Weibliche Drosselrohrsänger bevorzugen bei der Partnerwahl das Männchen mit dem größten Gesangsrepertoire. Eine biologische Erklärung dafür liefern Stephen Nowicki und seine Mitarbeiter von der Duke University in Durham: Das Weibchen erkenne an der Liedervielfalt, ob der Sänger während seiner Nestlingszeit gut versorgt wurde. Einem hungrigen Küken steht nicht der Sinn danach, Chorknabe zu werden und als Nestling an Gesangsstunden teilzunehmen. Entsprechend kümmerlich ist dessen Liedrepertoire. Gut ernährte Nestlinge dagegen haben nicht nur gelernt, abwechslungsreicher zu singen, sondern besitzen auch bessere geistige und körperliche Fähigkeiten.
Zum Beweis dieser Behauptung zeichneten die Forscher die Gesänge einjähriger Drosselrohrsänger auf und protokollierten deren Gewicht und die Länge bestimmter Federn. Die Federlänge gilt als Maß für die körperliche Fitness. Die Sänger mit den meisten Liedern hatten auch die längsten Federn und ein im Durchschnitt höheres Körpergewicht. Die Meistersänger zeichneten sich zudem durch besser entwickelte Hirnstrukturen aus.
Eine Gesangsdarbietung mit arg begrenztem Liedangebot wirkt daher auf die Weibchen wie die billige Anmache eines minderbemittelten Verehrers. “Indem es die gesanglichen Fähigkeiten des Männchens bewertet, erhält das Weibchen genaue Informationen über wichtige Fähigkeiten wie räumliches Orientierungsvermögen und Gedächtnis”, sagt Nowicki. Diese wiederum sind Voraussetzungen, damit das Männchen lebenswichtige Aufgaben meistern kann wie zum Beispiel Schutz vor Feinden, Nahrungssuche und Revierverteidigung. (Proceedings of the Royal Society of London 267, p. 2419)
Joachim Czichos





