Text: Leonie Fößel
Als das Eis ihn freigab, hatte er eine Überraschung dabei: „Ötzi“, der weltberühmte Steinzeitmann aus dem Gletscher, trug lokale Naturmedizin bei sich. In seinem Lederbeutel fanden sich Reste von Zunderschwamm und Birkenporling (siehe auch S. 12). Vermutlich kam ersterer zur Stillung von Blutungen zum Einsatz und letzterer als Schutz gegen Parasiten. Dieser Fund bestätigt: Menschen verwenden seit Jahrtausenden Pilze als Medizin – Vitalpilze nennt man diese Arten, die zwar zum Teil auch essbar sind, aber vor allem zur Behandlung von Krankheiten eingesetzt werden. Doch in einigen Teilen der Welt gerieten sie lange in Vergessenheit.
Nicht so in Asien, wo sie fester Bestandteil der Traditionellen Chinesischen Medizin und der ayurvedischen Heilkunde sind. Bekannte Vitalpilze sind zum Beispiel Reishi – auch „Pilz der Unsterblichkeit“ genannt –, Cordyceps, Austernpilz und Shiitake. „Auch der Champignon hat gute Wirkkräfte“, sagt die Heilpraktikerin und Mykotherapeutin Ulrike Müller, die mit einer Kollegin die Gesellschaft für Vitalpilzkunde führt. Der Champignon ist einer der 14 Vitalpilze, die sie in ihrer Therapie anwendet. Er schütze die Leber, rege den Stoffwechsel an, wirke blutdrucksenkend, blutzuckerregulierend und sei reich an Antioxidantien, Mineralstoffen und Spurenelementen.
Heilpilze waren in Europa lange vergessen
In Europa gerieten Heilpilze im Mittelalter durch die Kirche in Verruf: Sie wurden als „heidnisch“ abgetan. „Pilze hatten zudem einen schweren Stand, da Speisepilze oft ein giftiges Pendant haben (etwa Champignon und Knollenblätterpilz). Deswegen hieß es oft ‚Finger weg von Pilzen‘ und sie wurden ins Mystische verbannt“, sagt Ulrike Müller. Hildegard von Bingen habe trotz allem sehr viel mit Pilzen gearbeitet, doch ihre Klostermedizin sei lange unerwünscht gewesen.
So spielten Pilze in der westlichen Medizin lange Zeit keine große Rolle. Das änderte sich erst 1974 durch den „Scientific Congress on the Cultivation of Edible Fungi“ in Tokio. Auf diesem mykotherapeutischen Kongress stellten japanische Wissenschaftler erstmals ihre Erkenntnisse über Heilpilze einem größeren internationalen Publikum vor.
Auch in Deutschland wuchs danach das Interesse an den Heilpilzen. Die Behandlung mit ihnen ist jedoch bislang keine kassenärztliche Leistung, da ihre Wirkungsweise nicht wissenschaftlich belegt ist. Auch als Arzneimittel sind Heilpilze hierzulande nicht zugelassen, sondern nur als Nahrungsergänzungsmittel.
Deshalb haben die Heilpilze heute ihren Platz in der Naturheilkunde, wo sie allein oder auch begleitend zu anderen medizinischen Behandlungen, wie etwa einer Chemotherapie bei Krebs, eingesetzt werden.





