mehr als „nur“ Placebo-Effekte entfalten. „Aber wenn das den Menschen hilft, dann ist das ja nicht verkehrt. Immer mit der Einschränkung, dass in manchen Präparaten auch giftige Stoffe enthalten sein können“, sagt Marc Stadler und warnt: „Zum Beispiel enthalten Ganoderma – Reishi Fruchtkörper – stark cytotoxische Terpene und können trotzdem frei verkäuflich als Nahrungsergänzungsmittel übers Internet gekauft werden.“
Präparate können giftige Bestandteile enthalten
Da Vitalpilz-Produkte in Deutschland zwar als Nahrungsergänzungsmittel, aber nicht als Arzneimittel zugelassenen sind, sind sie oftmals nicht analytisch geprüft. Deshalb ist Vorsicht geboten. Die Pilzexpertin Ulrike Müller rät: „Man kann bei den Lieferanten einen Prüfbericht anfordern. Ein seriöser Lieferant wird den herausgeben. Wenn der Bericht zum Beispiel gar nicht auf Deutsch verfügbar ist, wäre ich vorsichtig.
Außerdem sollte man auf die Körnchengröße in den Kapseln achten: Die Körner sollten mit bloßem Auge nicht erkennbar sein, sonst sind sie zu grob und der Körper kann sie nicht verstoffwechseln“, sagt sie. Misstrauen sei auch geboten, wenn ein Angebot im Vergleich extrem günstig sei.
Laut Verbraucherzentrale sind die Mittel außerdem häufig mit gesundheitsgefährdenden Stoffen wie Aflatoxinen verunreinigt. Diese pilzlichen Gifte werden aus zwei Schimmelpilzen gebildet und wirken genotoxisch und karzinogen, sie sind also gefährlich für den Menschen. Deswegen ist von einer Eigentherapie mit Pilzmitteln abzuraten, man sollte sich besser an Experten wenden. Gerade bei schweren Krankheiten wie Krebs sollten naturheilkundliche Verfahren, wie die Behandlung mit Vitalpilzen keinesfalls anstatt geprüfter Medikamente und einer wissenschaftlich sicheren Behandlungsmethode angewendet werden. Es ist nicht ratsam, alle Hoffnungen auf eine Mykotherapie zu setzen und auf eine medizinisch geprüfte Heilmethode zu verzichten. Als Begleittherapie können die Pilze allerdings Linderung verschaffen – mit den Kräften der Natur. //
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