Und ich bin nicht der Einzige, der hier am Bug unseres Schiffes die Nacht zum Tag macht. Da sind Norbert Rosing, Naturfotograf und bekennender Arktisfan, Katie Miller von der Umweltorganisation Polar Bears International und schließlich eine Handvoll Arktis-Reisende. Wir alle sind hier oben, in den Gewässern um Spitzbergen mit der Fietz GmbH Polar-Kreuzfahrten unterwegs, einem kleinen Reiseunternehmen, das sich auf Expeditionen in arktische Gewässer spezialisiert hat.
Rund eine Woche dauert die Tour, wir unternehmen Landgänge, wir fahren mit Schlauchbooten an Gletschern entlang und starren in die kalte Welt. Wir sind hier, um die Arktis zu erfahren, das Eis, die Tiere und Pflanzen, das Leben und seine Verletzlichkeit. Auch wenn die Bedingungen rau sind, denn die Temperaturen steigen selbst im Sommer kaum über fünf bis sieben Grad – jenseits des 78. Breitengrades bekommt der Klimawandel ein Gesicht. Feuchte statt kalte Winter töten die Rentiere, lange Sommer verändern die Gletscherlandschaft und das feine Gefüge der Natur. Gerade diesen Sommer ist das Eis knapp geworden. Es hat schon stark getaut und ein Sturm vor wenigen Wochen trieb das restliche Packeis auseinander. Eis ist überhaupt nur noch an wenigen Stellen rund um das Archipel zu finden. Dafür gibt’s Eisbären.
Meine sind gerade alle unsichtbar. Es ist ruhig, so ruhig wie es nurmehr in der Wüste oder eben der Arktis ist. Man traut sich kaum, laut zu sprechen. Sogar der Wind hat eine Pause eingelegt. Schwarzes Wasser, dazwischen Eisplatten, manche flach wie Pfannkuchen, manche ineinander geschoben, wie kaltes Mikado. Dort, wo das Eis unter ein paar Handbreit Wasser liegt, wirkt es blau und unheimlich anziehend. Und die Sonne steht über allem.
Während ich noch überlege, mir einen nächsten Kaffee zu holen, flüstert eine Frau neben mir: „Dort.“ Hundert Meter vor unserem Bug trottet eine Eisbärin direkt auf uns zu. Mit einem Jungtier im Schlepptau.
Die Neugier treibt sie zu uns. Vielleicht auch der Hunger. Ich frage mich, wie ich diese 2,50 Meter große Jägerin übersehen konnte? Als Robbe hätte ich wohl ausgespielt. Immer näher kommt sie. Wahrscheinlich duften wir verführerisch. Schon komisch, wenn man plötzlich selbst als Futter eingestuft wird. 50 Meter sind sie noch entfernt. 30. 20. 10. Jetzt sind die beiden vor mir. Über die Reling des Schiffes gebeugt, sehe ich direkt ins Gesicht der Bärin. Es ist viel schmaler, eleganter als der bullige Schädel eines Männchens. Zum ersten Mal fällt mir auf, dass Eisbären einen ewig langen Hals haben. Ich sehe ihr Kleines, das immer wieder Gesten und Verhalten der Mutter nachahmt; die Mutter taucht ins Wasser, das Kleine hinterher. Die Mutter wälzt sich im Harsch des Eises, um sich abzutrocknen, das Kleine macht es nach. Man sieht ihre Spuren, die breiten Tatzen, die sich im Eis abzeichnen, hört die Tiere atmen und ihre Krallen über die Schollen schaben. Es ist bewegend, und die Frau neben mir weint leise. Ich denke nur: Gut, dass wir nicht da unten auf der Eisscholle stehen.





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Mit an Bord haben wir Frank Fietz, Chef der Firma und Expeditionsleiter, sowie handverlesene Spezialisten für Geologie, Biologie und Klimatologie, die uns auf unseren Landgängen führen. Zudem konnten wir zwei außergewöhnliche Referenten gewinnen: Zum einen Norbert Rosing, den renommierten Naturfotografen, Arktisspezialisten und Botschafter in Sachen Eisbär. Er wird uns den Lebensraum und das Leben der Eisbären mit Vorträgen erschließen und Tipps zur Fotografie geben. Zudem begleitet uns Dr. Dirk Notz. Er ist Leiter der Forschungsgruppe Meereis des Hamburger Max-Planck-Instituts für Meteorologie. Er will uns über den neuesten Stand der Forschung informieren und wird selbst Untersuchungen durchführen. Und schließlich begleitet die Tour unser Redakteur Peter Laufmann.
Wir brechen mit dem Expeditionsschiff „Quest“ von Longyearbyen auf. Zwölf Tage kreuzen wir dann in den Gewässern der Arktis. Wir werden ausgedehnte Landgänge unternehmen, in den Eisfeldern ankern und zur Packeisgrenze nördlich des 80. Breitengrades vorstoßen. Anhand historischer Aufnahmen von Gletschern werden wir ihre heutige Ausdehnung begutachten und unter fachkundiger Anleitung selbst Eisproben nehmen. Wir lassen uns aber auch Zeit, um die Stille und das Leben der Arktis zu genießen. Und wir werden Eisbären sehen. Garantiert.