Bakterien sind Überlebenskünstler. Doch ein Leben ohne Licht, tief unter dem Ewigen Eis der Antarktis traute man auch den genügsamsten Mikroben nicht ohne weiteres zu. Doch John Priscu, leitender Wissenschaftler des U.S-Forschungsprojektes WISSARD hat sie gefunden: Bakterien, die eine halbe Meile unter der Oberfläche den lebensfeindlichen Bedingungen der West-Antarktis trotzen. Jetzt ist das erste Paper zu den Ergebnissen des groß angelegten WISSARD-Projektes in dem Fachblatt “Nature” erschienen. “Wir konnten der Welt eindeutig beweisen, dass Antarktika kein toter Kontinent ist”, sagt Priscu. Mehr noch, denn die Entdeckung der Forscher zeigt, dass unter dem Eis nicht nur vereinzelte Lebewesen, sondern ganze Ökosysteme existieren.
Polarforscher John Priscu war schon lange überzeugt davon, dass die Antarktis unterschätzt wird. Vor über zehn Jahre veröffentlichte er zwei Artikel, in denen er beschrieb, wie mikrobielles Leben in Eis und Dunkelheit bestehen kann. Als sein Team im Januar letzten Jahres bei Bohrungen zu dem unterirdischen Gletschersee Lake Whillans tatsächlich lebende Organismen fand, war er daher nicht wirklich überrascht. Er fühlte sich vielmehr bestätigt. Doch auch für ihn enthielten die Proben noch einige faszinierende Erkenntnisse.
Energie aus Ammonium und Methan
Die am häufigsten vorkommende Art der widerstandsfähigen Organismen waren sogenannte Archaeen, die dritte vorherrschende Domäne aller zellulären Lebewesen neben Bakterien und Eukaryoten. Sie haben einen außergewöhnlichen Stoffwechseln und sind an extreme Lebensräume angepasst. Die neu entdeckten antarktischen Seebewohner nutzen zu großen Teilen Ammonium als Energiequelle, einen anorganisches Endprodukt aus vielen Stoffwechselvorgängen. Die Archaeen wandeln es zu Nitrat um. Andere Spezies verarbeiten Methan, um zu überleben. Beide Stoffe entstanden vermutlich beim Zerfall von Pflanzen und Tieren, die sich vor Hunderttausenden von Jahren auf dem Grund des Sees abgelagert hatten.
Alle organischen Bestandteile waren längst zesetzt, so dass die Tiefseebewohner auf anorganische Energiequellen umsteigen mussten. Um sicher zu gehen, dass die Bakterien tatsächlich aus dem Lake Whillans stammen und nicht durch ihre Geräte eingeschleppt worden waren, mussten die Expeditionsteilnehmer größte Vorsicht walten lassen. Ein einzigartiger Heißwasser-Bohrer und ein eigens entwickeltes Dekontaminations-System wurden eingesetzt, um möglichst jeden Zweifel an der Echtheit der Daten auszuschließen.
Die Mikroorganismen, die die US-Forscher im letzten Jahr entdeckt hatten, werden noch heute untersucht, so groß ist die Vielfalt in den Proben. “Wir schauen auf eine Wassersäule, die vermutlich ungefähr 4000 unterschiedliche mögliche Spezies enthält”, sagt Bent Christner, Hauptautor der jetzt erschienenen Studie. “Diese Diversität ist unglaublich.”





