Fledermäuse sind extrem lernfähig, wenn es um das Einschätzen ihrer Beute geht. Das haben Wissenschaftler der Universität von Texas in Austin in Experimenten mit zehn wilden Fransenlippenfledermäusen ( Trachops cirrhosus) gezeigt. Die Forscher konnten den Tieren innerhalb einer Nacht beibringen, nicht mehr auf die Rufe ihrer eigentlichen Beutetiere, sondern auf die giftiger Kröten zu reagieren. Diese schnelle Lernfähigkeit ermöglicht es den Fledermäusen, sich auf plötzliche Veränderungen in ihrer Umwelt einzustellen. Über ihre Ergebnisse berichten Rachel Page und Michael Ryan in der Fachzeitschrift Proceedings of the Royal Society: Biological Sciences (Online-Vorabveröffentlichung, DOI: 10.1098/rspb.2004.2998).
Die Forscher spielten jeder Fledermaus über einen Lautsprecher den Lockruf ihres Beutetieres, des Tungarafrosches ( Physalaemus pustulosus), vor. Zeitgleich dazu ertönte einige Meter entfernt aus einem weiteren Lautsprecher der Balzruf der giftigen Aga-Kröte ( Bufo marinus). Zunächst flog jede der zehn Fledermäuse ausschließlich zu dem Lautsprecher, der den Ruf des Tungarafrosches spielte.
Mithilfe einer speziellen Software verwandelten die Wissenschaftler nun schrittweise den Balzruf des Frosches, so dass eine Folge aus fünf künstlichen Rufen entstand, die dem der Aga-Kröte allmählich immer ähnlicher wurde. In genau dieser Reihenfolge präsentierten Page und Ryan die Rufe den Fledermäusen. Sprach ein Tier auf den Lockruf an, wurde es belohnt. Das Experiment wurde dann mit dem nächsten Ruf aus der Folge wiederholt. Nach einer Nacht hatten die Tiere bereits umgelernt: Ihre Reaktion auf die Balzrufe der beiden Arten hatte sich umgekehrt.
Wie die Studie gezeigt hat, können Fledermäuse sehr schnell neues Verhalten erlernen und sich dadurch veränderten Umweltbedingungen rasch anpassen. Zum Beispiel könnten sie darauf reagieren, falls die Frösche ihren Balzruf einmal ändern sollten. Auch fällt es ihnen dadurch leichter, auf andere Beutetiere auszuweichen, wenn Tungarafrösche knapp sind. Die Balzrufe sind jedoch nicht das einzige Kriterium, nach dem sie die Güte ihrer potenziellen Nahrung einschätzen. Mithilfe der Echo-Ortung zum Beispiel können sie zusätzlich Größe und Gestalt eines Tieres bestimmen.
ddp/wissenschaft.de ? Sonja Huhndorf





